13. November 2019, 22:37 Uhr

»Als würde mein Gehirn brennen«

13. November 2019, 22:37 Uhr
Der wegen versuchten Mordes an zahlreichen Frauen und Mädchen Angeklagte (2. v. l.) kommt vor Prozessbeginn im Landgericht zusammen mit seinen Anwälten Klaus Spiegel (2. v. r.) und Matthias Bohn (l.) in den Sitzungssaal. (Foto: dpa)

München/Gießen (dpa). Im Münchner Prozess um lebensgefährliche Stromstöße hat sich der Angeklagte am Mittwoch bei einem seiner zahlreichen Opfer entschuldigt. »Ich wollte nur mal sagen, dass das ein moralischer Fehler war und schlecht war«, sagte er zu einer 27 Jahre alten Studentin aus Berlin, die er als angeblicher Arzt per Skype dazu gebracht haben soll, sich selbst heftige Stromschläge zuzufügen. »Ich möchte mich wirklich bei Ihnen entschuldigen.«

Die zweite Nebenklägerin in dem aufsehen-erregenden Verfahren um 88-fachen Mordversuch, eine Studentin aus Gießen, wollte nicht, dass der Angeklagte sich an sie wendet. »Ich will mir das nicht anhören.« Sie habe zuvor schon einen Brief seiner Eltern erhalten, der sie schockiert habe. Sie hätten ihren Sohn darin als kranken Mann mit Asperger-Syndrom beschrieben und um Verständnis gebeten. »Das war zuviel für mich«, sagte die junge Frau. Sie habe Freunde mit dem Asperger-Syndrom. »Auch Asperger-Autisten haben einen Sinn dafür, was richtig ist und was falsch.«

»Fetischistische Komponente«

Zuvor waren vor Gericht schockierende Ausschnitte aus dem Videochat des Angeklagten mit der Zeugin zu sehen. Die junge Frau hält sich dabei zwei unter Strom stehende Löffel an die Schläfen, bevor direkt danach der Strom ausfällt und der Chat unterbrochen wird. Sie sei dann in den Keller gegangen, um die Sicherung wieder einzuschalten - und nahm danach wieder Kontakt auf zu dem Mann, den sie nicht sehen konnte, der aber angab Mediziner von der Uni-Klinik Gießen zu sein.

In dem Chat-Protokoll, das vor Gericht verlesen wurde, forderte der fremde Mann, bei dem es sich um den Angeklagten handeln soll, die Frau auf, es noch einmal zu versuchen, ihre Schläfen aber dieses Mal mit Wasser zu befeuchten. »Wie hat sich das für sie angefühlt?«, wollte er nach dem ersten lebensgefährlichen Stromschlag wissen. Zu weiteren kam es glücklicherweise nicht - auch weil die Frau zu viel Angst hatte. Die Antwort auf seine Frage gab die Zeugin dann vor Gericht: »Es hat sich angefühlt, als würde mein Gehirn brennen.«

Der Mann soll den Mädchen und jungen Frauen jeweils Geld geboten haben - mal 200, mal 450 Euro, sogar 1500 oder 3000 Euro. In manchen Fällen sollen sogar die Eltern der Mädchen bei den angeblichen wissenschaftlichen Versuchen geholfen haben. Ein Vater, so heißt es in der Anklage, versetzte seiner Tochter demnach mehrfach Stromschläge mit einem Elektroschockgerät.

Die zuständige Staatsanwaltschaft München II spricht von einem »ungewöhnlichen Fall« und das Gericht schloss die Öffentlichkeit direkt zum Prozessauftakt für eine mögliche Einlassung des Angeklagten, Zeugenaussagen der minderjährigen Opfer sowie die Schlussplädoyers aus.

Der Vorsitzende Richter begründete den Ausschluss damit, dass es um das »Sexualleben« des Angeklagten und »intime Wünsche« gehe. Die Anklage gehe von der »Befriedigung des Geschlechtstriebes« als Mordmerkmal aus und von einer »fetischistischen Komponente« im Tatmotiv. Laut Anklage soll es den Angeklagten sexuell erregt haben, wenn eine Frau durch einen Stromschlag Schmerzen erleidet. »Sowohl die Zufügung von Schmerzen mittels elektrischem Strom, als auch nackte Füße an sich sowie Fesselungen sind ein Fetisch des Angeschuldigten«, sagte der Staatsanwalt.

Laut einem Bericht der Würzburger »Main-Post« geht die Verteidigung dagegen davon aus, dass der Angeklagte psychisch krank ist und das Asperger-Syndrom hat. Die Zeitung zitiert den Verteidiger Klaus Spiegel. Es habe sich demnach um den »Versuch eines Kranken gehandelt, mit der Umwelt zu kommunizieren«.

»Lebensgefährliche Bewerbung für einen Nebenjob«, schrieb die Polizei, als der Fall im vergangenen Jahr bekannt wurde. Denn spätestens von 2014 an soll der IT-Fachmann, der mit Brille und im schwarzen Kapuzenpullover zum Prozess erscheint, Frauen und Mädchen kontaktiert haben, die auf Portalen nach einem Nebenjob suchten. Und den bot er an. Er versprach Geld für die Teilnahme an einer wissenschaftlichen Studie zur Schmerztherapie. Mal gab er sich als Arzt in einem Krankenhaus, mal als Mediziner einer renommierten Universität aus. Sein jüngstes Opfer war laut Anklage erst 13 Jahre alt.

Im Skype-Chat, so die Vorwürfe der Anklage, legte er den Versuchsaufbau dar, »und forderte die vermeintlichen Probanden dann jeweils auf, sich über das eine Spannung von 230 Volt führende Hausstromnetz Stromschlägen auszusetzen«. Über die Jahre wurden die angeblichen Versuche aufwendiger. Ließ er am Anfang noch Nägel in Steckdosen stecken, brachte er seine Opfer später dazu, Apparate mit Löffeln zu bauen oder sich für die Stromschläge an einem Stuhl festbinden zu lassen.

Die Videochats, die all das zeigten, zeichnete er nach Angaben der Staatsanwaltschaft auf - um sie sich immer wieder ansehen und außerdem im Darknet verkaufen zu können. Auf die Spur des IT-Fachmanns aus dem Landkreis Würzburg kamen die Ermittler, nachdem ein 16 Jahre altes Opfer des Mannes Anzeige erstattet hatte.

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