13. November 2019, 22:22 Uhr

Erziehung durch Hammerschläge

13. November 2019, 22:22 Uhr

Der Tatvorwurf wirkt aus Zeit und Kultur des 21. Jahrhunderts in Deutschland gefallen. »Es ist ja öfter vorgekommen, dass meine Frau mir kein Essen gekocht hat«, beklagt der Senior sich gleich zu Beginn seiner Aussage vor dem Schöffengericht in Büdingen. Sie sei 40 Jahre lang Alkoholikerin gewesen. »Da musste ich viel über mich ergehen lassen.« Offenbar sieht er sich und nicht seine schwer verletzte Frau als das Opfer an.

Bevor sich der Angeklagte zu dem Tatvorwurf äußert, den er unumwunden einräumt, breitet der Büdinger seinen Lebenslauf aus. Nach seiner Ausbildung bei der Bahn habe er »Vorsteher werden können in einem Bahnhof von der Größe wie Offenbach«. Tatsächlich waren es aber nur kleine Bahnhöfe wie Altenstadt oder Eichen, für die er verantwortlich war. Immer wieder betont er die eigene Korrektheit, tadelt die Bahn oder Kollegen für Unzuverlässigkeit. Deshalb habe er die Beamtenlaufbahn aufgegeben. Nach Zwischenstationen und Weiterbildungen wird er Finanzierungsberater in einer Bankfiliale. Letzte Station ist ein Zoogeschäft. Obwohl er selbst kleinste Ereignisse aus diesen Jahren detailliert schildert, kommt seine Hochzeit gar nicht und seine Frau nur in einem Nebensatz vor. Erst auf Nachfrage von Richterin Barbara Lachmann erwähnt er, dass er die Hochzeit 1963. In krassem Widerspruch zur Darstellung der eigenen Korrektheit steht das Bild, das der Angeklagte von seiner Frau zeichnet. Schon Mitte der 70er Jahre habe seine Tochter gesagt: »Papa, die Mama ist manchmal so komisch.« Mitte der 90er Jahre habe seine Frau nach einem Unfall mit vier Promille den Führerschein verloren.

Ab 2017 habe sie »alles übertroffen«. Ständig sei seine Frau volltrunken gewesen. Dazu sei Inkontinenz gekommen. Ob sie ein Pflegefall gewesen sei, hakt Lachmann nach. »Sie konnte ja noch kochen, wenn sie wollte«, verneint der Angeklagte. Warum er sich nicht getrennt habe, fragt die Richterin. »Wir haben uns vor einem katholischen Pfarrer versprochen, dass wir uns unterstützen, in guten wie in schlechten Zeiten«, antwortet er. Durch seine Ausführungen lässt sich erahnen, wie die Situation eskalierte. Eine Frau, die dem Alkohol verfallen war, passte nicht in sein Leben, in dem alles seine Ordnung haben musste. Warum sie Alkoholikerin wurde, darauf weiß er keine Antwort. Eine Ursache lässt sich anhand des Berichts eines Gerichtshelfers vermuten. Ihm erzählte die Frau von Gewalt ihres Mannes gegen sie und die Kinder. Dieser bestritt die Übergriffe nicht, erklärte sie aber als »Notwehr«.

Verstörend ist, wie sachlich der Angeklagte die Tat schildert. »Ich habe lange genug gewartet«, erinnert er sich an die letzten Minuten, bevor er mit dem Hammer zugeschlagen hat. »Sie hat nichts zu essen gemacht«, ist seine einzige Begründung. Mit der Hand habe er nicht schlagen wollen - aus Angst, sich zu verletzen. »Ich habe nur sacht zugeklopft«, er habe sie nicht töten wollen.

Danach habe er den Kühlschrank durchsucht und sei schließlich in die Stadt gefahren, um etwas zu essen. Erst Stunden nach der Tat wird ein Krankenwagen gerufen. Rettungssanitäter und Polizei finden die Ehefrau im Bett liegend und mit stark blutenden Wunden am Kopf vor.

»Ihr Weltbild, dass die Frau an den Herd gehört, ist nicht mehr zeitgemäß«, hält die Staatsanwältin dem Mann vor. »Wir haben in Deutschland kein Züchtigungsrecht.« Sie beantragt ein Jahr und zehn Monate Freiheitsstrafe ohne Bewährung. Der Verteidiger wirbt um Verständnis für den Angeklagten. Als seine Frau nicht mehr funktioniert habe, »hat er die irre Idee aufgebracht, er müsse sie bestrafen«. Er plädiert gegen Haft. »Ich sehe keinen Sinn, einen 80-Jährigen zu erziehen oder einzuknasten.«

Diesem Antrag folgt das Gericht: Es setzt die Haftstrafe von einem Jahr und zehn Monaten zur Bewährung aus, vor allem, weil der Angeklagte nicht vorbestraft ist. Dazu muss er 1500 Euro an den Frauen-Notruf Wetterau zahlen. »Ich habe nicht den Eindruck, dass Sie das bis heute verstanden haben«, bescheinigt die Richterin ihm Uneinsichtigkeit.

Das bestätigt der Angeklagte in seiner Reaktion auf das Bußgeld: »Da wird schon ein bisschen viel von mir verlangt.«

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