01. Dezember 2017, 17:41 Uhr

Hunde, Arbeit und Konsum

01. Dezember 2017, 17:41 Uhr
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Aus der Redaktion
Anna Wöbse

Betritt man dieser Tage größere Tierhandlungen, taucht man in einen eigenartigen Kosmos ein. Die Hundeabteilung hat etwas von Spielzeugladen und Möbelparadies. Gummihühner, Plüschkörbchen, blinkende Halsbänder, Diätfutter, strassbesetzte Hundeleinen: Das Angebot entspricht den Wünschen des tierfreundlichen Verbrauchers. Heute sehen die meisten Menschen in Deutschland ihre Hunde offenbar als soziale Partner mit eigenem Konsumbedürfnis.

Beim Beobachten von Hund und Mensch mag man sich manchmal fragen, wer da wen an der Leine hat. Eines wird jedenfalls schnell sichtbar: Die Geschichte des Menschen und des Hundes sind eng miteinander verflochten. Und ihre Beziehungen basieren in aller Regel auf gegenseitigen Interessen. Der Mensch hat keineswegs nur den Hund gezähmt, so die Erkenntnis neuerer Forschung. Sondern der Hund hat auch die Nähe des Menschen als verlässlichen Nahrungslieferanten gesucht und die menschliche Entwicklung maßgeblich mitbeeinflusst. Er ist aus der menschlichen Geschichte kaum wegzudenken, und das nicht nur als Wachhund oder Beschützer der Weidetiere.

Kein Arbeitstier mehr

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren Hunde vor allem als Gehilfen der ärmeren Bevölkerung von großer Bedeutung: Als Zugtiere vor Karren gespannt, transportierten sie von Butter, Lumpen über Schleifsteine Lasten aller Arten über Berg und Tal. Hunde waren also über lange Zeit der Mensch-Hund-Beziehung wichtige Arbeitskräfte. Die doggenartigen sogenannten Bullenbeißer hielten als Gehilfen der Fleischer die Rinder bei der Schlachtung in Schach. Jagdhunde hetzten, suchten, stöberten anstelle ihrer weniger begabten Herrchen das Wild auf. Damit gehörten sie allerdings zu einer kleinen Elite, denn Jagd war einem privilegierten Kreis vorbehalten. In den Kriegen der Neuzeit spielten sie immer wieder eine wichtige Rolle als Kuriere, Munitionsträger oder Minensucher. Für sie wurden eigene Lazarette und Asyle eingerichtet. Nach den Kriegen entstanden gar Kriegshund-denkmäler.

Allerdings nahmen die Arbeitsaufgaben immer weiter ab. Gerade die Tatsache, dass die Hunde als Haustiere keine Arbeit mehr verrichten mussten, sollte den sozialen Status der Besitzer unterstreichen. Während Tiere wie Ziegen, Schweine oder Pferde, die früher die Städte zuhauf bevölkert hatten, allmählich aus den Gassen und Hinterhöfen verdrängt wurden, entwickelten sich Hunde und später auch Katzen allmählich zu Familienmitgliedern. Der Graben zwischen Nutz- und Haustier wurde tiefer. Rinder und Bienen verschwanden, die Hunde blieben. Sie rückten näher an Tisch und Bett heran, bekamen gewisse Rechte eingeräumt. Nun wurden sie zu Gefährten, die auf Gemälden und Fotos dekorativ an der Seite ihrer Besitzer standen, aufs Wort hörten und sich dem bürgerlichen Lebensstil anpassten.

Die Hundebesitzer gewöhnten sich im Gegenzug das Spazierengehen und die Zahlung von Hundesteuern an. Tierkrematorien, Kotbeutel und Hundeschulen zeugen dabei von den jüngsten Veränderungen.

Auch diese enge Rollenzuschreibung könnte sich wieder wandeln: Die Beziehungen zwischen den beiden Gruppen werden ständig neu ausgehandelt, so wie sie sich durch die Jahrtausende immer wieder grundlegend verändert hatten – je nach gesellschaftlichen Verhältnissen.

Anna-Katharina Wöbse ist Umwelthistorikerin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Biologiedidaktik der Universität Gießen.

(Fotos: Dittmar Graf)



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