05. August 2011, 12:55 Uhr

Mit Esel»Ernst« und Lama »Merlin« über Stock und Stein

Mit den »Vogelsberg-Lamas« und den »Vogelsberg-Eseln« als Begleiter gehts es durch Wald und Wiesen. Dabei macht Redakteuer Gerd Chmeliczek die Erfahrung, dass es einen großen Unterschied zwischen Lama führen und geführt werden gibt.
05. August 2011, 12:55 Uhr
Reiner Odermatt und...

Zunächst läuft alles glatt. Ich war früh genug aufgebrochen (dachte ich), hatte mir die Route zum Zielort ausgedruckt, und auch der Stau kurz vor der Autobahnausfahrt hatte sich bereits aufgelöst. Doch plötzlich gerät mein Zeitplan heftig ins Wanken: Eine Straßensperrung. Und so stehe ich da, von Natur aus ohne jeglichen Orientierungssinn, auf einem Parkplatz in Alsfeld.

Einfach der Umleitungsschild folgen? Das kann ja jeder. Und außerdem steh ich dann bestimmt in fünf Minuten wieder planlos da, denke ich mir. Ein rascher Blick auf die Uhr verrät, dass ich mich jetzt doch sputen muss, soll der Esel- und Lama-Trekk in Lingelbach nicht ohne mich aufbrechen. Zum Glück gewährt mir Kollegin Kerstin Schneider von der »Alsfelder Allgemeinen« rasche und unbürokratische Amtshilfe. Per Telefon weist sie mir den richtigen Weg, und so kann die Fahrt weitergehen. Doch ein Umweg ist das schon. Und jede Menge Lkws vor mir. So langsam steigt die Anspannung und damit auch die Frequenz, mit der ich regelmäßig auf die Uhr schaue. Das erlösende Hinweisschild »Alsfeld-Lingelbach« erscheint just in dem Moment, in dem ich meine (Lama-) Felle davonschwimmen sehe. Um 9.58 Uhr biege ich in die Grebenauer Straße ein und komme bei den »Vogelsberglamas Trekking Tours« an. Na also, geht doch.

So langsam beruhigt sich der Puls wieder, nur um wenig später wieder sprunghaft anzusteigen. Der Blick auf die zuhause noch einmal kontrollierte Kamera verrät eine bis dato unbekannte Fehlermeldung. Nichts geht. »Na, Film vergessen?«, ruft ein Teilnehmer mir zu. Doch der sicherlich nett gemeinte Scherz prallt an mir ab. Leise (hoffentlich) vor mich hin fluchend drücke ich mich erfolglos durch das Menü. Ein letzter verzweifelter Versuch, die Speicherkarte raus- und wieder reingesteckt, Klappe zu, Fehlermeldung weg. Ich werd' noch wahnsinnig.

»Stressfrei laufen«

Eine halbe Stunde später – und alles ist gut. Gemeinsam mit Petra Degen aus Pohlheim führe ich Zwergesel »Ernst« über einen Feldweg. Obs nun wirklich am Langohr liegt, am angenehmen Plausch mit meiner »Mit-Strick-Halterin« oder einfach nur am Spaziergang in der Natur – das kann ich freilich jetzt noch nicht beurteilen. Fest steht aber: Ich fühle mich entschleunigt.

Die rund elf Kilometer lange Tour
wird veranstaltet und angeführt von Silke Philipp-Odermatt und Reiner Odermatt, die vor rund fünfeinhalb Jahren aus einer Idee ihr Geschäft gemacht haben und seither mit den »Vogelsberglamas« am Start sind. Vor drei Jahren kamen dann die Esel dazu. Seitdem kann man quasi zweigleisig wandern – und das Angebot wird hervorragend angenommen. Auch an diesem Freitag haben sich zahlreiche Wanderer eingefunden, um mit Kind, Kegel und Tier die Natur zu erkunden.

»Stressfrei« solle man mit dem Begleiter laufen, erklärt Silke Philipp-Odermatt der Gruppe während der Einführung. Sind die Ohren der Esel leicht beweglich, sei das Tier entspannt, sagt sie. Und der Test bei »Ernst« bestätigt das Gesagte: Der neunjährige Zwergesel ist extrem relaxed – und gut in Form außerdem. In zwei Jahren habe »Ernst« rund 41 Kilogramm abgenommen, erklärt die Halterin. Aus gegebenem Anlass frage ich nach dem Erfolgsgeheimnis: Keine Futterreduktion, dafür ausreichend Bewegung. Ich werd’s mir merken.

