Regional

Getanzte »Erinnerungen aus dem Verlies«

Das Holland Dance Festival in Den Haag hat begonnen. Die Veranstaltung ist eine tiefe Verneigung vor Europas bestem Ballett.
30. Oktober 2009, 21:40 Uhr
Sie machen es leicht: Die »Jungen Tänzer« aus Holland präsentieren die »Bella Figura« von Jiri        Kylian.	(Theaterfoto)
Sie machen es leicht: Die »Jungen Tänzer« aus Holland präsentieren die »Bella Figura« von Jiri Kylian. (Theaterfoto)

Die niederländische Hauptstadt Den Haag hat den roten Teppich ausgerollt für den europäischen Tanz und seine feinsten Vertreter. Königin Beatrix, Anhängerin von klassischem Ballett und zeitgenössischen Tanz, ließ es sich nicht nehmen, persönlich mitsamt Kronprinz Willem Alexander zur Gala-Eröffnung des 12. Holland Dance Festivals zu erscheinen.

Bis zum 15. November will der Künstlerische Leiter, der Schweizer Choreograf, Pädagoge und Tanzmanager Samuel Würsten, mit 70 Vorstellungen den Familienstammbaum von Europas bestem Ballett, dem Nederlands Dans Theater (NDT), sichtbar machen durch Choreografien und Auftritte ehemaliger NDT-Mitglieder und Wegbegleiter - allen voran Hans van Manen, der das Ensemble mitgründete aus Protest gegen die Dominanz des klassischen Balletts. Wie ein roter Faden zieht sich sein Schaffen heute durch die europäische Tanzlandschaft. Zehn Jahre war van Manen künstlerischer Leiter des NDT. Nur sein Nachfolger Jiri Kylian, seit 36 Jahren dabei, hat es derart nachhaltig geprägt.

Bei der Gala-Eröffnung stellte er seine Abschiedschoreografie vor, »Mémoires d’Oubliettes« (»Erinnerungen aus dem Verlies«). So bissig und bitter der Titel klingt, so düster und voller Chiffren, aber auch choreografischen Eigenzitaten hat er sein halbstündiges Stück gepackt. Texte von Samuel Beckett, über einen elektronischen Klangteppich von Dirk Haubrich gewispert und rezitiert von Kylian und Ehefrau Sabine Kupferberg, unterstreichen die bizarre, surreale Reflexion über Erinnern und Vergessen.

Einem gespenstischen Weltuntergang gleicht Johan Ingers »Dissolve in this« vom Einzelnen, der in der Masse untergeht. Den Boden bedeckt ein Teppich aus pechschwarzen Papierfetzen. Zwei runde Neonröhren, auf Stative montiert, leuchten grell in der Dunkelheit - später ist’s eine ganze Reihe, die wie Bullaugen in einer Schiffswand hängen, gegen die in einem lautmalerischen Crescendo das Wasser klatscht.

Interessantester Teil der Gala war »Studio 2« von Lightfoot-Léon, dem genialen Paar, das seit 20 Jahren die außergewöhnlichsten Choreografien für die Junioren von NDT kreiert. Raffiniert integrieren sie die Spiegelwände eines Ballettstudios, sodass die vier Tänzer und vier Tänzerinnen oft gleichzeitig von vorn und hinten zu sehen sind - oder sich die Gruppe auf diese Weise gar verdoppelt.

Weitaus weniger düster setzte sich das Holland Danse Festival fort. So beeindruckten Studierende von drei niederländischen Tanzakademien in Ausschnitten aus Choreografien von Kylian und van Manen. Ehemalige Tänzer kamen aus aller Welt zusammen, um mit eigenen Kurzbeiträgen in »Past und present« Einblick in die eigene Karriere zu gewähren. Die Eröffnungsfeierlichkeiten des Festivals enden am morgigen Sonntag mit der »Parade« von über 1400 niederländischen Laientänzern durch die Innenstadt von Den Haag. Marieluise Jeitschko

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/art68,37900

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