16. April 2008, 17:38 Uhr

Zerreißprobe zwischen Pflicht und Gefühlen

»Werther«, Jules Massenets nach Goethes berühmtem Briefroman »Die Leiden des jungen Werthers« entstandenes vieraktiges Dramelyrique, steht nach Darmstadt, Frankfurt, Gießen und Heidelberg nun auch im Mainzer Staatstheater in Regie Tatjana Gürbacas auf dem Spielplan.
16. April 2008, 17:38 Uhr
Charlotte (Patricia Roach) findet Werther (Sergio Blazquez) stark verletzt (Foto: Theater)

»Werther«, Jules Massenets nach Goethes berühmtem Briefroman »Die Leiden des jungen Werthers« entstandenes vieraktiges Dramelyrique, steht nach Darmstadt, Frankfurt, Gießen und Heidelberg nun auch im Mainzer Staatstheater in Regie Tatjana Gürbacas auf dem Spielplan: Eine ganz aus der Perspektive Charlottes beleuchtete, mit allerlei Symbolen arbeitende, moderne Inszenierung, die hinter die Fassade einer nur noch scheinbar in sich stimmigen, heilen Welt des ausgehenden Jahrhunderts blicken lässt. Übel dran sind von jeher die Frauen: Sie haben gehorsame Töchter zu sein, sich im Haushalt nützlich zu machen, Verantwortung für die jüngeren Geschwister zu übernehmen und notfalls Mutterstelle zu vertreten, danach standesgemäß zu heiraten und pflichtbewusste Ehefrauen zu werden, die für Harmonie und Glück im häuslichen Kreis zu sorgen haben. Viel Platz für eigene Lebensentwürfe bleibt da nicht. Sie gehen in den Geschäften des Alltags unter.

In den traulichen Kreis der kinderreichen Familie des verwitweten Amtmanns Le Bailli bricht an einem schönen Sommertag der junge Dichter und Ossian-Übersetzer Werther, der Regeln, Gesetze und Konventionen der Gesellschaft missachtet, wie ein Sturmwind ein. In seiner Hybris glaubt er, sie jederzeit ungestraft übertreten zu können, proklamiert persönliche Freiheit in allen Dingen, trägt mit seiner geheime Wünsche weckenden Welt- und Lebensanschauung nichts als Unruhe ins Haus und bringt alle und alles durcheinander. Der Schöngeist und Romantiker liebt Charlotte, des Amtmanns älteste Tochter, und fühlt sich (abweichend von Goethes Roman) von ihr wiedergeliebt. Als er erfährt, dass sie mit Albert verlobt ist und ihn demnächst heiraten wird, nimmt er schweren Herzens Abschied, kehrt jedoch schon im Herbst wieder zurück. Er spürt rasch, dass zwischen den Jungvermählten nicht alles im Lot ist, beschwört Charlotte in einem leidenschaftlichen Ausbruch, sich loszusagen, alles hinter sich zu lassen und mit ihm zu gehen. Doch die wagt den Schritt und Schnitt nicht, sondern fleht ihn an, zu gehen.

Heiligabend steht er unvermutet wieder da, bedrängt die von ihrer Ehe Enttäuschte aufs Neue, versucht gar, Alberts Platz im Haus einzunehmen und kennt keinerlei Hemmung mehr. Es kommt zu einer letzten, rauschhaften Begegnung des Paares, bei der beide klar erkennen: »Wir lügen, wenn wir uns weiter einreden, dass wir unsere Liebe besiegt haben!« In der Gewissheit, dass es weder ein Zurück noch eine gemeinsame Zukunft geben kann, bleibt Werther nur der Freitod. Er bittet den einstigen Freund um Pistolen, da er »eine lange Reise« anzutreten habe. Albert reagiert teuflisch: Verlangt, dass Charlotte sie ihm selbst übergibt! Dann fällt ein Schuss. In grenzenloser Verzweiflung eilt sie Werther nach und findet ihn schwer verletzt. Er stirbt in ihren Armen.

Ende einer menschlichen Tragödie, die sich in Marc Weegers und Silke Willretts kahlem, nüchternen Bühnenbild - Wohnstube, Küche, Schlaf- und Spielzimmer der Kinder, Kirche, Wirtsstube und Sterberaum in einem - seltsam genug ausnimmt. Man fragt sich, was dieses wenig anheimelnde Ambiente für den jungen Poeten eigentlich so reizvoll macht?

Für die Neuinszenierung der 1892 in Wien uraufgeführten Oper mit ihrer farbstarken, subtilen Instrumentation, den Erinnerungsmotiven und wundervollen Liebesduetten stand Tatjana Gürbaca (deren zweite Arbeit es am Mainzer Staatstheater ist) ein ausgezeichnetes Solisten-Ensemble zur Verfügung. Am Pult steht der erste Kapellmeister Thomas Dorsch, der schon bei der Ouvertüre aufhorchen lässt. Nach der Pause, wenn kein Kinderlachen mehr ertönt, das Weihnachtsfest zwar vor der Tür steht, es aber nichts mehr zu feiern gibt, sondern alles dem Ende zutreibt, findet das die Sänger vorbildlich begleitende Philharmonische Orchester zu großer dramatischer Form, die keinen unberührt lassen kann.

Patricia Roach überzeugt stimmlich wie darstellerisch als zwischen Pflicht und Neigung hin- und hergerissene und mit aller Kraft gegen die eigenen Wünsche ankämpfende Charlotte, die Werthers Briefe zerreißt und zertrampelt und am Ende nirgendwo mehr hingehört: »Gott, beschütze mich vor mir selbst!« Der reichlich steif wirkende Sergio Blazquez brilliert als junger Dichter zwar mit klangschönem, kraftvollem italienischem Tenor, hat als Liebhaber darstellerisch außer wiederholtem Niederfallen und In-die-Knie-gehen leider nicht eben viel zu bieten: ein weit übers Ziel Hinausschießender, hilflos Taumelnder, der Tod als einzigen Ausweg sieht. »Man hebt den Vorhang und geht auf die andere Seite. So ist Sterben...«

Richard Morrison gibt Albert, dem schamlos hintergangenen, tief getroffenen Ehemann, der seine innere Erregung nur mühsam zu beherrschen vermag, starkes Profil. Unerbittlich, von schneidender Schärfe, sein erbarmungsloses Verhör: »Wer war hier? Antworte!« Tatjana Charalgina bezaubert als junge Sophie, die Charlotte vergeblich zurückzuholen sucht, um mit den Kindern, deren fröhliches »Noel, Noel« von fern erklingt, das Fest zu feiern.

Langer, starker Applaus für Sänger wie Musiker! Britta Steiner-Rinneberg



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