17. Mai 2011, 18:05 Uhr

Jim-Morrison-Choreografie umjubelt

Ein Getriebener lebt auf der Überholspur: Mario Schröder wird für sein Rock-Ballett an der Leipziger Oper gefeiert.
17. Mai 2011, 18:05 Uhr
Jim Morrison (Martin Svobodnik) amüsiert sich mit seinen Groupies. (Foto: Andreas Birkigt)

Auf dem Pariser Père Lachaise findet man sein Grab ohne Mühe. Obwohl Jim Morrison mit nur 27 starb und das nun auch schon 40 Jahre her ist, wird das Grab dieses 60er Jahre Idols immer noch mit allerlei Liebesgaben geschmückt. Ein Leben auf der Überholspur, der frühe Tod und die Musik des Frontmanns von The Doors - das ist der Stoff, aus dem Legenden sind.

Ganz ohne die Melancholie einer verwehten und mit Gewalt beschworenen eigenen Jugenderinnerung hat jetzt der Leipziger Ballettchef Mario Schröder aus den Songs und dem Leben des Jim Morrison ein bejubeltes Rockballett gemacht - mit Originalmusik vom Band. Morrison hatte ja eine faszinierende Stimme, und so hört man den verführerischen Rock-Balladensänger mit Songs, die - von »Riders on the storm« bis »The End« - längst den Status von Rock-Klassikern erreicht haben. Auch seine Version von Weills »Alabama-Song« fehlt da nicht.

Dass er wirklich der Rebell gegen seinen Militär-Vater, den Vietnamkrieg und das spießige Establishment war, im damals noch ausgeprägter als heute prüden Amerika zum provozierenden Sexsymbol wurde, Drogenexzesse bewusstseinserweiternd in Kreativität ummünzte und das alles dann wohl doch nicht überleben konnte, sichert ihm den Kultstatus. Dazu kommt eine Aura des - allerdings selbstzerstörerischen - Authentischen, wie es sich in unserer durchkommerzialisierten, globalen Mediengesellschaft mit ihren künstlich produzierten Stars kaum noch entwickeln kann. Der Hang zur großen, theatralischen Bühnenshow war für ihn Anliegen, heute ist sie zum Vermarktungsinstrument degeneriert.

Mario Schröder nun folgt bei seiner (nach zehn Jahren) zweiten Beschäftigung mit Jim Morrison den Songs und assoziiert das Leben. Die eingebrannten Bilder aus Vietnam flackern zwar mal auf, aber er verkneift sich in seiner Choreografie jeden Anflug von biografischer Didaktik.

In den 20 Szenen hat Schröder seinem Jim Morrison ein mephistophelisches Alter Ego, das er Schamane nennt, zur Seite gestellt. Deren Soli und Pas des deux gehen immer wieder in große Ensembleszenen über, wenn sie auf Hippies oder Soldaten, Polizisten oder Aktionären, auf Groupies oder schließlich auf psychedelisch angehauchte gesichtslose Engeln treffen. Seine Choreografie entwickelt Schröder dabei immer unmittelbar aus dem vitalen Rhythmus und der poetischen Melancholie der Songs. Ausstatter Paul Zoller hat dafür den schlichten Bühnenraum bis in die Tiefe geöffnet. Er endet vorn mit einer Rutsche in den Orchestergraben und hinten vor einer Wand für gut dosierte Videos oder atmosphärisch gezoomte Farbwechsel.

Ganz am Anfang hängt der Morrison-Tänzer Martin Svobodnik wie eine Marionette im Vorhang und stürzt dann auf die Bühne. Mitten in sein Leben, wo er immer auch ein Getriebener war. Oliver Preiß ist der blonde athletisch kernige Schamane neben dem lockig smarten Morrison. Diese Idee ist so griffig wie dann das athletische, raumgreifende Wechselspiel der Protagonisten mit den drei Tänzern der Band, den beiden Frauen und all den anderen. Oft sehr wach, oft auch wie in Trance scheint es für Svobodnik, und noch mehr für Preiß, weder Schwerkraft noch sonst irgendwelche Grenzen zu geben - pausenlose 90 Minuten lang. Kann gut sein, dass Jim Morrison jetzt noch ein paar Fans mehr hat. Und Mario Schröder auch. Joachim Lange

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