09. November 2020, 21:18 Uhr

Betriebe melden weniger Kurzarbeit an

09. November 2020, 21:18 Uhr
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Von Katrin Hanitsch

- Kurzarbeit ist in der Corona-Krise bei Weitem kein Phänomen, das nur wenige betrifft. Im Gegenteil, es scheint eher schon Normalzustand. Ein Blick auf die Zahlen macht deutlich, in welchem Ausmaß die Kurzarbeit seit dem Frühjahr gestiegen ist.

Johannes Paul, Pressesprecher der Agentur für Arbeit in Gießen, stellt klar: Jede Firma, die Kurzarbeit beantragt, muss die Gesamtzahl ihrer Mitarbeiter angeben, auch wenn längst nicht alle dieser Beschäftigten tatsächlich in Kurzarbeit gehen sollen. Und: Nicht jedes Unternehmen, dass einen Antrag auf Kurzarbeit stellt, setzt das dann tatsächlich um. Deshalb sind die Zahlen, die der Arbeitsagentur vorliegen, höher als die der Betriebe und Arbeitnehmer, die tatsächlich in Kurzarbeit sind.

Dennoch macht der Blick in die Statistik sehr deutlich, in welchem Umfang das Instrument der Kurzarbeit derzeit genutzt wird. Die Zahlen der Neuanmeldung gehen zwar zurück und sind im Vergleich zu April auf einem Tiefstand, aber insgesamt haben im Bezirk der Arbeitsagentur Gießen (Stadt und Kreis Gießen, Wetteraukreis und Vogelsbergkreis) von April bis Oktober 6550 Betriebe Kurzarbeit für knapp 72 679 Arbeitnehmer angemeldet. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 44 Betriebe und 2075 betroffene Arbeitnehmer. Insgesamt gibt es im Bezirk knapp 220 000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte.

Im Oktober sind für den Bezirk nur 62 Anträge auf Kurzarbeit eingegangen, zeigt sich Eckhart Schäfer, Leiter der Gießener Arbeitsagentur erleichtert. »Das ist der niedrigste Stand seit Beginn der Corona-Krise.« Doch wie wird es in den nächsten Wochen weitergehen? Schließlich sind Gastronomiebetriebe und Dienstleister wieder geschlossen. Michael Beck, Geschäftsführer für den operativen Bereich der Arbeitsagentur, zeigt sich optimistisch. »Im Großen und Ganzen werden diese vier Wochen keine ganz großen Einschläge verursachen«, hofft er. Er begründet das mit dem vergleichsweise geringen Anteil an Gastronomietrieben, die es seinen Angaben zufolge in der Region gibt. Nur 2,4 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Angestellten seien in der Gastronomie beschäftigt.

Zu den Branchen, die bisher am stärksten von Kurzarbeit betroffen waren, zählt er Dienstleister, Handwerk, Tourismus, Zulieferer für die Autoindustrie und den Messebau. Aber er macht auch deutlich, dass es innerhalb der Branchen große Unterschiede gebe, je nachdem, wie die Unternehmen auf die Situation reagiert haben.

Dass die Zahlen aktuell sinken, kann tatsächlich eine gute Nachricht sein. Denn Kurzarbeit kann immer nur für sechs Monate beantragt werden, danach muss ein neuer Antrag gestellt werden. Bestünde die Kurzarbeit in allen Betrieben fort, die sie im März und April eingeführt haben, müssten deren Anträge nun erneut in der Statistik aufschlagen und die Zahlen wieder nach oben treiben. Das ist aber nicht der Fall. Man kann diese Entwicklung also so interpretieren, dass viele Betriebe - zumindest über den Sommer - die Krise für vorerst ausgestanden hielten.

Pressesprecher Paul zeigt aber auch ein anderes Szenario auf. Er vermutet, dass für viele Betriebe nach der Überbrückung durch die Kurzarbeit nun die Frage im Raum steht, ob sie überhaupt weitermachen können. Er rechnet damit, dass in den nächsten Monaten die Zahl der Insolvenzen steigen wird.

Die Kurzarbeitssituation in den Landkreisen der Region:

Stadt und Kreis Gießen: Von April bis Oktober haben 2546 Unternehmen Kurzarbeit für 30 673 Arbeitnehmer angemeldet. Das waren 2535 Unternehmen und 29 943 Arbeitnehmer mehr als von April bis Oktober 2019.

Wetteraukreis: 3069 Anzeigen auf Kurzarbeit gingen bei der Arbeitsagentur zwischen April und Oktober ein, betroffen waren 31 869 Personen. Im gleichen Zeitraum 2019 waren es 18 beziehungsweise 813.

Vogelsbergkreis: Von April bis Oktober beantragten 935 Unternehmen für 10 137 Arbeitnehmer Kurzarbeit. 2019 waren es 15 Betriebe und 532 Arbeitnehmer. kan



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