06. August 2019, 19:47 Uhr

Glatteis mit katastrophalen Folgen

06. August 2019, 19:47 Uhr

Fulda (dpa/lhe). Am winterlichen Bahnsteig 1 im osthessischen Neuhof warten zahlreiche Schüler auf den nächsten Zug, darunter eine 16-Jährige. Auf einer vereisten Stelle rutscht sie nach Angaben der Staatsanwaltschaft plötzlich aus, stürzt ins Gleis, wird von einem einfahrenden Regionalzug überrollt und stirbt. Neuneinhalb Jahre danach muss das Landgericht Fulda klären, ob vier angeklagte Männer Schuld an dem tragischen Tod der Jugendlichen tragen.

Die Ermittlungsbehörde geht davon aus, dass der Bahnsteig an diesem verhängnisvollen Tag Anfang Februar 2010 nicht durchgängig und auf einem zu schmalen Stück von Schnee und Eis geräumt war. Er sei nicht verkehrssicher gewesen, zitierte die Staatsanwältin zu Beginn des Prozesses am Dienstag aus der Anklageschrift. Die 16-Jährige könnte demnach »mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit« noch leben, wenn die drei Bahn-Mitarbeiter und der Geschäftsführer einer Gebäudemanagement-Firma ihren Dienst ordnungsgemäß erledigt hätten.

Der Vorwurf lautet auf fahrlässige Tötung durch Unterlassen. Die Firma sollte den Winterdienst ausführen, was aber laut Staatsanwaltschaft am Unglückstag unterblieb. Zuvor soll es bereits Unstimmigkeiten gegeben haben sowie Beanstandungen. Angeklagt ist zudem der Fahrdienstleiter, der damals für die Gleise, Signale und Weichen am Neuhofer Bahnhof verantwortlich war. Der Winterdienstkoordinator war zuständig für die Organisation der Dienste und der dafür beauftragten Unternehmen. Angeklagt ist auch ein damaliger leitender Bahn-Mitarbeiter, zu dessen Aufgaben die Verkehrssicherung der Bahnsteige gehörte.

Die Verteidigung hält den Fall und die Verantwortlichkeiten nicht für so klar und eindeutig: Es gehe um einen »schrecklichen Unfall« - an dem aber »kein denkbares Verhalten unserer Mandanten, anders als die Anklageschrift suggeriert, irgendetwas hätte ändern können«. Das Landgericht geht von einem langwierigen Prozess aus: Bislang sind rund 30 Verhandlungstage bis Januar 2020 geplant. Die Staatsanwaltschaft spricht von einem umfangreichen Verfahren. Dazu gehört auch ein jahrelanges juristisches Tauziehen im Vorfeld: Die Ermittlungen waren zwischenzeitlich aus Mangel an Beweisen eingestellt worden. Dagegen legte die Mutter der Getöteten mit Erfolg Beschwerde ein.

Die Verteidigung hat ihre Zweifel, dass der Fall angesichts der verstrichenen Zeit aufgeklärt werden kann: Das Verfahren stütze sich im Wesentlichen auf Zeugenaussagen, die sich an ein neuneinhalb Jahre zurückliegendes Geschehen erinnern müssten. Das sei ein »erschwerender Faktor«, der an vielen Stellen Probleme machen werde. Der Rechtsanwalt der Mutter, die als Nebenklägerin auftritt, wollte das so nicht stehen lassen: Die Frau habe einen »furchtbaren Verlust« erlitten. Auch nach Jahren müssen man noch versuchen, das Geschehen aufzuklären. Ob es sich so zugetragen habe wie in der Anklageschrift beschrieben - »dazu haben wir das Verfahren«.

Kurzzeitig drohte die Stimmung im Gerichtssaal zu kippen, weil der Nebenklagevertreter einen Vergleich zu den Auschwitz-Prozessen zog: Diese hätten auch noch nach Jahren Erkenntnisse ans Licht gebracht. Dieser Vergleich sei »absurd«, kritisierte die Verteidigung. Doch es wurde wieder rasch sachlich. Drei der vier Angeklagten im Alter zwischen 41 und 67 Jahren kündigten für den nächsten Verhandlungstag am 23. August Aussagen an. Im Fall einer Verurteilung drohen den Angeklagten bis zu fünf Jahre Haft oder eine Geldstrafe.

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