16. November 2020, 19:06 Uhr

Alte Baumriesen im Trockenstress

16. November 2020, 19:06 Uhr
Ein Stützgestell steht unter den dicken Ästen der jahrhundertealten Linde im hessischen Schenklengsfeld. FOTO: DPA

Bad Hersfeld/Schenklengsfeld - Seit Jahrhunderten hält die weitverzweigte Linde in Schenklengsfeld Wind und Wetter stand. Reformation, Dreißigjähriger Krieg, Erster und Zweiter Weltkrieg - das alles soll der riesige Baum auf dem Marktplatz der Gemeinde im Landkreis Hersfeld-Rotenburg schon überstanden haben. Doch ihre vielleicht härteste Prüfung erlebt die Linde jetzt, in Zeiten des Klimawandels, mit zuletzt mehreren heißen und trockenen Sommern in Folge. Naturschützer und Experten schauen mit Sorge auf die Entwicklung, die auch in vielen Wäldern massive Schäden angerichtet hat.

Wie vielen Bäumen hessenweit, fehlte es auch der Schenklengsfelder Linde im Sommer regelmäßig an Wasser. Mit einem geschätzten Alter von um die 1000 Jahren soll sie einer der ältesten Bäume Deutschlands sein. Bei großer Trockenheit naht zwar Rettung durch die örtliche Feuerwehr, die den Baum immer mal gießt - doch auch das war in diesem Sommer ein Problem, weil der Landkreis die Wasserentnahme aus Flüssen und Bächen zeitweise verboten hatte, um andere Pflanzen und auch Tiere zu schützen. Richtig sichtbar werden Schädigungen an Bäumen aber ohnehin meist erst zeitverzögert, sagt Frank Dittmar von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Hersfeld-Rotenburg. Dann kann die Rinde reißen, die Bäume bilden Totholz und werden anfälliger für Krankheiten und Schädlinge.

Rund 130 bis 140 imposante alte Bäume im Landkreis zählt Dittmar zu seinen Schützlingen. Bei besonders anfälligen Baumarten werde man sich künftig über die Altersfrage kaum Gedanken machen müssen, fürchtet Mark Pommnitz, Forstassessor und Geschäftsführer des Sachverständigenbüros Leitsch in Nauheim im Landkreis Groß-Gerau. Rund 2000 Naturdenkmäler in Hessen und anderen Bundesländern begutachten er und seine Kollegen regelmäßig - und stoßen zunehmend auf alarmierende Entwicklungen. Gerade alte Buchen litten massiv unter dem Wassermangel in den teils 1,80 Meter tief ausgetrockneten Bodenspeichern. »Das entspricht einer schweren Dürre«, sagt Pommnitz. Rotbuchen, die eben noch hochvital im Saft standen, fielen nun systematisch und »in einer erschreckenden Geschwindigkeit« aus.

Bessere Belüftung für den Boden

Die große Trockenheit biete Pilz-Erregern wie dem Riesenporling, der schon seit Jahrzehnten auftritt, leichtes Spiel: Er greift jetzt latent an, bis die Bäume absterben. Andere Baumarten trifft es genauso, auch wenn die Probleme andere sind: Die Rußrindenkrankheit befällt flächendeckend Ahornbäume und kann sogar für den Menschen gefährlich werden, das Diplodia-Triebsterben macht den Kiefern schwer zu schaffen, und die Birken leiden unter einem Wechselbad aus Staunässe in den zu milden Wintern und Trockenstress in den Sommern der vergangenen Jahre.

Viele Möglichkeiten, die Bäume zu schützen oder aufzupäppeln, gebe es nicht. Von baumchirurgischen Eingriffen, wie sie früher angewendet wurden, indem man etwa Wunden verschloss, rücke man zunehmend ab, sagt Pommnitz. Eher gehe es darum, die Standorte zu optimieren und etwa Böden besser zu belüften. Dafür setzt »Baumgugger« Jörg Hirzmann auf tierische Helfer: Regenwürmer sorgen dafür, den Boden rund um Bäume zu durchforsten und so für einen höheren Humusgehalt und Sauerstoff im Boden, sagt der Baumkontrolleur aus Bad Nauheim. Kunstdünger mit seinem hohen Stickstoffanteil sei hingegen ungeeignet, weil er ebenfalls den Pilzen als Gegenspielern der Bäume Nahrung biete.

Auf Dauer werde aber nur helfen, auf weniger anfällige Baumarten zu setzen, glaubt Pommnitz. Beim Landesbetrieb Hessen Forst etwa hoffe man stark auf die Eichen. Auch die Schwarznuss könnte mit den neuen Bedingungen zurechtkommen. dpa

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