10. Dezember 2020, 21:22 Uhr

Botschafterinnen fürs Lesen

Diese fünf Frauen sind überzeugt: Kinder brauchen Bücher. Und weil das nicht in allen Familien ein Selbstläufer ist, haben sie 2018 das Projekt »Wetzlar liest…von Anfang an und überall« ins Leben gerufen. Dafür gab es kürzlich sogar den Deutschen Lesepreis.
10. Dezember 2020, 21:22 Uhr
nahgang_kan
Von Katrin Hanitsch
Lesen kann ein Abenteuer sein. Die Initiatorinnen von »Wetzlar liest…« haben es sich zur Aufgabe gemacht, möglichst vielen Kindern dieses Abenteuer zu ermöglichen. FOTO: MAB

Maren Bonacker, Sylvia Beiser, Karin Böttcher, Christina Peters und Mona Schicke sind Netzwerker. Ihr gemeinsames Ziel: Das Lesen und Vorlesen in die ganze Stadt zu bringen, zu Menschen aller Altersstufen. Das gelingt ihnen über die verschiedensten Projekte, vor allem aber über die Kooperation mit den Wetzlarer Kitas. Zweimal im Jahr bieten sie eine Fortbildung an, bei der sie 30 sorgfältig ausgewählte Kinderbücher vorstellen, und sie den städtischen Kitas im Anschluss schenken. Dafür bekam »Wetzlar liest…« den Deutschen Lesepreis der Stiftung Lesen und der Commerzbank-Stiftung in der Kategorie »Herausragendes kommunales Engagement«.

Warum ist es Ihnen wichtig, dass möglichst viele Kinder mit Büchern in Berührung kommen?

Karin Böttcher: Bücher öffnen Welten, Welten der Fantasie und Welten der Realität. Ein Leben ohne gute Bücher ist ein ärmeres Leben und ein Leben mit vielen verpassten Chancen. Ganz abgesehen davon, dass lesende Kinder es leichter in der Schule haben werden, können sich beim Lesen und dem Auseinandersetzen mit literarischen Figuren auch viele positive Persönlichkeitsmerkmale, wie zum Beispiel die Empathie, ausbilden.

Wer ist leichter für Literatur zu interessieren: Kinder oder Erwachsene?

Böttcher: Pauschal kann man diese Frage nicht beantworten. Kinder sind zwar immer interessiert an Geschichten und schönen bunten Bildern, aber auch beim Vorlesen kann man vieles falsch machen. Wenn man sich nicht genügend Zeit nimmt und nicht selbst mit dem Herzen dabei ist, sondern nur lieblos den Text runterrattert, den Bildern keine Beachtung schenkt und dem Kind keine Zeit lässt, sich auf die Geschichte einzulassen, soll man sich nicht wundern, wenn es dem Kind keinen Spaß macht. Erwachsene sind teils sehr eingefahren in ihren Gewohnheiten. Das betrifft auch die Lesegewohnheiten. Wer als Kind und im Jugendalter kaum positive Erfahrungen mit dem Lesen gemacht hat, wird auch im Erwachsenenalter nicht einfach so zum Buch greifen. Dennoch hängt es immer auch vom Veranstaltungsangebot und der persönlichen Motivation des Veranstalters ab, ob man sein Publikum begeistern kann oder nicht.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Bücher aus, die Sie empfehlen?

Maren Bonacker: Das ist jedes Mal ein langer Prozess. In der Vorbereitung der »Bilderbuchschätze«, die wir zweimal pro Jahr an die Kitas weitergeben, lesen wir sehr viele Bücher, die uns in Buchhandlungen, Katalogen oder auf einer der beiden Buchmessen Leipzig und Frankfurt besonders aufgefallen sind. Wir gucken gezielt nach Bilderbüchern, die auch von Kindern mit weniger Deutschkenntnissen verstanden werden können, aber auch nach Bilderbüchern, die sich gut in der literaturpädagogischen Arbeit in der Kita einsetzen lassen. Es geht zum Teil um Wertevermittlung oder Konfliktlösung, aber auch um einfachen Lesespaß.

Und umgekehrt: Wie sollte ein Kinderbuch auf keinen Fall sein?

Bonacker: Oberflächlich, platt, respektlos gegenüber Minderheiten - zum Glück gibt es die kaum. Die Verlage haben ihre Zielgruppe schon sehr gut im Blick und stimmen ihr Angebot auf die Wünsche der kleinen Leser ab. Kritisch sehen wir, wenn bei gereimten Bilderbüchern wenig Wert auf Versmaß und Sprachrhythmus gelegt wird.

Wie erreichen Sie möglichst viele Familien - besonders die, in denen nicht so viel (vor-)gelesen wird?

