17. März 2009, 17:54 Uhr

Vereinsamung und Dialog - Menschen und Maschinen

Mit den Balletten »Solitaire« und »Le Sacre du Printemps«, die er vor drei Jahren in Essen und Hannover uraufführte und für Wiesbaden bearbeitete und neu einstudierte, setzt Stephan Thoss (der auch Bühnenbilder und Kostüme schuf) die Folge seiner anfangs mit Argwohn betrachteten modernen Choreografien fort
17. März 2009, 17:54 Uhr
Ensembleszene aus Stephan Thoss’ neuem Ballettabend (Foto: M. Kaufhold)

Inzwischen werden sie voller Spannung erwartet. Das Publikum feierte den Doppelabend mit frenetischem Beifall, der kein Ende nehmen wollte, und vielen Bravos für Tänzer und Orchester. Das lag nicht zuletzt an der mit Bedacht ausgewählten revolutionierenden, grandiosen Musik Bartóks und Strawinskys. Mit ihren streng logischen Strukturen und mathematischen Ableitungen, ihrer harten Rhythmik und ihrem Klangfarbenreichtum riss sie einfach von den Stühlen! Diese Musik bis in die feinsten Verästelungen hinein auszuleuchten und überzeugend in Bewegung zu überführen: ein Wunschtraum des Choreografen, der so perfekt freilich nur in Erfüllung gehen konnte, weil er unter Wolfgang Otts feinsinnigem Dirigat vom hochmotivierten Staatsorchester mit außerordentlicher Subtilität begleitet wurde.

Der Abend begann mit dem Ballett »Solitaire« zu Bartóks auf der Höhe seines Schaffens 1936 als Auftragswerk entstandener Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta. Thoss’ Thema: das gewollte (oder auch ungewollte) Alleinsein des Menschen, der glaubt, sich selbst genügen zu können, sich aus welchen Gründen auch immer, abschottet, überbetonte Selbstsicherheit an den Tag legt, um seine geheimen Ängste zu verdecken und sich, uneingestanden, nach dem anderen sehnt, der verloren ging. Verstohlene Blicke nach einer irgendwann zugeschlagenen Tür erzählen davon. Ob sie sich vielleicht doch noch einmal öffnet? Eine gefährliche Isolation, die zu innerer Leere und tiefer Einsamkeit führt. Die plötzlich mit der Leere ihres Daseins konfrontierte labile junge Frau (Ina Brütting) findet sich nicht mehr zurecht, kreist um sich selbst. dreht und wendet sich, kommt nicht von der Stelle. Sie scheint nach Auswegen oder Durchschlüpfen zu suchen, aber da ist nichts. Erschöpft hält sie inne. Eine zweite Frau (Ludmila Komkova) taucht auf: Lebensbejahend, kühl, fast anmaßend ichbezogen und zielgerichtet, scheint sie mit der selbstgewählten Isolation völlig d’accord. Auch den daraus resultierenden Verlusten. Ein alter ego der ersten? Vielleicht. Der eindrucksstarke wunderschöne Pas des deux beider würde dafür sprechen.

Zwei Möglichkeiten, dem Alleinsein zu begegnen. Zwischen beide schiebt sich, als wollte sie den Einzelgängerinnen vor Augen führen, was sie im Leben verpassen, lachend und lärmend eine unbekümmert tollende Gruppe junger Leute, die von unsichtbaren Kräften motiviert und angetrieben scheinen. Was aber stimuliert sie so? Ihre überschäumende Vitalität, ihr ruckartiges Stemmen, kraftvolles Dehnen, Spreizen, Hüpfen, Kriechen und Robben und die hinreißend getanzten Ensembles scheinen demonstrieren zu wollen, um wieviel leichter und besser es ist, das Leben im Dialog mit anderen zu meistern, als sich in sein Schneckenhaus zurückzuziehen, zu vereinsamen und langsam vergessen zu werden.

Nach der Pause beherrschen zu Strawinskys elektrisierender Musik gewaltige Stahlkonstruktionen die Bühne. Signale aller Art, ohrenbetäubendes Hämmern, Klopfen und Bohren, Zischen, Pfeifen, Stampfen und Quietschen versetzen die Zuhörer in eine (scheinbar) zurückliegende Epoche zurück: Den Beginn des Maschinenzeitalters, das damals mit Wucht über die Menschen hereinbrach, sie an Ketten legte, einspannte, mit Haut und Haar verschlang und erbarmungslos vorwärts trieb: Immer weiter und höher, immer perfekter und immer komplizierter. Die Maschine - ein totes, fühlloses Ding, das den Menschen zum Diener stempelte - bis es anfing, ihn zu beherrschen, zu manipulieren und selbst zur seelenlosen Maschine werden zu lassen.

Die große Umwälzung, der technische Fortschritt, die Mechanisierung der Arbeit und wachsende Entpersönlichung waren Strawinsky, als er 1913 den zwei Jahre später in Paris durch die Ballets Russes uraufgeführten »Sacre« komponierte, keineswegs unbekannt - auch wenn er seinem Werk einen anderen Inhalt, seine visionären »Bilder aus dem heidnischen Russland«, zugrunde legte. Thoss wurde von dieser sich radikal von der Melodik abwendenden, ganz vom Rhythmus bestimmten Musik, ihren Aufsplitterungen, ihrer erweiterten Bläserpolyphonie und Massierung aller Kräfte sofort gefangen genommen und zu seiner ungewöhnlichen Choreografie inspiriert. In ihrem Zentrum stehen die gefährdeten, bedrohten Menschen. Wir sehen sie als bis zur völligen Erschöpfung Getriebene in einer erbarmungslos fordernden Welt, als »Roboter«, die immer schneller werden müssen, wenn sie nicht überholt werden wollen. Nur winzige Ruhepausen sind ihnen vergönnt. Dann stehen sie rasch auf - und machen weiter. Wer es nicht tut, bleibt auf de Strecke. Was haben sie gewonnen? Rainer Maria Rilkes im Programmheft zitierte »Worte an Orpheus« drücken es aus: »Hörst Du das Neue, Herr, drohen und beben?... Sieh die Maschine, wie sie sich wälzt und rächt - und uns entstellt und schwächt.«

Maschinenmenschen im mahlenden Räderwerk: Eine fabelhaft gelungene, faszinierende Choreografie mit starkfarbigem, ungewöhnlich reichem Vokabular und Präzision in Reinkultur.

Nächste Vorst. am 3. April. Karten: 0611 132325) Britta Steiner-Rinneberg

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