02. Februar 2019, 17:00 Uhr

Tod eines Mädchens

Prozess um Sprungturm-Drama beginnt

Zwei Monate lang war der Free Fall Tower im Sommer 2015 die Attraktion auf dem Hoherodskopf. Doch dann, kurz vor Ende der Sommerferien, passiert die Tragödie.
02. Februar 2019, 17:00 Uhr
Von der oberen Plattform wollte die Zwölfjährige springen, hielt sich aber vermutlich in einer Kurzschlussreaktion mit einer Hand am Geländer fest. Nun, fast dreieinhalb Jahre später, stehen die Betreiber des Sprungturms auf dem Hoherodskopf wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht. (Archivfoto: kan)

Sprungturm-Prozess

Zwei Monate lang war der Free Fall Tower im Sommer 2015 die Attraktion auf dem Hoherodskopf. Doch dann passiert die Tragödie. Nun beginnt der Prozess.

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Ein zwölfjähriges Mädchen verfehlt beim Sprung das Kissen. Sie wird schwer verletzt und stirbt einen Monat später. Von nächster Woche an stehen die Betreiber der Anlage vor Gericht.

Am späten Nachmittag des 31. August 2015, ein Montag, klettert die Zwölfjährige aus der Gemeinde Hosenfeld (Kreis Fulda) auf den aus einer Gerüstkonstruktion bestehenden Free Fall Tower. Sie macht Zeugen zufolge zwei Übungssprünge aus sechs Metern Höhe, bevor sie auf die neun Meter hohe Plattform geht, um von dort zu springen. Doch bei diesem Sprung läuft etwas schief. Zeugen berichten, das Mädchen sei mit der Hand am Geländer hängengeblieben oder habe sich möglicherweise in einer Angstreaktion dort festgehalten. Dadurch sei ihr Sprung zur Seite abgelenkt worden. Sie landet nicht wie vorgesehen auf dem dicken Luftkissen, sondern auf der Umrandung. Von dort stürzt sie auf den Boden, mit dem Kopf auf einen Felsbrocken. Sie erleidet eine Kopfwunde, ein Schädel-Hirn-Trauma und Knochenbrüche. Mit einem Hubschrauber wird sie in die Gießener Uni-Klinik geflogen. Einen Monat lang liegt sie im Koma. Doch die Verletzungen sind zu schwer.

 

Prozess beginnt in Gießen

Die Polizei schätzte den Unfall kurz darauf als Unglück ein, ging nicht davon aus, dass den Betreiber eine Schuld trifft. Doch die weiteren Ermittlungen haben offenbar ergeben, dass das zumindest nicht auszuschließen ist. Inwieweit die zwei Männer, beide Mitte 40, zur Verantwortung zu ziehen sind, dass muss nun das Gericht klären. Die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung. Im Falle einer Verurteilung kommt eine Geldstrafe oder auch eine Freiheitsstrafe bis fünf Jahre in Betracht.

Nun beginnt der Prozess vor der Zweiten Strafkammer des Gießener Landgerichts, sieben Verhandlungstermine sind angesetzt, ein gutes Dutzend Zeugen geladen. Das Gericht wird vor allem klären müssen, ob die Betreiber den Sprungturm hinreichend sicher haben aufbauen lassen, sagte Staatsanwalt Rouven Spieler in dieser Woche. Es müsse die Frage geklärt werden, ob der Turm wie vom Hersteller vorgegeben aufgebaut wurde und, falls nicht, ob die Abweichungen sicherheitsrelevant und ursächlich für den Unfall waren. Außerdem sei im Hinblick darauf, dass das Mädchen auf einen Felsbrocken aufgeschlagen ist, der Aspekt von Bedeutung, ob der Standort geeignet war.

 

Mehrere Gutachten erstellt

Zunächst wurde auch gegen einen Einweiser Anklage erhoben, der zum Unglückszeitpunkt am Sprungturm war. Ihm war vorgeworfen worden, er hätte das Mädchen am Sprung hindern müssen. Die Zwölfjährige habe vor dem Sprung verängstigt und überfordert gewirkt und bereits einen Sprungversuch abgebrochen, hieß es im Herbst 2017. Diesen Vorwurf hielt das Gericht jedoch für nicht begründet und lehnte ein Verfahren gegen den jungen Mann ab.

Der Sprungturm bestand aus einer Konstruktion aus Baugerüstrohren. Über eine Treppe ging es hinauf auf sechs oder neun Meter. Wer aus neun Metern springen wollte, musste mindestens zwölf Jahre alt sein. Von der sechs Meter hohen Plattform durfte man bereits mit acht Jahren springen. Wer den Sprung wagte, landete in einem 2,5 Meter dicken mit Luft gefüllten Kissen. Absprungpunkt war ein Durchlass vorne in der ansonsten durch ein Gitter eingefassten Plattform.

Die Öffnung war zwischen den Sprüngen mit einer Kette verschlossen. Nur, wenn jemand springen wollte, wurde er von einem Mitarbeiter geöffnet. Das Gitter links und rechts des Durchlasses sollte verhindern, dass jemand hinunterfällt. Doch genau dieses Gitter, das eigentlich als Schutz gedacht war, scheint der Zwölfjährigen zum Verhängnis geworden zu sein.

Das zehn mal zehn Meter große Kissen eines österreichischen Herstellers schloss direkt am Turm ab. Somit waren zur linken und rechten Seite von der Absprungstelle jeweils etwa fünf Meter abgesichert. Unter dem Turm oder seitlich davon gab es keine Polsterung. Das Kissen war von einer weichen Umrandung eingefasst. Darauf fiel die Zwölfjährige offenbar zunächst.

Vor dem Sprung musste jeder eine Erklärung unterzeichnen, aus versicherungstechnischen Gründen, hieß es damals. Und auch: Der Sprung sei völlig ungefährlich, wenn man sich an die Anweisungen halte. Diese Anweisung lautete: Nach vorne, von der Plattform weg, springen, Beine voraus, so dass man auf dem Po landet.

 

Video ausgewertet

Nach dem Unfall wurde der Turm sofort stillgelegt. Im Laufe der folgenden Monate wurde intensiv ermittelt. Die Ermittler werteten ein Video vom Unglückssprung aus, Experten für Baurecht und ein Sachverständiger des TÜV wurden hinzugezogen. Außerdem erstellte ein Rechtsmediziner ein Gutachten. Im Oktober 2017 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage, damals noch gegen die beiden Betreiber und den Einweiser. Die Verfahren wurden im Juli 2018 eröffnet, allerdings nur noch gegen die Betreiber.
Nun also beginnt der Prozess. Der lange Zeitraum von Verfahrenseröffnung bis zum Verhandlungsbeginn ist nicht ungewöhnlich, erklärte Staatsanwalt Spieler. Vor allem, wenn wie in diesem Fall, in der Zwischenzeit noch umfangreiche Unterlagen eingereicht werden und auszuwerten sind.

Den Eltern des verunglückten Mädchens, die Nebenkläger im Prozess sind, stehen sicher harte Wochen bevor. Sowohl für die Hinterbliebenen als auch für die Beschuldigten gehe es um viel, sagte Staatsanwalt Thomas Hauburger im Juli 2017. Wie auch immer die Richter sich entschieden haben, wenn sie voraussichtlich Mitte März ihr Urteil verkünden – Gewinner wird es in diesem Verfahren nicht geben.

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