14. April 2018, 12:00 Uhr

Voll verplant

Wenn die Kita Millionen verschlingt

Über zehn Millionen Euro für zwei Kitas: Der Bund der Steuerzahler nimmt die Stadt Frankfurt ins Visier. Die ist sich keiner Schuld bewusst. Der Fall beschäftigt nun die Gerichte.
14. April 2018, 12:00 Uhr
Die evangelische Kindertagesstätte am Westhafen in Frankfurt kostete laut Bund der Steuerzahler statt der veranschlagten 4,86 Millionen schließlich 6,6 Millionen Euro. Die Stadt nennt niedrigere Kosten – und sieht die Verantwortung bei den Baufirmen. (Foto: dpa)

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Der Flughafen Berlin-Brandenburg und die Elbphilharmonie sind nur die Spitze: Auch in Hessen explodieren Kosten und rücken Fertigstellungen in weite Ferne. In unserer Serie nennen wir Beispiele.

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Es ist der Sommer 2015, als die Stadt Frankfurt zwei neue Kindertagesstätten endlich in Betrieb nehmen kann. Das Problem: Die Kita Westhafen und die Kita Ostend sollten eigentlich bereits Jahre zuvor fertiggestellt sein – und das auch wesentlich günstiger. Grund genug für den Bund der Steuerzahler, die Stadt Frankfurt wegen Verzögerung und Kostensteigerung beim Bau von Betreuungseinrichtungen ins Visier zu nehmen. Doch die Stadt sieht ganz andere Gründe für die Probleme beim Bau.

In Frankfurt ist in den vergangenen Jahren viel zu viel Geld für aus dem Ruder gelaufene Bauprojekte ausgegeben worden

Bund der Steuerzahler

Interessant: Die baulichen Probleme der beiden Kitas gleichen sich fast wie ein Ei dem anderen. Die Kindertageseinrichtung Ostend mit Platz für 60 Kinder kostete laut offiziellen Angaben der Stadt gut 4,8 Millionen Euro, über eine Million mehr als ursprünglich eingeplant. Medienberichten zufolge belaufen sich die Gesamtkosten gar auf 5,4 Millionen Euro. Dies hatte angesichts der angespannten Haushaltslage Anfang der 2010er Jahre zu heftigem Streit im Römer geführt. Ein Wasserschaden brachte die Bauarbeiten zwischenzeitlich sogar vollständig zum Erliegen.

Schuld daran soll die sogenannte Holz-Beton-Verbund-Deckenbauweise gewesen sein, die das Bildungs- und Planungsdezernat laut Opposition unbedingt habe einbauen lassen wollen. Dazu kam: Beim Ausbau auf dem Gelände eines ehemaligen Gaswerkes fielen Mauerreste auf, die aufwendig entfernt werden mussten. Nach dem Bau kam heraus, dass ein Teil der Rasenfläche im Schatten liegt, sodass doch ein fester Belag aufgebracht werden musste, ehe zu allem Überfluss auch noch nicht-kindgerechte Materialien ausgetauscht werden mussten.

 

Fertigstellung um vier Jahre verzögert

Die Geschichte der Kita Westhafen im Gutleutviertel liest sich fast genauso: Wasser kam nach heftigen Regenfällen durch die Verbunddecke und verursachte Schäden. Die Bauarbeiten kamen aufgrund eines gerichtlich bestellten Gutachters zum Erliegen. Statt den eingeplanten 4,8 Millionen Euro mussten laut Medienberichten weitere 1,73 Millionen eingeplant werden, zudem fürchtete man um den Verlust von Bundeszuschüssen, die an einen Fertigstellungstermin gebunden waren. Offiziell gibt die Stadt die Gesamtkosten mit 5,3 Millionen Euro für das Gebäude mit Platz für 87 Kinder an.

Als ärgerlichen Nebeneffekt mussten, aufgrund der um vier Jahre verzögerten Fertigstellung, auch die Kaffeestube und das Jugendzentrum der Evangelischen Hoffnungsgemeinde ihren geplanten Umzug verschieben, der nach dem Neubau des Gemeindezentrums auch Platz für weitere Krippenplätze schaffen sollte – eine Kettenreaktion.

 

Stadt Frankfurt: Verwaltung nicht schuld

Das ließ das Fass beim Steuerzahlerbund überlaufen. Es hieß, »dass bei der jahrelangen Frankfurter Pannenserie auch eigene Defizite eine große Rolle spielen«. Fazit: »In Frankfurt ist in den vergangenen Jahren viel zu viel Geld für aus dem Ruder gelaufene Bauprojekte ausgegeben worden. Es ist an der Zeit, endlich die notwendigen Strukturreformen zu beginnen.« Die Stadt tut genau dies – allerdings nach eigenen Angaben nicht wegen den Probleme bei besagten Kitas. Auf Anfrage heißt es aus dem Dezernat V für Bau und Immobilien, Reformprojekte, Bürgerservice und IT: »Bei beiden Kitas führten Wasserschäden und deren Sanierung zu Verzögerungen. Die gestiegenen Kosten sind hauptsächlich auf die Sanierung dieser Schäden zurückzuführen. Darüber hinaus führten bei der Kita Westhafen auch Preissteigerungen zu einem Anstieg der Baukosten.«

Strukturelle Probleme innerhalb der Verwaltung seien nicht schuld. Überhaupt seien alle Fördermittel von Land und Bund entgegen der medialen Berichterstattung ausgezahlt worden, zudem versuche die Stadt in Gerichtsverfahren Regressforderungen gegen die Baufirmen geltend zu machen. Und überhaupt: Ohne die Kosten wegen der Wasserschäden lägen die Kitas im Vergleich zu anderen »im unteren Bereich«.

Ein Grundproblem bleibe in Frankfurt aber: Grundstücks-, Bau- und Planungskosten seien vergleichsweise hoch, Grundstückzuschnitte oft ungünstig, der Baugrund nicht selten belastet. Verschiedene Beschlüsse der Stadtverordneten zur Verwendung nachhaltiger Materialien, zu energetischen Standards und der Raumgrößen und -qualität erhöhten die Investitionskosten beim Bau von Betreuungseinrichtungen außerdem von vorneherein, senkten aber teilweise den Unterhalt. Bleibt die Frage, wie niedrig der sein muss, um die Mehrkosten beim Bau dieser beiden Kitas wieder reinzuholen.

Info

Es geht auch schnell und günstig

Um Fälle wie die Kitas Westhafen und Ostend in Zukunft zu vermeiden, benutzt die Stadt Frankfurt inzwischen einen angepassten Entwurf des Architekten Ferdinand Heide, der Kitas aufgrund ihrer geringen Komplexität in Sachen Planung in Modulbauweise bauen lässt. Eine vom zuständigen Stadtrat Jan Schneider (CDU) 2014 ins Leben gerufene Arbeitsgruppe zur Optimierung des Kita-Baumanagements hat sich damit beschäftigt. Und siehe da: Durch die Verwendung des Entwurfs, eines Generalunternehmers und einer modularen Bauweise seien mit einer durchschnittlichen Bauzeit eines Jahres sechs neue Kitas entstanden – zum Preis von vier. Das bedeutet 600 Betreuungsplätze statt 400. Weitere Einsparungen gibt es aufgrund der Verwendung einer Photovoltaikanlage auf den Dächern.

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