14. Juni 2017, 11:32 Uhr

Rocker-Prozess

Schüsse am Himmelfahrtstag: Verbindung zu Gießener Hells Angels?

Im Rocker-Prozess um die Schüsse in der Frankfurter Innenstadt standen am Dienstag die Augenzeugen im Mittelpunkt. Aber es ging auch um die Hintergründe, die bis nach Gießen reichen.
14. Juni 2017, 11:32 Uhr
Philipp_Keßler
Von Philipp Keßler
5. Mai 2016: Schießerei nahe der Hauptwache in Frankfurt. Sie gilt als eine Reaktion auf das misslungene Friedenstreffen am Flughafen. Zwei Rocker – 56 und 38 Jahre alt – eröffnen das Feuer auf einen vorbeifahrenden Geländewagen. In dem Pkw werden das 41-jährige Mitglied der Hells Angels Nomads Turkey sowie ein 20-jähriger Mitfahrer schwer verletzt. Der 56-jährige Schütze kann gefasst werden, sein jüngerer Komplize ist immer noch flüchtig. (Foto: Andreas Arnold (dpa))

Während die Berichte der Augenzeugen am Dienstag im Prozess um die Schießerei in der Frankfurter Innenstadt im Mittelpunkt standen, verriet ein Polizeibeamter etwas über die Hintergründe. Und die reichen tief in die Vergangenheit – und nach Gießen zu den Hells Angels um den getöteten Präsidenten Aygün Mucuk.

 
Fotostrecke: Der Fall Aygün Mucuk – Chronologie der Ereignisse

Wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am Mittwoch berichtet, gebe es laut der Aussage eines Kriminalbeamten vom Dezernat Organisierte Kriminalität Verbindungen zu einer gescheiterten Friedensverhandlungen innerhalb der Hells Angels wenige Wochen zuvor in einem Hotel am Frankfurter Flughafen. Es gebe Videoaufnahme vom Foyer des Hotels, in der sich im April 2016 Frankfurter Höllenrocker der alten Schule um ihren Präsidenten Walter B. ("Schnitzel-Walter") und die schon länger abspaltungswilligen türkisch-stämmigen Mitglieder um den späteren Gießener Präsidenten Aygün Mucuk getroffen haben sollen. Laut des Zeugen soll das Treffen nur wenige Minuten gedauert haben, es sei zu Handgreiflichkeiten gekommen, einer der Rocker hatte eine gebrochene Nase.


Angeschossener für vogelfrei erklärt

Der Schläger soll Munis H. gewesen sein – jener Mann, der bei der Schießerei am Nachmittag des Himmelfahrtstag in der Frankfurter Innenstadt im vergangenen Jahr zusammen mit seinem Cousin schwer verletzt worden war. Seine Lebensgefährtin kam wie durch ein Wunder mit einem Schock davon. Der mutmaßliche Schütze, Athanasios A., steht nun in Frankfurt vor Gericht. Sein Komplize ist weiterhin flüchtig. Nach dem Schlag soll Munis H. innerhalb der Hells Angels für vogelfrei erklärt worden sein. Dabei soll er früher gemeinsam mit dem Angeklagten im Charter "Westend", das seit Ende 2012 verboten ist, organisiert gewesen sein, sich dann aber abgewandt haben – möglicherweise in Richtung von Mucuk und seinen meist muslimischen Anhängern, die 2014 die Gründung ihres eigenen "Charters" in Gießen feiern.

Interessant: Laut der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" soll ein Thema des Treffens die Frage gewesen sein, ob die mittelhessischen Rocker eine ihr nahestehende Gruppe mit Namen "Turkey Nomads" davon abhalten müssten, im ehemaligen "Westend"-Revier zu operieren. Das Ergebnis ist unbekannt – bis auf die gebrochene Nase des ehemaligen "Westend"-Vize.


Erzwungener Frieden hielt nicht lange

Der Hintergrund des Streits ist in der Vergangenheit zu suchen: Während das "Westend"-Charter von Walter B. verboten wurde, wollte Mucuk in Gießen schon länger sein eigenes "Charter" gründen. Die Frankfurter waren entschieden dagegen. Bereits 2014 war es im Katana Club in Frankfurt deshalb zu einer Schießerei mit fünf Verletzten – darunter Aygün Mucuk – gekommen. 2015 sollen die Streithähne laut der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" dann auf dem Hells-Angels-Weltgipfel in Griechenland zum Frieden gezwungen worden sein. Mucuk durfte sein eigenes Charter gründen, was er 2014 in Gießen auch tat. Das Hauptquartier wurde nach Wißmar verlegt. Doch der Streit ging offenbar weiter. Höhepunkt war die Ermordung Mucuks im Oktober vergangenen Jahres. Zu diesem Fall gibt es allerdings weiterhin keine heiße Spur. Auch über die Nachfolge Mucuks ist bislang nichts bekannt.

Ob unterdessen der angeschossene Munis H., der vor einem Café am Frankfurter Friedrich-Stoltze-Platz schwer verletzt zusammengebrochen war, gesagt hat, dass die Täter vom "Westend"-Charter stammten, daran konnten sich die Zeugen am Dienstag nicht mehr erinnern. Überhaupt waren die Erinnungen an die Schützen bei den meisten wenn überhaupt nur noch blass vorhanden. Dies dürfte die Suche nach dem weiterhin flüchtigen zweiten Mann nicht leichter machen. Der Prozess wird am nächsten Dienstag fortgesetzt.



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