05. Dezember 2008, 21:10 Uhr

In lockerer Runde Nostalgie-Karussell fahren

Frankfurt (aho). Alle Jahre wieder erstrahlt der Weihnachtsbaum, der diesmal aus Linz kommt, über dem Weihnachtsmarkt. Seit diesem Jahr gibt es nicht nur die vielen Stände, sondern auch historische Führungen über einen der ältesten Weihnachtsmärkte Deutschlands.
05. Dezember 2008, 21:10 Uhr
Weihnachtsmarkt-Führerin Carmen Erwin vor dem ältesten Lebkuchenstand - seit 1951 sind dessen Betreiber dabei. (Fotos: Hofmann)

Frankfurt (aho). Alle Jahre wieder erstrahlt der Weihnachtsbaum, der diesmal aus Linz kommt, über dem Weihnachtsmarkt. Es duftet nach Mandeln, Maronen und Zimt, und gegen die Kälte kann man rund um den Römer und die Paulskirche mit Glühwein oder heißem Orangensaft »ankämpfen«. Seit diesem Jahr gibt es nicht nur die Stände, sondern auch historische Führungen über einen der ältesten Weihnachtsmärkte Deutschlands. Während der Marktwochen werden Carmen Erwin und ihre rund 20 speziell ausgebildeten Kolleginnen und Kollegen von der Tourismus und Congress GmbH Frankfurt (TCF) nicht nur für Touristen, sondern auch für einheimische Interessierte zu »Römer-Bergführern«.

Dabei weisen sie nicht nur auf historische, sondern auch auf aktuelle Besonderheiten des vorweihnachtlichen Treibens hin. So weiß Erwin von den Anfängen des Weihnachtsmarkts zu berichten, der 1393 zum ersten Mal urkundlich belegt wurde. »Damals war das noch kein Weihnachtsmarkt, sondern hier kaufte man alles, was man im Winter so brauchte«, führte Erwin während eines Rundgangs für die Presse aus. Spätestens im 18. Jahrhundert habe sich der Markt hin zu einem Weihnachtsmarkt verändert. »Man begann, Sachen für die Weihnachtszeit zu verkaufen - besonders Gebäck und Geschenke für die Kinder. « Ab dem 19. Jahrhundert könne man dann wirklich von einem Weihnachtsmarkt mit Weihnachtsbäumen mit Bethmännchen und Zwetschgenmännchen sprechen, die es auch auf dem Rundgang zu kosten gibt. Natürlich darf dabei die Geschichte eben dieser Bethmännchen nicht fehlen. »Hiervon gibt es allerdings verschiedene Versionen, von denen keine eindeutig belegt ist«, wies Erwin auf den problematischen Charakter der Überlieferungen hin. »Mir gefällt am besten eine Version, die gar nicht belegt ist.« Demnach soll der französische Koch der Familie Bethmann sich jeden Sonntag ein neues Dessert ausgedacht haben. Aber eines Tages sei er in Eile zum Bäcker um die Ecke gelaufen, habe Printenteig und Marzipan gekauft und das Gebäck kurz in den Ofen geschoben. Die Familie soll so begeistert gewesen sein, dass es von da an immer Bethmännchen gegeben haben soll. Ursprünglich sei das Dessert mit (nach der Zahl der Kinder des Hauses) vier Mandeln verziert gewesen. Als ein Sohn starb, seien es nur noch drei Mandeln gewesen.

Außerdem habe es im 19. Jahrhundert in Frankfurt einen vorweihnachtlichen Brauch gegeben, dass Schüler zusammenlegten und auf dem Markt ein Riesenlebkuchenherz für ihren Lehrer kauften, um dieses zu ihm zu bringen und gemeinsam zu verspeisen. Auch über die Paulskirche und ihre Geschichte können die Weihnachtsmarktgäste etwas hören, ebenso wie über Bembel und den Äppelwoi, bevor es dann auf den Altan der Nikolaikirche geht. Von hier aus können die Gäste, nach 70 Stufen Wendeltreppe, einen weiten Blick über den Weihnachtsmarkt genießen.

In der langen Zeit, die der Markt besteht, haben sich viele Traditionen und Bräuche entwickelt, die bis heute noch erhalten sind. Andere wiederum sind nur noch Geschichte, ebenso wie historische Frankfurter Persönlichkeiten, die mit dem Weihnachtsmarkt verbunden waren. Auch Infos über die Ostzeil des Römerbergs sowie Allgemeineres zu Frankfurt gibt es bei der Führung. »Wir wollen alle, die glauben, dass der Weihnachtsmarkt nicht besonders traditionell sei, eines Besseren belehren«, so Erwin. Denn allen Hochhäusern zum Trotz sei Frankfurt eine sehr traditionsverhaftete Stadt, betonte die Weihnachtsfremdenführerin.

»Das ist ganz fantastisch«, zeigte sich Wolfgang Kaus, langjähriger künstlerische Leiter des Volkstheaters, von einer Fahrt auf dem nostalgischen Karussell auf dem Römerberg begeistert. Das Karussell war vor 20 Jahren nach Plänen aus dem 19. Jahrhundert nachgebaut worden und weist auf seiner Schmuckleiste einige Frankfurter Motive auf. Allein wäre Kaus nicht gefahren. »In unserem Alter wär’ des auch e bissje albern. Aber mal in lockerer Runde, wie bei dieser Führung, macht’s Spaß.«

Der Rundgang hielt in Richtung Dom an einem Stand, der über 50 Sorten geröstete Mandeln anbietet: mit Kaugummi-Geschmack, Maronen-Mandeln oder solche mit Chiligeschmack in verschiedenen Schärfegraden. Aber auch Schokolade oder Kokosnuss gehören neben den traditionellen gebrannten Mandeln zum Repertoire. Als weitere Besonderheit wies Erwin auf den ersten Bio-Weihnachtsstand hin, bei dem alle Zutaten zu Gebäck und Getränken nachgewiesen aus biologischem Anbau kommen müssen.

Bei den öffentlichen Führungen sind ein Bethmännchen, ein Probierhalt an einem Mandelstand, eine Karussellfahrt und ein Glühwein, beziehungsweise Orangensaft im Preis inbegriffen. Während des Spaziergangs zeigt sich Frankfurt als internationale Stadt. Auf Wunsch werden die Führungen auf Englisch durchgeführt. Gebucht werden können Rundgänge auch privat. Dann allerdings sollte man spätestens einen Tag vorher anfragen.

Auf dem anderthalbstündigen Rundgang können auch langjährige Marktbesucher noch etwas dazulernen und am Ende sogar ein nettes Geschenk mitnehmen.



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