20. März 2008, 19:42 Uhr

Neapolitanische Lebenslust und Todesahnung

Mit der Premiere des stürmisch gefeierten Pergolesi-Ballettabends von Jörg Mannes begannen Hannovers 5. Oster-Tanz-Tage. Das Gastspiel des Bayerischen Staatsballetts mit drei neoklassischen Choreografien am Karfreitag und »4Beethoven4« von Mannes, Hannovers österreichischem Ballettchef, ergänzen das sechstägige Festival.
20. März 2008, 19:42 Uhr
Catherine Franco und Marco Boschetti in der Choreografie »Stabat mater« (Fotos: Weigelt)

Mit der Premiere des stürmisch gefeierten Pergolesi-Ballettabends von Jörg Mannes begannen Hannovers 5. Oster-Tanz-Tage. Das Gastspiel des Bayerischen Staatsballetts mit drei neoklassischen Choreografien am Karfreitag und »4Beethoven4« von Mannes, Hannovers österreichischem Ballettchef, ergänzen das sechstägige Festival. Eingebettet in die fünf Vorstellungen in der Staatsoper der niedersächsischen Hauptstadt, die sich immer eindrucksvoller als Tanzstadt des deutschen Nordens profiliert, ist der 22. Internationale Wettbewerb für Choreografen, veranstaltet von der Ballettgesellschaft mit Unterstützung der Lottostiftung. 18 Bewerber unter 35 Jahren aus 13 Nationen erreichten das Finale.

Zum ersten Mal stand eine Premiere am Beginn. Mannes, dessen internationale Karriere als Tänzer und Choreograf mit »Pulcinella« an der Wiener Staatsoper begann, hat seine erste Einstudierung des legendären Neo-Klassikers der »Ballet Russes« mit Verve und viel Herzblut kreiert. Für die Commedia dell'Arte um Italiens Harlekin Pulcinella, der ganz Neapel mit seinen Verwirrspielen auf den Kopf stellt, findet Mannes begeisternd ausgelassene Gesten voll Witz und Tempo. Spiel- und sprungfreudig wie bisher nie gibt sich die erst in der vorigen Spielzeit von Mannes formierte große Truppe. Elvis Val als Pulcinella und der drahtige Pantelis Zikas als sein Freund Furbo, der für ihn den Scheintod stirbt (um in dreifacher Gestalt alle von Neuem durch Neapels Gassen zu hetzen) sind köstliche Kumpel. Die hauchzarte Keiko Nisugi tanzt Pulcinellas Pimpinella hinreißend kokett und theatralisch exaltiert.

Hatte kein Geringerer als Pablo Picasso die kunterbunte Ausstattung für die Pariser Uraufführung von »Pulcinella« 1920 geschaffen, so setzt Bühnenbildner Lars Peter völlig auf stilisierte Unterkühlung des neapolitanischen Flairs. Durch neun gleich große mobile Würfel deutet er Häuser und enge Gassen an. Duftig stilisiert sind auch Lenka Radeckys Kostüme. Giovanni Battista Pergolesis spät-barocke Musikstücke, die Igor Strawinsky für seine »Pulcinella«-Musik nur leicht modifizierte, wurde vom Niedersächsischen Staatsorchester unter dem jungen Koreaner Jahbom Koo leider über weite Strecken viel zu pastos und unrein intoniert.

Der musikalische Hochgenuß des folgenden »Stabat mater« allerdings ließ dieses Manko bei der Premiere vergessen. Nur 26 Jahre alt war Pergolesi, als er das mittelalterliche Gedicht wenige Tage vor seinem Tod komponierte. Seine berückenden Trauer- und Klagegesänge boten Dorothea Maria Marx und Okka von der Damerau ergreifend.

Mannes zeigt in seiner Choreografie darauf eine andere Welt als das sonnige Neapel: Vergänglichkeit ist nah, Todesahnung und -bedrohung im Schatten des Vesuvs. Vorn an der Rampe erinnert ein Sandstein-Torso an den Untergang Herculaneums. Der Tanz vor einer hohen Wand aus den neun Quadern beginnt und endet mit einem düsteren Tableau als einzige Reverenz an die Trauermusik. Dann stieben die Tänzer in ihren meist schwarzen Trikots, Röcken und Hosen auseinander, treten in hochakrobatischen Soli und kleinen Ensembles auf. Einmal mehr erweist sich Jörg Mannes als sensibler Ballettkomponist musikalischer Meisterwerke. Mit diesem Programm sind er und seine Truppe wirklich gut angekommen in Hannover.

Weitere Vorstellungen: 24.3., 4., 11., 19., 23. und 27.4.08. Info im Internet: www.oper-hannover.de

Marieluise Jeitschko

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