09. Mai 2008, 16:54 Uhr

Orient und Okzident verknüpft

Von der Geschichte der türkischen Kunstmusik ist hierzulande nur wenig bekannt. Ihre eigentliche Entwicklung beginnt praktisch mit der Gründung des osmanischen Reichs im 13. Jahrhundert - davor war sie eng mit der persischen und der arabischen Musik verflochten.
09. Mai 2008, 16:54 Uhr

Aus der Seldschuken-Zeit sind allerdings keine Musik-Zeugnisse überliefert. Der älteste türkische Komponist, von dem Werke erhalten geblieben sind, ist Hatip Zakiri Hasan Efendi (1545-1623). Wie die übrige Musik des Vorderen Orients war auch die traditionelle türkische grundsätzlich einstimmig und besaß ein eigenes Tonsystem und eine Notation, die stark von der abendländischen abwich. Einen ersten Anlauf zur Europäisierung der türkischen Musik unternahm Sultan Mahmud II. 1828, indem er den Italiener Giuseppe Donizetti, Bruder des Komponisten Gaetano Donizetti, als Musikdirektor an seinen Hof berief.

Während seines Wirkens wurde die europäische Notation in der Türkei eingeführt. Zu einer weiterreichenden Anpassung an das westliche Musiksystem führte dies jedoch nicht. Im ganzen 19. Jahrhundert traten in der Türkei aber verstärkt europäische Musiker auf. Prominente Beispiele sind Franz Liszt und Cécile Chaminade. Eine systematische Umstellung von Musikschaffen, Musikleben und musikalischer Ausbildung auf das europäische System gab es erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter Kemal Atatürk. An dieser Neugestaltung wirkte unter anderem Paul Hindemith mit. Er war von 1935-1937 offizieller Berater des türkischen Kulturwesens. Mehrere begabte Musikstudenten wurden zu vertiefenden Studien westlicher Kunstmusik ins Ausland geschickt. Die erste Generation dieser »Westgänger« bildete analog zu den Russischen Fünf des »Mächtigen Häufleins« eine »Gruppe der türkischen Fünf«, zu der Cemal Resit Rey (1904-1985), Hasan Ferid Alnar (1906-1978), Ulvi Cemal Erkin (1906-1972), Ahmed Adnan Saygun (1909-1991) und als Jüngster Necil Kâzim Akses gehörten. Akses wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Am 6. Mai 1908 wurde er in Istanbul in eine musikliebende Familie hineingeboren. Während seiner Schulzeit erhielt er Klavier, Geigen- und Violoncello-Unterricht. Am Istanbuler »Haus der Musik« wurde Akses zusätzlich von seinem späteren Kollegen Resit Rey in westlicher Harmonielehre unterrichtet. Ab 1926 studierte er an der Wiener Musikakademie Violoncello, außerdem Komposition bei Joseph Marx. Anschließend ging er für zwei Jahre nach Prag, wo er Komposition bei Josef Suk und Alois Hába studierte. Hier lernte er wichtige Werke der westlichen Moderne kennen. Nach seiner Rückkehr in die Türkei 1933 wurde er dort einer der bedeutendsten Musiker und Kulturpolitiker. Er baute das Konservatorium von Ankara auf und war zwei Jahre lang dessen Direktor, ehe er 1949 zum Direktor der Schönen Künste am Erziehungsministerium ernannt wurde. 1954 ging Akses als Kulturattaché seines Landes nach Bern; von 1955-1957 war er in derselben Funktion in Bonn tätig. 1957 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. 1958-60 und 1971-72 war er Direktor der Staatsoper in Ankara.

In seinen Kompositionen, die in der Türkei auf große Resonanz stießen, verbindet Akses Orient und Okzident, indem er türkische Volksmelodien und Kunstlieder mit westlicher Satztechnik verknüpft. Sein erstes größeres Orchesterwerk aus dem Jahr 1934 trägt den Namen eines ostanatolischen Tanzes: »Ciftetelli«. Weitere Konzertwerke sind die sinfonische Dichtung »Die Burg von Ankara«, ein Violin- und ein Viola-Konzert sowie sechs Sinfonien. Die letzte seiner drei Opern blieb unvollendet; seine erste, »Mete« (1933) war sein erstes Vokalwerk. Akses' zweite Oper »Bayönder« (»Herr Führer« - gemeint ist Atatürk) wurde 1934 im Beisein von Atatürk und Staatsgast Schah Reza Pahlevi in Ankara uraufgeführt. Seit den 1970er Jahren wandte er verstärkt avantgardistische Techniken an.

Akses hatte viele Kompositionsschüler, darunter spätere bedeutende türkische Komponisten. Er starb am 16. Februar 1999 in Ankara. Anita Kolbus

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