26. April 2018, 16:56 Uhr

Elektro-Chopper

Ein Chopper aus Hüttenberg erhitzt die Gemüter

Enrico de Haas aus Hüttenberg hat einen Chopper im Stil einer Harley gebaut. Der Clou: Das Bike hat einen Elektromotor. Der 29-Jährige stößt damit auf mächtig Gegenwind.
26. April 2018, 16:56 Uhr
In sein Elektro-Bike (Bild o.) hat Enrico de Haas 1400 Arbeitsstunden gesteckt. (Foto: srs)

Wer durch die Werkstatt des Motorradbauers Enrico de Haas schlendert, begibt sich auf eine Zeitreise. Hier, mitten in einem Industriegebiet in Hüttenberg-Rechtenbach, stehen Schmelzöfen, Bohrmaschinen und Fräsen aus den 40er und 50er Jahren. De Haas hat sie bei Auktionen im Internet ersteigert, hat in alten Firmen bei Werksauflösungen zugeschlagen. Sie stehen in der Halle wohlgemerkt nicht zur Dekoration, sondern sind täglich im Gebrauch. »Wir bauen Motorräder, die aussehen wie in den 40ern und 50ern«, erklärt de Haas. »Das gelingt uns nur mit Werkzeug aus dieser Zeit.«

In der Szene spielen Männlichkeitsrituale eine große Rolle. Da kommt ein Motorrad mit Elektroantrieb nicht so gut an

Enrico de Haas

Ein Schmuckstück, das gleich am Eingang der Werkstatt auf einem Perserteppich steht, entführt den Besucher ebenfalls auf eine Zeitreise – allerdings nicht nur in die Vergangenheit. Es ist ein Chopper im eleganten Stil einer Harley der 20er Jahre. Ein Bauteil im Bauch des Bikes indes mag wie ein Öltank wirken – doch verbergen sich hier Akkus. Und startet de Haas das Motorrad, ertönt nicht das typische mächtige Donnern einer Harley. Die Maschine brummt nicht. Sie surrt. Sie ist zudem aus Aluminium und nur 80 Kilogramm leicht.

Mit 15 Jahren gründete de Haas sein Unternehmen Wannabe Choppers. (Foto: srs)

Der Hüttenberger hat die Maschine im vergangenen Jahr auf der weltweit größten Messe für umgebaute Motorräder in Bad Salzuflen vorgestellt. Auf der Bühne montierte er das Bike in einem Duell vor Publikum gegen einen Harley-Spezialisten aus Würzburg zusammen. Die Fachpresse habe ihn mit Spott überzogen. Tatsächlich erschienen mehrere kritische Artikel. Das sei kein Motorrad, eher ein Fahrrad, wird moniert. Besonders zugespitzt formulierte es die leitende Redakteurin der Europa-Ausgabe des weltweit meistverkauften Magazins der Motorradszene, »Easyriders«. Da sich das Bike so leicht zusammenbauen lasse, spottete sie über den Messeauftritt: »Das ist, als wenn du zu einem Kochduell mit einer Tiefkühlpizza kommst und vor Ort nur noch Oregano draufstreust.«

»Hand made« steht auf den Händen von Enrico de Haas. (Foto: srs)

Einen Grund für die Kritik sieht der 29-Jährige im Selbstverständnis der Motorradszene. »Männlichkeitsrituale spielen eine große Rolle, da kommt ein Elektro-Chopper nicht so gut an.« Die Branche sei außerdem recht konservativ. Schon ein Hauch von Veränderung löse Zukunftsängste unter Motorradbauern aus. »Der Entwicklung muss man sich aber stellen«, hält de Haas fest.

Mit 15 Jahren gründete de Haas sein Unternehmen Wannabe Choppers mit zwei Freunden. Diese stiegen nach wenigen Tagen wieder aus, er zahlte sie mit 30 Euro aus, seitdem ist er alleiniger Inhaber. Er machte eine Lehre zum Zweiradmechaniker.

Ballt der Hüttenberger seine Hände zu Fäusten zusammen, ist ein Lebensmotto zu sehen, tätowiert auf seine Finger: »Hand made«. Das ist sein Tagesgeschäft: Handarbeit mit Oldtimern, die kaum noch jemand bedienen kann. De Haas und seine vier Mitarbeiter stellen Teile für Motorräder her, in der Werkstatt werden außerdem Maschinen von Grund auf gebaut. Vor allem in diesem Bereich will der 29-Jährige weiter dazulernen. Ein großer Chopper kann auch mal eine Viertelmillion Euro einbringen.

Azubi Julius war einer von 200 Bewerbern. (Foto: srs)

Der Mechaniker hält jedoch fest: »Von meinem Verdienst kann ich mich ernähren und die Miete zahlen. Mit viel Glück reicht es noch für die Rente.« Das Problem seien die Arbeitsstunden. »Viele glauben, wenn sie ein Bike in Auftrag geben, können sie in ein paar Monaten damit fahren.« Seine Arbeit sei ein aufwendiger Prozess, bei dem ausprobiert, verändert und verworfen werde, bis das richtige Design gefunden sei. Ein Markenzeichen auf seinen Motorrädern ist ein Kürzel, oft etwas versteckt: »S.D.G.« Das stehe für »Soli Deo Gloria, erklärt de Haas. »Allein Gott die Ehre«. De Haas ist bekennender Christ. Er trinkt keinen Alkohol. Seine Frau hat er in einer christlichen Gruppe, den »Jesus Freaks«, kennengelernt. Einmal weigerte er sich, sich bei einer Preisverleihung mit einer nackten Frau auf dem Motorrad ablichten zu lassen. In der Motorradszene werde er bisweilen angefeindet, sagt er. »Sprichst du von Jesus Christus, bekommst du Hasstiraden ab.« Während er lässig an seinem Elektro-Chopper sitzt und erzählt, wirkt er wie ein sanfter Rebell. Ein Rebell, dem die Zukunft gehört. (Fotos: srs)

 

 

 

Info

Auftritt im Harley-Museum

Anfang des Jahres tourte der Hüttenberger Enrico de Hass mit seinem Elektromotorrad durch die USA. »Da kam es überragend an«, erzählt er. Fernsehsender berichteten über sein Bike, für den Discovery Channel wurde ein Film gedreht. Und de Haas erhielt eine Einladung, den Chopper in Milwaukee im Harley-Museum zu zeigen. »Die waren sehr aufgeschlossen. Nächstes Jahr bringen sie ja ein eigenes Elektromotorrad heraus.«

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