15. August 2011, 14:15 Uhr

Alisa Weilerstein glänzt im Cellokonzert von Haydn

Rheingau Musiklfestival in Wiesbaden: Das HR-Sinfonieorchester unter Paavo Järvi spielt Mahlers »Siebte« im Thiersch-Saal des Kurhauses.
15. August 2011, 14:15 Uhr
Mit ihrem Instrument verwachsen: Cellistin Alisa Weilerstein. (RMF)

Wenn Paavo Järvi Gustav Mahler dirigiert, kommt auch im letzten Winkel des Saals kein Sekundenschlaf auf: Es gibt keine »himmlischen Längen«, es entsteht keine Larmoyanz, und wenn das Orchestertutti in die Vollen steigt, vibriert die Luft nicht nur wegen der Lautstärke. Der drahtige Mann aus Estland führte das HR-Sinfonieorchester auf spannungsvollem Wege durch die monumentale 7. Sinfonie e-Moll und machte das eher selten aufgeführte Werk zu einem Gemälde ohne pastose Pathetik, beließ filigranen Strukturen und lyrischer Imagination die Zartheit und gab den machtvollen Klangexplosionen Knappheit und Dichte. Am Freitag traten die Musiker im Thiersch-Saal des Wiesbadener Kurhauses im Rahmen des Rheingau Musikfestivals auf.

Geboten wurde ein Kontrastprogramm: Vor der Pause erlebten wir eine Cellistin, die mit ihrem Instrument verwachsen zu sein scheint: Die aus Rochester N.Y. stammende Alisa Weilerstein (geb. 1982) spielte den Solopart in Joseph Haydns Cellokonzert Nr. 1 C-Dur. Elegant mit luftiger Leichtigkeit erklang der erste Satz, das Adagio als gespinstfeines Gedicht, das Allegro molto dagegen geriet zum virtuosen Parforceritt mit frappanter Bogentechnik und musikantischem Duktus. Weilersteins Spiel wirkte nie artifiziell, sondern erschien als Einheit mit ihrer natürlichen Musikalität. Das Orchester folgte sehr genau der Intention der Solistin, die sich für den reichen Beifall mit der hingetupften Bourree aus Johann Sebastian Bachs Cellosuite Nr. 3 bedankte.

»Vom leuchtenden Über-Dur bis zum finstersten Schatten« – diese Charakterisierung aus Adornos Feder zu Mahlers »Siebter« manifestierte sich bereits im ausgedehnten 1. Satz, in dem die Harfen in den Sternenhimmel entführten und das schwere Blech, Trommelgrollen und Streichertremoli in schaurige Abgründe. Järvi achtete bei aller Zerrissenheit dieses musikalischen Kosmos’ selbst bei Fortissimoballungen auf präzise, durchsichtige Zeichnung. Das Allegro moderato (Nachtmusik I) mit seinen Echowirkungen der Bläser und dem Einsatz von Kuhglocken entwickelte bildstarke alpenländische Assoziationen. Das folgende Scherzo mit seinen polterigen Figuren wurde unter der stringenten Gestik des Dirigenten zu einer Valse grotesque, die nur noch der tänzerischen Umsetzung harrte. Der differenziert schattierten Nachtmusik II schloss sich ein in allen Instrumentengruppen konzentriert musiziertes Finale an. Hier hat Mahler die Bausteine seiner Ideenwelt mit machtvollem Gestus neu gemischt noch einmal kumuliert: Marschrhythmen, festliche Fanfaren, wehmütig-wienerische Anklänge. Paavo Järvi und das HR-Orchester brachten die ungemein farbstarke Palette zum Leuchten, ohne die Konturen zu verwischen – bis hin zum kräftig-trockenen Schlussschlag.

Jubel und Bravos für eine hoch präsente zeitgemäße Mahler-Interpretation! Das Konzert wurde live per Internet übertragen, für eine DVD sowie eine Sendung von HR2-Kultur mitgeschnitten (18. November, 20.15 Uhr).

Olga Lappo-Danilewski



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos