08. April 2019, 21:03 Uhr

Vor Disco ins Koma geprügelt

08. April 2019, 21:03 Uhr

Kassel/Friedeburg (dpa/lhe). Wenn Christoph Rickels lacht, hat er nicht zwangsläufig gute Laune. Er kann auch tieftraurig oder wütend sein. Das ungewollte Lachen ist eine Folge der verhängnisvollen Nacht, die das Leben des 32-Jährigen vor zwölf Jahren veränderte. Vor einer Disco wird er niedergeschlagen – vom eifersüchtigen Freund eines Mädchens, dem Rickels ein Getränk spendiert hatte. Er knallt mit dem Kopf auf den Asphalt und fällt ins Koma.

Der Täter bekommt eine Bewährungsstrafe, Rickels leidet lebenslang. Er ist halbseitig spastisch gelähmt. Seine Muskeln hat er nur teilweise unter Kontrolle. Die Tat hat sein Leben nicht nur verändert, sie bestimmt es bis heute. Rickels kämpft seit Jahren mit den juristischen, finanziellen, sozialen und gesundheitlichen Folgen. Aber sein Schicksal hat ihm auch eine Mission gegeben.

»Das Einzige, was das Leben lebenswert macht, ist First Togetherness«, sagt der 32-Jährige. Das ist seine gemeinnützige Initiative, mit der er Menschen von psychischer und physischer Gewalt abhalten will. Für sein neues Projekt »40:40« ist er von Friedeburg in Niedersachsen ins nordhessische Kassel gezogen. Hier will er in einem Jahr alle 40 Schulen im Landkreis besuchen und von seinem Schicksal berichten. »Es geht darum, in der Mitte Deutschlands einen Stein ins Wasser zu werfen«, sagt er. Gleichzeitig ist er aber auch bundesweit unterwegs, um seine Geschichte zu erzählen.

Zentral ist für ihn der Begriff »cool«. Denn »cool« seien für Jugendliche oft die falschen Vorbilder: gemeine, abweisende oder einfach körperlich starke Menschen. »Cool« könne aber auch ein gutes Miteinander sein. Es gehe darum, die Definition von »Coolness« zu verändern.

Wenn Rickels im Rampenlicht steht, hat er viele Unterstützer: Politiker haben sein Engagement gewürdigt, Prominente unterstützen ihn, er hat Urkunden und Preise bekommen. Abseits des Trubels ist der 32-Jährige allein: Es gebe nur einen Menschen, den er als Freund bezeichne, sagt Rickels. »Nach dem Koma waren alle im Krankenhaus und haben mir beim Schlafen zugesehen«, erklärt er: Als er danach Freunde brauchte, seien sie weg gewesen. Auch eine Beziehung sei schwierig: »Ich bin aus Angst, etwas falsch zu machen, übervorsichtig.«

Dass das Leben von Gewaltopfern Jahre später durch die Tat bestimmt wird, ist laut der Hilfsorganisation Weißer Ring nicht ungewöhnlich: »In einem solchen Fall ist ohne Weiteres nachvollziehbar, dass sich das Leben fortan nahezu ausschließlich um die Straftat und deren Folgewirkungen dreht«, sagt der hessische Landesvorsitzende Patrick Liesching. Bei schweren Gewaltstraftaten erlebe man sehr häufig, dass es auch zu gravierenden psychischen Beeinträchtigungen komme. Auch finanziell können Gewaltopfer in Not geraten. Für Rickels waren die finanziellen Folgen erheblich: Der Täter ist insolvent, seine Versicherung weigert sich trotz Verurteilung zu zahlen – erst wegen »vorsätzlicher Tatbegehung«, dann wegen Verjährung. Bis heute hat der 32-Jährige keinen Euro von der Versicherung bekommen, stattdessen reiht sich ein Prozess an den nächsten. Weil Rickels nicht arbeiten kann, lebt er vom Berufsschadensausgleich. Das ist eine Sozialleistung, die hauptsächlich Kriegsversehrte und Gewaltopfer bekommen.

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