Die Lama-Gruppe steht unter den Fittichen von Reiner Odermatt. Mit dem Tier solle man stets auf Augenhöhe laufen und ja den Strick nicht loslassen, mahnt er. »Dann marschieren die Lamas nämlich sofort nach Hause zurück.« Vor allen Dingen aber sollte man sich von den Tieren, die zur Familie der Kamele gehören, nicht um den Finger wickeln lassen. Ja nicht nachgeben und immer versuchen, in der Mitte des Weges zu laufen, erklärt er. »Damit der Weg zum Gras am Wegesrand möglichst groß ist.« Denn gefressen wird nur, wenn der Trekk anhält. Dazwischen bleibt die Küche kalt.

Aufmerksamer durch die Natur

Nun sind wir also unterwegs, die Gruppe wird etwas auseinandergezogen. Die Lamas gehen ein Tempo, dass die Esel so nicht mitgehen können. An der Spitze des Feldes läuft Lama »Mozart«, quasi der Boss der Herde, die zweite Gruppe wird angeführt von Packesel »Gustav«, der die Mittagsverpflegung »an Bord« hat und damit zum wichtigsten Unpaarhufer des Tages wird. An den Leinen macht sich Begeisterung breit. Man spaziere aufmerksamer durch die Natur, weil man schließlich auch seinen tierischen Kumpan achten müsse, lautet das erste Zwischenfazit einer Teilnehmerin. Und tatsächlich hat man auf so einiges zu achten, während man die Zügel fest in der Hand hält. Läuft man zu weit links oder rechts, wittert das Tier eine Zwischenmahlzeit, fällt man zurück und lässt sich quasi vom Esel ziehen, kann das zu deutlichen Unmutsbekundungen führen.

Doch allzu lange dauert es nicht und Mensch und Esel laufen im Einklang miteinander. Besonders auf die Erwachsenen sollen die Tiere beruhigend wirken, erläutert Philipp-Odermatt während der Wanderung. Sie selbst habe diese Erfahrung schon öfter gemacht. »Wenn mich mal alles annervt, setze ich mich zu meinen Eseln in den Stall und klage ihnen mein Leid. Dann geht es schnell wieder besser.« Die Frage, warum sie nur männliche Langohren in ihrem Stall habe, beantwortet sie klar und deutlich: »Ich steh halt nicht so auf Gezicke.« Das lasse ich dann mal so stehen...

Dann bekomme ich meinen »eigenen« Esel. »Paul« ist erst vor zwei Tagen in Lingelbach eingezogen und daher noch nicht so ganz an die Touren mit diesen vielen Menschen gewöhnt. Ihn muss man deutlich mehr steuern, was mal mehr und mal weniger gut gelingt. Schließlich hat es »Paul« geschafft und legt eine kleine Zwischenmahlzeit ein. Hilfe bekomme ich von Lisa Philipp und Sarah Margraf, die den Trekk begleiten und eingreifen, wenn es mal wirklich weder vor noch zurück geht. Mit einem geschickten Griff an den Strick wird »Paul« wieder eingenordet.

Der Weg aus der illustren Truppe führt über den Hemsberg in Richtung Eifa. Rast machen wir dann an der Hütte mit dem schönen Namen »Herrgottswinkel«, wo eine erste Bestandsaufnahme erfolgt. »Der Mensch passt sich dem Lama an«, resümiert Ilona Kühn aus Lindenstruth, die gemeinsam mit Uwe Holes und Tochter Hanna durch den Vogelsberg wandert. Der Rhythmus des Tieres bestimme auch das Tempo des Wanderers, berichtet sie. Und: »Die sind soooo schön weich.«

