23. Februar 2019, 17:00 Uhr

Odenwaldschule

Mehr Missbrauchsopfer als gedacht

Mehrere Jahre, nachdem Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule bekannt wurden, zeigen Studien das Ausmaß auf. Hunderte Schülerinnen und Schüler waren sexuell missbraucht worden.
23. Februar 2019, 17:00 Uhr
Aus einer Studie ging nun hervor, dass nicht nur Männer als Täter an den Missbrauchsfällen beteiligt waren. (Foto: dpa)

An der hessischen Odenwaldschule sind mehr Schülerinnen und Schüler sexuell missbraucht worden als bisher angenommen worden war. Das geht aus zwei Studien hervor, die am Freitag in Wiesbaden vorgestellt wurden.

Bis zu 900 Jugendliche sollen an dem ehemaligen Eliteinternat im hessischen Heppenheim zwischen 1966 und 1989 sexuell missbraucht worden sein.

»Die dort über Jahrzehnte praktizierte sexuelle und emotionale Ausbeutung von Schülerinnen und Schülern lässt keine andere Diagnose zu als die eines manipulativen, selbstherrlichen und schäbigen pädagogischen Systems, in dem alle Kinder und Jugendlichen massiven Entwicklungsrisiken ausgesetzt wurden«, sagte Florian Straus vom Institut für Praxisforschung und Projektberatung München (IPP) am Freitag in Wiesbaden.

Mehr als zwei Dutzend Täter

Die ausgewerteten Aktenmaterialien und Sekundärdaten ließen außerdem Rückschlüsse auf mehr als zwei Dutzend Täter alleine unter den pädagogischen und technischen Mitarbeitern der Odenwaldschule zu, sagte der Mitverfasser der Rostocker Studie.

Anders als vermutet, seien die Täter an dem Eliteinternat auch nicht ausnahmslos Männer gewesen, die Materialien ließen Rückschlüsse auf mindestens fünf pädagogische Mitarbeiterinnen zu.

»Die haben noch Täterinnen und Täter entdeckt, von denen wir nichts wussten«, sagte Adrian Koerfer, ehemaliger Gründungsvorsitzender von Glasbrechen e.V. und selbst Opfer von sexuellem Missbrauch an der Odenwaldschule.

500 bis 900 Missbrauchsopfer

Grund zur Erleichterung gebe es jedoch nicht. »Dafür ist die unfassbare Zahl der Opfer, 500 bis 900 laut einer der beiden Studien, zu hoch. Die Zahl der Taten und Täter und Täterinnen ebenso.« Die Aufarbeitung und Veröffentlichung der Studien hätte schon viel früher erfolgen sollen, sagte Straus.

Die Studien des IPP und der Universität Rostock waren 2014 vom damaligen Trägerverein der Odenwaldschule und dem Zusammenschluss der Betroffenen, Glasbrechen e.V., in Auftrag gegeben und vom hessischen Sozialministerium mitfinanziert worden.

Mehr als 450 laufende Meter Akten, mehrere hundert Pläne und 50 000 Bilder, Audio- und Videokassetten wurden bearbeitet, ehemalige Schüler und Lehrer interviewt. (Foto: dpa)

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