Christina Peters: Das Jugendamt der Stadt Wetzlar - insbesondere die Abteilung Kindertagesbetreuung - erläutert bei der Zusammenarbeit mit Familien immer wieder, dass Kinder, die vielfältige Erfahrungen mit Sprache, Vorlesen, Büchern und Schrift machen, in der Schule bessere Sprach-, Lese- und Schreibkompetenzen aufweisen. Das sind Schlüsselqualifikationen, die Kinder für die Zukunft brauchen. In Wetzlar richten zahlreiche Kitas eigene Bibliotheken ein, es gibt dort die erste Literatur-Kita in Hessen, drei mit dem Gütesiegel »Buchkindergarten« ausgezeichnete Einrichtungen und zwölf Kitas, die am Bundesprogramm »Sprach-Kitas« teilnehmen. Diverse Literacy-Veranstaltungen setzen bei den Bedürfnislagen der Familien an und tragen dazu bei, dass Teilhabe im »normalen« Umfeld realisiert wird.

Bonacker: Von der Phantastischen Bibliothek aus gehen wir direkt in die Familien. Über unser Projekt »Vorlesen in Familien« vermitteln wir Kontakte zwischen ehrenamtlichen Vorlesern und Familien, in denen wenig Kontakt zu Büchern besteht. Die Idee ist, dass ein Vorleser über einen längeren Zeitraum zu immer demselben Kind geht und über das Medium Buch eine stabile Beziehung zu dem Kind aufbaut. Mithilfe der speziell für das Projekt ausgewählten Bilderbücher können diese Kinder im Lauf der Zeit emotional gestärkt werden; sie entwickeln ein größeres Selbstbewusstsein, können sich besser konzentrieren, verbessern ihr Sprachvermögen.

Die Corona-Krise reduziert das Freizeitangebot. Ist es nicht gerade jetzt wichtig, Kinder mit Lesestoff zu versorgen?

Böttcher: Ja, gerade jetzt könnte in den Familien mehr gelesen werden. Zum Glück musste die Stadtbibliothek Wetzlar im November noch nicht schließen. Doch auch für Schließzeiten ist vorgesorgt. Wir sind Mitglied im OnleiheVerbund Hessen. So können alle angemeldeten Kunden von zu Hause aus auf etwa 200 000 elektronische Medien zugreifen.

Bonacker: Die Phantastische Bibliothek musste da etwas kreativer werden. Wir bieten den Familien Wunschpakete, die sie nach einem Anruf oder einer kurzen E-Mail bei uns am Haupteingang abholen können. Unsere wöchentlich stattfindenden Märchenlesungen hatten wir im Herbst nach draußen verlagert.

Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung mit dem Deutschen Lesepreis?

Bonacker: Das ist eine ganz tolle Würdigung unserer Bemühungen, möglichst viele Institutionen rund um die Leseförderung zusammenzubringen. Wir machen das ja noch gar nicht so lange, aber alles, was wir bisher gemeinsam auf die Beine gestellt haben, wurde sehr gut angenommen. Über den Deutschen Lesepreis erfahren jetzt auch andere Kommunen von diesen Möglichkeiten des kommunalen Networkings und wie viel man in einem interdisziplinären Team auf die Beine stellen kann. Es wäre toll, wenn das Projekt »Wetzlar liest… von Anfang an und überall« auch anderswo adaptiert würde.

Welche Pläne haben Sie noch?

Beiser: Wir möchten das Projekt im nächsten Jahr weiter verstetigen und sind bereits in den Planungen für das Jahr 2021 - mit allen Unwägbarkeiten. Wir erhoffen uns durch das Jahresthema »Wetzlar liest... KLASSIK« neue und alte Kooperationspartner anzusprechen und vielfältige Aktionen rund ums Vorlesen, Lesen und Literatur in Wetzlar anbieten zu können. Dabei wollen wir gemeinsam mit unseren Mitstreitern Neues wagen und Altbewährtes ausbauen, wie die Bilderbuchschätze, die Leserucksäcke für Tagespflegepersonen, den Lesesommer, die »Wetzlar liest...«-Aktionswoche Ende Januar, Veranstaltungen für die ganze Familie und vieles mehr.

Welches ist Ihr absolutes Lieblings-Kinderbuch?

Böttcher: Ich habe viele Lieblings-Kinderbücher. Besonders möchte ich das Bilderbuch »Habt ihr schon vom Wolf gehört?« von Quentin Gréban nennen. Es ist eine sehr eindrucksvoll illustrierte Geschichte, die Kindern zeigt, wie Vorverurteilungen entstehen und immer größer werden, sobald man sie weitererzählt.

Bonacker: Das Buch, das mich als Kind geprägt hat, ist Dietlind Neven-du Monts »Das Getüm« - ich wollte immer so sein wie die Ich-Erzählerin und warte noch heute, dass eines Tages ein Getüm bei mir anklopft. Jetzt zur Weihnachtszeit ist Barbara Robinsons »Hilfe, die Herdmanns kommen« ein absoluter Klassiker, den ich jedes Jahr wieder lese. Hach, und noch so viele mehr!



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos