23. Juli 2019, 22:02 Uhr

Tanz, Tracht und Grüne Soße

23. Juli 2019, 22:02 Uhr
Tanzleiterin Annalena Wickenhöfer aus Battenberg präsentiert ihre evangelische Marburger Tracht. (Foto: dpa)

Battenberg/Wiesbaden/Marburg (dpa/lhe). Wenn Lehramtsstudentin Annalena Wickenhöfer mit Kommilitonen über ihr Hobby spricht, erntet sie zunächst ratlose Blicke. »Die meisten kennen das gar nicht, denen muss ich das erklären«, sagt die 22-Jährige aus dem nordhessischen Laisa, einem Ortsteil der Stadt Battenberg. Denn Wickenhöfer ist Tanzleiterin der Trachtengruppe Laisa.

»Volkstanz ist nicht so steif, wie man sich das vorstellt«, sagt Wickenhöfer. 20 aktive Tänzer gibt es in ihrer Trachtengruppe. Sie tragen die evangelische Marburger Tracht: Männer ziehen den blauen Hessenkittel und eine blaue Zipfelmütze mit Stickereien an. Dazugehört eine weiße Leinenhose. Die Mädchen tragen eine Kappe - die Stülpe - und darunter einen speziellen Haarknoten, den Schnatz. Dazu gehören eine verzierte Jacke, ein Rock und die Schürze.

Wickenhöfer hat ihre Tracht von der Mutter geerbt. Getragen werde diese Kleidung nur zu Auftritten und besonderen Anlässen. »Mit der Tracht zieht man sich ein Stück neue Persönlichkeit an«, erklärt die 22-Jährige die Faszination. Die Körperhaltung verändere sich, man gehe aufrechter.

Auch wenn Hessen nicht dafür berühmt ist - das Bundesland hat viele verschiedene Trachten zu bieten: die Odenwälder Tracht in Südhessen, die Rhön-Tracht im Osten, die Niederhessische Spitzbetzeltracht im Norden. 28 gibt es laut Hessischer Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege insgesamt.

»Hessen hat ein reiches Brauchtum«, sagt Martina Lüdicke, Leiterin der Abteilung Volkskunde bei der Museumslandschaft Hessen Kassel. So könnten sich Menschen in einer globalisierten Welt einen festen Platz im historischen Kontext zuweisen. Daher existiere ein starkes Bedürfnis, historische Kleidung zu erhalten. Trachten sind laut Lüdicke aber kein Stadtphänomen: »Eine Tracht ist eine typisch ländliche Kleidung.« Andere Bräuche gibt es sowohl in der Stadt als auch auf dem Land: Beispielsweise steht am Gründonnerstag traditionell die Grüne Soße auf dem Speiseplan vieler Hessen. Manche Bräuche sind auch umstritten: Beim alle sieben Jahre stattfindenden Biedenkopfer Grenzgang schlüpften Bürger in die Rolle des »Mohren«, was kürzlich für Rassismusvorwürfe sorgte.

Selbst Handwerkskunst kann Brauchtum sein. So wurde der hessische Kratzputz, mit dem Mauerflächen zwischen Fachwerkbalken verziert werden, zum immateriellen UNESCO-Kulturerbe erklärt. Selbst das Apfelweintrinken sei in gewisser Weise Brauchtum, erklärt Lüdicke.

Maßgeblich am Erhalt des Brauchtums beteiligt ist die Hessische Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege (HVT) mit ihren 160 Mitgliedsgruppen und 17 000 Mitgliedern. Man spüre ein neu erwachtes Interesse an Bräuchen, sagt Geschäftsführer Reiner Sauer: »Wir können uns über fehlenden Nachwuchs nicht beklagen.«

Finanzielle Unterstützung

Etwas, das typisch Hessen ist, fehle im »trachtenreichsten Bundesland« aber. Die Zahl der Bräuche und Trachten sei zu hoch, um sie auf einige wenige zu reduzieren. Allein im Landkreis Marburg-Biedenkopf gebe es acht verschiedene Trachten - und noch mehr Dialekte. Auch diese zählen zum Brauchtum und werden durch Gruppen des HVT gepflegt. So gebe es Theateraufführungen und Gottesdienste in Mundart. Die wichtigste Zeit im Jahr für die Brauchtumspflege ist der Hessentag. Seit dem ersten Landesfest 1961 ist der HVT dabei.

Das Land Hessen unterstützt den Erhalt der Traditionen finanziell: »Für die Förderung von Heimat- und Brauchtumspflege stehen 2019 insgesamt 282 000 Euro zur Verfügung«, erklärte ein Sprecher des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst. Die Bandbreite der geförderten Projekte reiche von Trachtenpflege über die Förderung der Mundart bis hin zur Unterstützung der Heimatvereine. Gerade dort gebe es viele Ideen - von der Dorfchronik bis zur Ausstellung im Heimatmuseum.

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