03. April 2019, 20:36 Uhr

Gedenken wird zum Politikum

03. April 2019, 20:36 Uhr

Kassel (dpa/lhe). Gedenkveranstaltungen, Kranzniederlegung, Demonstration: So viel wie an diesem Wochenende (5. bis 7. April) ist in Kassel noch nie an das NSU-Opfer Halit Yozgat erinnert worden. Aus der Gedenkfeier am Todestag (6. April) ist ein Gedenkwochenende geworden. Einig sind sich Aktivisten, Linke, die Familie des Opfers und die Stadt Kassel nur in einem: Der Tod Yozgats solle nicht politisch instrumentalisiert werden. Tatsächlich ist das Gedenken längst ein Politikum.

2006 war Yozgat in seinem Internetcafé in Kassel vom Nationalsozialistischen Untergrund NSU getötet worden. An die Tat wurde jahrelang mit einer Veranstaltung auf dem nach Yozgat benannten Halitplatz erinnert. Das Gedenken führte unterschiedlichste Parteien zusammen: die linksorientierte Initiative »6. April«, die sich für die Aufklärung der NSU-Morde einsetzt; die Familie des türkischstämmigen Opfers, die Vertreter der konservativen türkischen Regierung zum Gedenken einlädt; die Stadt Kassel, die die Sicherheit im Auge hat.

Doch mit der Einheit war im vergangenen Jahr Schluss. Da sagte Kassel wegen Sicherheitsbedenken die Gedenkveranstaltung ab, an Yozgat erinnert wurde trotzdem. Nun geht jeder seinen Weg: Am Freitag wird es eine Gedenkveranstaltung der Familie am Halitplatz geben. Dazu sei auch der türkische Generalkonsul aus Frankfurt, Burak Kararti, eingeladen, erklärte Kassels Ausländerbeirat Kamil Saygin, der Kontakt zur Familie Yozgat hat. Am Samstag haben Linke die Demo »Solidarität statt Schlussstrich« angemeldet für die weitere Aufklärung der NSU-Morde und gegen Rassismus. Dabei sein wird die Initiative »6. April«, die auf eine eigene Kundgebung verzichtet. Am Sonntag veranstaltet die Stadt erst eine Kranzniederlegung, dann findet im Rathaus die Auftaktveranstaltung zur Vergabe eines neuen Preises gegen Rassismus, Extremismus, politisch motivierte Gewalt und Antisemitismus statt. Auf diesem Weg will Kassel an Yozgat erinnern.

Ein gemeinsames Gedenken ist kaum möglich: Im Hintergrund stehen verschiedene Interessen, politische Ansichten und die Angst, eine Seite könne das Gedenken instrumentalisieren. Alle Beteiligten geben sich wortkarg: »Der Oberbürgermeister respektiert die Wünsche der Familie«, erklärte ein Sprecher der Stadt Kassel und verweist darauf, dass der OB auch am Freitag am Gedenken der Familie teilnehmen wolle. Von einem »Missverständnis zwischen Stadt und Familie«, spricht Ausländerbeirat Saygin. Zur geplanten Demo sagt er, dass die Familie eine Politisierung ablehne.

Kassels Linke wiederum hätte lieber ein gemeinsames Gedenken. Ähnlich äußert sich die Initiative »6. April«.

Sicherheitsbedenken hat die Polizei nicht. Im vergangenen Jahr war noch befürchtet worden, die Einladung des türkischen Generalkonsuls als Vertreter der Erdogan-Regierung könne antitürkische Proteste auslösen.

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