15. April 2015, 16:23 Uhr

Die wirtschaftliche Bedeutung der Gesundheit

Auf jeden Einwohner Hessens entfallen in einem Jahr schon mal durchschnittliche Gesundheitsausgaben in Höhe von 3819 Euro. Solche und andere Zahlenspiele erklärt Dr. Lars Witteck, Regierungspräsident.
15. April 2015, 16:23 Uhr
Die Medizinwirtschaft in Mittelhessen hat Dr. Lars Witteck im Blick. In Wetzlar schaut er bei einer Technikmesse durch den Apparat eines Herstellers aus Biebertal. (Foto: pad)

Reinhard Südhoff führte das Interview

Dr. Lars Witteck befasst sich als Regierungspräsident und als Vorsitzender des Regionalmanagementvereins Mittelhessen immer wieder mit Gesundheitsthemen. Die Gießener Allgemeine Zeitung fragte bei ihm nach, welche wirtschaftliche Bedeutung diese Branche für die Region hat.

Der Bereich Gesundheit ist ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor. Warum?

Lars Witteck: Die Gesundheitswirtschaft zählt zu den größten Branchen der deutschen Volkswirtschaft und wird im Zuge einer immer älter werdenden Bevölkerung, die gesund alt werden möchte, nicht nur immer wichtiger, sondern wird auch langfristig diesen Stellenwert untermauern können. Erhebungen des Statistischen Landesamtes, wonach im Jahr 2012 in Hessen knapp 23 Milliarden Euro für gesundheitsbezogene Güter und Dienstleistungen ausgegeben wurden, bestätigen meine Auffassung. Auf jeden Einwohner Hessens entfielen demnach durchschnittliche Gesundheitsausgaben in Höhe von 3819 Euro, womit Hessen im Bundesvergleich an erster Stelle rangiert. Rein rechnerisch ergibt sich bei rund 1,05 Millionen Einwohnern Mittelhessens ein Ausgabevolumen von rund vier Milliarden Euro für die Gesundheit. Dies zeigt, dass diese Branche ein wesentlicher Bestandteil der regionalen Wertschöpfungskette ist, der auf keinen Fall vernachlässigt werden darf.

Welche Bedeutung hat die Medizin als Arbeitgeber in Mittelhessen?

Witteck: Nicht erst seit Emil von Behring oder Conrad Röntgen hat die Wissenschaft einen besonderen Stellenwert in Mittelhessen. Die Liste namhafter Mediziner ist lang, die in Gießen und Marburg gelehrt haben und von deren Forschungsergebnissen wir noch heute profitieren. Ihre zum Teil weltweite Reputation strahlt auch heute noch auf den Medizin- und Pharmastandort Mittelhessen aus. Auch diesen Wegbereitern der Wissenschaft ist es zu verdanken, dass das Universitätsklinikum Gießen und Marburg heute das drittgrößte Universitätsklinikum Deutschlands ist und mit seinen rund 9600 Mitarbeitern verschiedenster Berufs- und Fachrichtungen zu den größten Arbeitgebern der Region zählt. Doch es sind nicht nur die großen Krankenhäuser und Klinikverbände, sondern auch viele Pflegeeinrichtungen, niedergelassene Ärzte, Therapeuten sowie Hochschulen und Pharmahersteller, die für Arbeitsplätze sorgen und medizinischen Nachwuchs ausbilden. Viele Fach- und Rehakliniken haben sich abseits der Oberzentren im ländlichen Raum angesiedelt und profitieren von Kooperationen mit den großen Krankenhäusern. Sie schaffen dort einerseits eine gute medizinische Infrastruktur und stellen zudem sicher, dass Arbeitsplätze aufs Land kommen. Doch kein Unternehmen, egal welcher Branche, findet Mitarbeiter, wenn die medizinische Versorgung im Umfeld nicht ausreichend gewährleistet ist. Gleichzeitig möchte aber jeder, der in der Medizinbranche arbeitet, ein attraktives Lebensumfeld haben.

Was muss getan werden, um jungen Menschen hier eine Perspektive zu geben?

Witteck: Es ist mir von jeher ein besonderes Anliegen, dass die in unserer Region gut ausgebildeten, jungen Menschen nicht der Sogwirkung der Großstadt erliegen, sondern hierbleiben, damit die heimischen Unternehmen von ihren Fähigkeiten profitieren können. Jeder weiß, dass die Attraktivität eines Arbeitsplatzes auch von seinem Umfeld abhängt, hierzu zählt auch, welche medizinischen Dienstleistungen Arbeitnehmer am Standort vorfinden. Deshalb bieten sich bei uns im städtischen Bereich in dieser Hinsicht beste Voraussetzungen. Nicht ganz so optimal ist hingegen die Lage im ländlichen Raum, wo es ohnehin schon schwer ist, geeignete Mitarbeiter zu finden. Während momentan der Grad der hausärztlichen Versorgung noch bei über 100 Prozent liegt, wird er aufgrund der Altersstruktur hessischer Landärzte in den nächsten Jahren um durchschnittlich 20 Prozentpunkte sinken. Bei Erhebungen im Jahr 2010 war bereits rund ein Fünftel aller niedergelassenen Ärzte auf dem Land 60 Jahre oder älter; der Anteil der 50- bis 59-Jährigen lag bei 44 Prozent. Man muss kein Hellseher sein, um zu sehen, dass ohne Gegensteuerung ein unangenehmer und einschneidender Versorgungsengpass auf uns zukommt. Auch aus diesem Grund gilt es vor allem, schon jetzt jungen Medizinstudenten eine Tätigkeit als Landarzt schmackhaft zu machen, um langfristig die medizinische Versorgung sicherzustellen. Dazu gehören Stipendien, Starthilfen oder Kredite. Dazu gehört aber auch, das Leben im ländlichen Raum attraktiv zu halten durch Angebote wie Kindergärten, Grundschulen, gut ausgebaute Verkehrswege und ein funktionales öffentliches Verkehrsnetz.

Die Partikeltherapie wird nun doch in Marburg in Betrieb genommen.

Witteck: Der Verbleib dieser hochinnovativen Einrichtung ist vielen schlauen Köpfen zu verdanken und kann durchaus als Meisterleistung bezeichnet werden. Wo vormals weite Wege zurückzulegen waren, können schwerkranke Menschen jetzt mit modernster Technologie auf allerhöchstem Niveau behandelt werden. Zudem können die herausragenden Forschungsleistungen an der Philipps-Universität Marburg in diesem Bereich künftig auch vor Ort umgesetzt werden. Das wird Mittelhessen auch international nach vorne bringen.

Die Lahn-Dill-Kliniken und die Kliniken des Gesundheitszentrum Wetterau schließen sich zusammen. Was halten Sie davon?

Witteck: Mit dem Zusammenschluss zum Gesundheitszentrum Mittelhessen, der im Mai erfolgen soll, entsteht der zweitgrößte öffentlich-rechtliche Klinikverbund in Hessen mit rund 3000 Mitarbeitern. Das schafft Synergien und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit auf einem immer stärker umkämpften Markt. Gleichzeitig garantiert dieses Bündnis eine exzellente, flächendeckende Versorgung der Menschen in der Region, bei gleichzeitiger Spezialisierung auf bestimmte Fachbereiche innerhalb des Verbundes.

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