Lama ist nicht gleich Esel

  Aber, wie kommen eigentlich Lamas nach Mittelhessen? »Kalif« lautet der Name des Pferdes, dem man diesen Umstand zu verdanken hat. »Wuschig« sei der Hengst gewesen, so Philipp-Odermatt. Also musste ein Gefährte für den unruhigen Hengst gefunden werden, Artgenosen schieden bei der Suche allerdings aus. Nach intensiver Recherche stieß man dann aus die »Esel der Anden«, die dann in Form von zwei Lamastuten in Freiensteinau-Reichlos einzogen. Mit durchschlagendem Erfolg: Nicht nur »Kalif« wurde therapiert, gleichzeitig wuchs auch die Idee, daraus ein Geschäftsmodell zu entwickeln – unter anderem auch mit therapeutischem Ansatz für Kinder. Seit März dieses Jahres ist man nun aus Platzgründen in Alsfeld-Lingelbach ansässig – mit 17 Lamas und sieben Eseln.

Auf dem Rückweg nach Lingelbach darf ich meinen Strick bei »Merlin« einhaken. Eins ist schnell klar: »Merlin«, »Mozart« und Konsorten sind doch deutlich temperamentvoller und auch schneller unterwegs als die Graukittel. »So, jetzt lass ich dich mal
allein«, sagt dann Uwe Holes mit einem breiten Grinsen und hakt sich bei »unserem« Tier aus. Keine 30 Sekunden später kämpfe ich dagegen an, dass sich mein tierischer Begleiter keinen Snack gönnt. Wieder in der Mitte des Weges angekommen, macht sich »Merlin« daran, einen Sprint anzusetzen, was aus meiner »Position auf Augenhöhe« eine »Position auf Hinternhöhe« macht. Doch nach diesen Anlaufschwierigkeiten gewöhnen wir uns schnell aneinander und der restliche
Weg nach Lingelbach verläuft entspannt und ohne weitere Zwischenfälle.

Wieder im Hauptquartier der »Vogelsberg-lamas« angekommen, möchte ich von den Beteiligten natürlich wissen, wie die Tour den nun angekommen ist. Haben es die Teilnehmer so erlebt, wie es Reiner Odermatt anfangs angekündigt hat? Dass die Tiere ausgleichend wirken, dass sie in der Lage sind, sich in die Stimmungslage der Menschen hineinzuversetzen? Das Urteil der »Trekkies« ist eindeutig: Es sei ein tolles Erlebnis gewesen, resümiert Sonja Werner aus Rosbach, die mit Sohn Florian unterwegs war und festgestellt hat, »dass die vier Stunden wirklich schnell vergangen sind«. Zum gleichen Urteil kommt auch die Familie Zimmer aus Erbach, bzw. Offenbach, die ebenfalls vom gerade Erlebten schwärmen.

Und ich selbst? Ich fand den Trip mit »Ernst« und »Merlin« außergewöhnlich und sehr interessant. In der Redaktion war man ja fast schon enttäuscht, als ich mitteile, dass ich mitnichten auf den armen Tieren geritten bin. »Und was sollte das dann?«, fragt Kollege (bb). Diese Frage lasse ich mal von meiner Mitstreiterin Petra Degen beantworten: »Das ist schwer zu beschreiben, das muss man selbst erleben.« Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Ich sitze wieder im Auto und fahre zurück nach Gießen. Es ist angenehm warm und der Trip in den Vogelsberg hat gewirkt. Ich fühle mich gut. Wie schon gesagt »entschleunigt«, lautet wohl das dazu passende Modewort. Ich biege ab auf die Autobahn. Moment mal, da vorne staut sich’s doch. Und wieso setzen die Autos vor mir schon wieder den Warnblinker? Das kann doch wohl nicht wahr sein. Ich werd' noch komplett...

Von unserem Redakteur Gerd Chmeliczek (Gießen).

Dieser Beitrag ist der 7. Teil unserer Sommerserie 2011. Wir laden Sie, liebe Leser, wieder ein, unsere Redakteure durch Hessen zu begleiten. Wir sind mit ungewöhnlichen Fortbewegungsmitteln unterwegs und/oder besuchen besondere Orte in Hessen. Jeweils samstags werden die Geschichten in der Zeitung veröffentlicht. Bisher erschienen: Eine Berg- und Talfahrt, eine Schifffahrt, mit dem Elektromobil unterwegs, ein Spaziergang durch Frankfurts Unterwelt, eine Tour mit der Handhebel-Draisine und ein Ausflug mit dem »Ebbelwei-Expreß«.



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