14. Februar 2011, 09:00 Uhr

Gauck fragte: »Warum sind die Ossis anders?«

Friedberg (lk). Die zwölfte von 43 Mitgliederversammlungen der Volksbank Mittelhessen glänzte mit einem Schmankerl: Als Gastredner stand Dr. Joachim Gauck auf der Bühne der Friedberger Stadthalle, die mit rund 900 Personen bis auf den letzten Platz gefüllt war. »20 Jahre friedliche Revolution und Mauerfall - Ist zusammengewachsen, was zusammengehört?« lautete das Thema, zu dem Gauck sprach. Der ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, 2010 Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten und evangelischer Pastor, nahm die Zuhörer mit auf eine mit Anekdoten gespickte Reise durch die jüngste deutsche Geschichte.
14. Februar 2011, 09:00 Uhr
Nahm sich viel Zeit zum Signieren seiner Bücher: Dr. Joachim Gauck. (Foto: lk)

Die Botschaft lautete: »Wer Ja sagt zu seiner Freiheit, wer sie nicht nur will, sondern lebt, dem fließen Kräfte zu, die ihn und diese Welt verändern.« »Inzwischen würde ich ja lieber ein anderes Thema aufgreifen«, sagte Gauck und schlug einen Haken in Richtung der politischen Lage in Ägypten. Präsident Husni Mubarak hatte angekündigt, am Donnerstagabend eine Ansprache zu halten. »Vielleicht erreichen die Menschen in Ägypten heute noch einen Erfolg«, sagte Gauck, ließ das Thema dann aber doch fallen.

Nicht ohne Erstaunen habe er bei einem Blick in seinen Terminkalender festgestellt, dass er gleich bei drei Mitgliederversammlungen der Volksbank Mittelhessen als Gastredner auf der Bühne stehe. »Die frühe Volksbank fängt den Gauck«, sagte er lachend und wandte sich dann dem eigentlichen Thema des Vortrags zu: Rund 20 Jahre sind seit der Wiedervereinigung Deutschlands vergangen, dennoch gebe es unterschiedliche politische Kulturen im Osten und Westen des Landes.

»Warum sind die «Ossis» anders?«, fragte Gauck. Am Dialekt könne es nicht liegen. »Schließlich bin ich auch «Ossi» und spreche diese Sprache nicht«, sagte er. Nach Erinnerungen an einen »Wessi«- und einen »Ossi«-Taxifahrer, die beide die Mauer wiederhaben wollten, kam Gauck auf einen statistisch fassbaren Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschen zu sprechen: das Wahlverhalten. An Abstimmungsergebnissen sei noch heute zu sehen, wo einst Osten und wo Westen war. Stichwort: PDS. Die heutige Linkspartei erreiche in manchen östlich gelegenen Berliner Stadtteilen um die 20 Prozent der Wählerstimmen.

»Woran liegt das?«, fragte Gauck und erzählte die nächste Anekdote, die eine Antwort gibt: Es ging um eine Jugendliche, mit der er als Pfarrer in Rostock zu tun hatte. Eine absolute DDR-Gegnerin. Nach der Wende traf er sie wieder, sie sagte ihm, dass sie PDS gewählt habe. Politische Gründe habe sie keine gehabt. Ihr Impuls, diese Partei zu wählen, war ein emotionaler: Sie habe sich heimatlos gefühlt. Er habe ihr Verhalten erst nicht verstanden. »Doch dann fiel es mir ein: Sie hat sich nicht zwischen links und rechts, gut und böse, sondern zwischen vertraut und fremd entschieden.«

Die Furcht vor der Freiheit

Ob nun zwölf braune Jahre oder 44 rote - trotz verschiedener Ideologien sei eines gleich geblieben: »Sei gehorsam, passe dich an, fürchte dich ein bisschen«, sagte Gauck. Deshalb könne es sein, dass Menschen, die aufgefordert seien mitzuentscheiden, nun vor einem Konflikt stünden. Ein Phänomen, das Erich Fromm »Furcht vor der Freiheit« nannte. Dennoch zog Gauck ein positives Fazit: »Wir haben in der Bundesrepublik Deutschland gelernt, dass aus Knechten Bürger werden. Wir können Demokratie.«

Unter langanhaltendem Applaus verließ Gauck die Bühne. Sympathisch: Bei der Signierstunde zeichnete er seinen Namen nicht nur sehr ordentlich in die vorgelegten Bücher, er nahm sich auch viel Zeit, um Fragen zu beantworten und zu plaudern.

Zu Beginn der Veranstaltung hatte Vorstandssprecher Dr. Peter Hanker die Eckdaten der Bilanz präsentiert.



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