30. Dezember 2010, 19:38 Uhr

Hinaus in die frostige »Nacht der Anderen«

Frankfurt. In ihrem früheren Leben war Frau Dello vielleicht mal so etwas wie eine Verrenkungskünstlerin. Die obdachlose Mittfünfzigerin zwängt sich bei den Eisestemperaturen dieser Tage notfalls unter kleine Kisten.
30. Dezember 2010, 19:38 Uhr
Die Beine in eine dicke Schicht aus Decken gehüllt, einen Schlafsack um den Kopf gewickelt und ihre Habseligkeiten in einem Einkaufswagen neben sich - so bereitet sich eine obdachlose Frau an einer Bushaltestelle auf die kalte Nacht vor. Jede Nacht fährt das Kältebus-Team bei ihr vorbei, um nach dem Rechten zu schauen. (Foto: lhe)

Frankfurt. In ihrem früheren Leben war Frau Dello vielleicht mal so etwas wie eine Verrenkungskünstlerin. Die obdachlose Mittfünfzigerin zwängt sich bei den Eisestemperaturen dieser Tage notfalls unter kleine Kisten. Für Dello kein Problem - sie kann sogar mit ihren Beinen hinterm Kopf schlafen. In dieser Nacht liegt sie als kompaktes Häufchen auf einem Fußweg am Landgericht. Gelbe Kissen drunter, rote Wolldecke drüber, ihr Kopf steckt in einem isolierenden Pappkarton. Spricht man sie an, springt sie auf und wütet: »Du Sau, Du!«. Frau Dello lässt sich nicht helfen. Für das Team des Kältebusses ist sie deshalb eine sogenannte »Passiv-Kontrolle«: Nur schauen, ob sie noch da ist.

Seit 20 Jahren fährt der Kältebus in der Mainmetropole durch die Nacht. Von Ende Oktober an, immer zwischen 21 und 4.30 Uhr morgens. An Bord des Achtsitzers: Schlafsäcke, Iso-Matten, die bis minus 28 Grad warm halten sollen, Decken, Tee und ein paar Schokoriegel. Wer will, den nimmt der Bus mit in die Einrichtung Ostpark, dort kann man übernachten. Kaum einer will. Alles ist feste Routine für den Bus und die Helfer. Fast immer sind es dieselben Gesichter - ob nun Frau Dello, der »Barfuß-Mann vom Main« oder Tina vom Straßenstrich. Erster Stopp: der immer gleiche Fast-Food-Laden, Sozialarbeiter Peter Nordmann und sein Kollege wollen hier zu Abend essen.

»Happy« über Tee und Schokolade

Die B-Ebene der U- und S-Bahn-Station Hauptwache ist freigegeben für Obdachlose. Bis zu 90 von ihnen liegen dort, Schlafsack reiht sich an Schlafsack. Klaus mit dem weißen Bart ist der »Medien- Profi«, der einzige, der auch Zeitungen oder dem Fernsehen von seinem Leben erzählt. »Ja, mein Schicksal ist spannend, aber das hab’ ich schon alles Sat.1 erzählt. Heute bin ich müde und will schlafen«, sagt Klaus. Nordmann sagt, dass 90 Prozent der Männer dort unten in der Hauptwache »Betteltouristen« aus Osteuropa sind. Aus Rumänien und Bulgarien stammen auch vier Prostituierte vom Straßenstrich an der Messe stadtauswärts. Alle so um die 20 und »happy« über Tee und die Schokoriegel. Sie wünschen sich, dass der Kältebus ihnen auch wieder mal Kondome mitbringt. Auf der anderen Straßenseite stehen die Deutschen. Bekannt sind hier Tina und Pamela. Pamela, bestimmt schon 20 Jahre dabei, ist derzeit krank. Tina vermuteten die Kältebus-Fahrer im Urlaub. Aber dann steht ihr Corsa doch da. Zu ihrem Tee kommt sie heute nicht, sie ist mit Kundschaft auf dem runtergeklappten Rücksitz im Kofferraum. Darüber ein Laken.

Ein Obdachloser, der einzeln angesteuert wird, ist »Barfuß-Mann«. Stets barfuß, verschreckt er tagsüber Main-Spaziergänger. Nachts hat er sich an einer Lüftungssäule an einer Ufer-Straße eingerichtet, eine Wolldecke hat er mit einem Band wie ein Zelt um die heiße Säule gespannt. Auch er ist aggressiv und nur eine »Passiv-Kontrolle«.

Seit einigen Jahren ist in Frankfurt kein Obdachloser mehr erfroren. Ein Erfolg des Kältebusses. Auch die meisten dieser Menschen sind Nordmann ans Herz gewachsen - mit ihren Eigenarten. Wie der »Rattenfänger« von der Uni. Er schläft im Eingang der Uni-Zentralbibliothek. Die Ratten pesen um ihn herum, weil er sie füttert. Er ist freundlich. »Die Uni hegt und pflegt ihn.« Inga Radel, dpa

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