04. Oktober 2019, 22:26 Uhr

»Dann kam der Borkenkäfer«

04. Oktober 2019, 22:26 Uhr
Stürme, Dürre und Borkenkäfer haben in Hessens Wäldern schwere Schäden angerichtet. (Foto: dpa)

Spangenberg (dpa). Günter Strube hat in seinen Wald viel Zeit und Energie gesteckt. Neun Hektar - knapp 13 Fußballfelder - besaß der Landwirt im nordhessischen Spangenberg-Pfieffe - als Zubrot, finanzielle Reserve für seinen Betrieb und Altersvorsorge. Doch von den Fichten ist nicht viel geblieben. »Zwei Drittel sind nun weg«, sagt der 65-Jährige.

Erst habe der Sturm gewütet und die Bäume umgeworfen. Dann kam der Borkenkäfer - während Strube auf eine verfügbare Holzerntemaschine wartete. Auf 100 000 Euro schätzt er den finanziellen Schaden für sich.

Stürme, Dürre und Borkenkäfer haben in Hessens Wäldern Spuren hinterlassen. Der Landesbetrieb Hessen Forst spricht von einer »Extremsituation«, wie sie Forstleute der aktuellen Generation noch nicht erlebt hätten. Im Staatswald werden millionenschwere Aufforstungen vorbereitet. Doch ein Viertel der Wälder in Hessen ist nicht in Staatshand, sondern Privatwald. Es gibt 60 000 Waldbesitzer, wobei es sich überwiegend um Kleinprivatwaldbesitzer handelt.

Auf bis zu 500 Millionen Euro schätzte der Hessische Waldbesitzerverband im August die Schäden in Privat- und Kommunalwäldern. Mittlerweile seien es eher mehr geworden, sagt Christian Raupach, Geschäftsführer des Verbands. Für viele Kleinstwaldbesitzer gehe es um alles: »Der Wald ist weg, das Geld ist weg, da geben viele auf.«

Was das bedeutet, macht der Verband an einem Beispiel deutlich. Vor der Krise hätten Kleinstwaldbesitzer einen Reinerlös pro Hektar erntereife Fichte von 24 000 bis 25 000 Euro erzielt, nach Abzug der Kosten blieben ein paar Tausend Euro Gewinn übrig. Jetzt würden für Aufarbeitung und Wiederbewaldung Kosten von bis zu 20 000 Euro fällig - und das Holz liegt am Wegesrand und lässt sich nicht verkaufen.

Auch größere Privatbetriebe stecken in Nöten. »Die Betriebe haben riesengroße Probleme, weil der Borkenkäfer immer noch frisst.« Einige hätten 150 000 Festmeter Schadholz, »das ist ein gewaltiger Vermögensverlust«. Der Preis sei im Keller und es komme immer noch mehr Schadholz auf den Markt.

Vor allem Fichte und Buche sind betroffen. Um an Geld zu kommen, setzten die Waldbesitzer auf die wenigen Möglichkeiten, die noch blieben: »Der Preis ist momentan um 60 Prozent gegenüber 2017 eingebrochen: Die mittelstarke Fichte mit mittlerem Mittendurchmesser brachte 2017 ungefähr 95 bis 100 Euro pro Kubikmeter, jetzt geht das Holz für 40 Euro nach China.« Der Rest sei kaum vermarktbar, es sei ein Zuschussgeschäft, dieses Holz überhaupt zu ernten.

»Das hat zur Folge, dass Geld für Aufforstung nicht vorhanden ist. Es hat auch zu wenig geregnet, als dass man jetzt pflanzen könnte«, erklärt der Waldbesitzerverband. Kleinstwaldbesitzer wüssten daher oft nicht, was sie machen sollten, »deswegen bleiben bei vielen Privatbesitzern tote Fichten stehen«.

Im September hatte Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) Hilfen für Waldbesitzer angekündigt. »In den Jahren 2020 bis 2023 können damit vom Land mit Unterstützung des Bundes insgesamt 50 Millionen Euro bereitgestellt werden«, sagte eine Sprecherin des hessischen Umweltministeriums. Zudem werde das Land die Waldbesitzer »umfassend« bei der Beseitigung der Schäden unterstützen. Wann das Geld fließen soll, ist unklar. Bislang fühlen sich die Betriebe laut Raupach alleingelassen: »Die Hilfe muss schneller ankommen, es geht darum, die Forstwirtschaft in die Lage zu versetzen, den Wald unter angemessenen Bedingungen zu erhalten.« Dazugehöre auch das Geld nach Bedarf und nicht durch Obergrenzen gedeckelt zu verteilen.

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