22. Oktober 2021, 22:02 Uhr

Deas Feuer muss bean

Sprache ist unser aller Ding. Weil wir uns damit verständigen, mitteilen und austauschen. Wir können fragen, antworten und unsere Gefühle zum Ausdruck bringen, können Wissen und Informationen weitergeben. Und Liedtexte singen. Poeten veredeln unsere Sprache, bringen sie zum Klingen. Und: Sprache verändert sich. In unserer Jubiläumsserie geht es heute um die Sprache, die man vor allem im ländlichen Raum leider immer weniger spricht: die oberhessische Mundart.
22. Oktober 2021, 22:02 Uhr
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Von Burkhard Bräuning
Hüter der Mundart: Die Gruppe »Querbeet« ...

Als kleiner Junge lernte ich sprechen. Nix Besonderes, machen ja alle. Aber ich lernte die Sprache, die schon meine Vorfahren gesprochen haben: Eine nur im Seenbachtal zu hörende Form der oberhessischen Mundart. Klingt abgehoben, ist es aber nicht. Weil sich unser Dialekt eben in Nuancen von dem in anderen Dörfern der Region unterscheidet. Im Westen des Kreises Gießen sprechen die Menschen anders als wir im Osten. Also auch das einzigartig. Im Wetteraukreis ist das auch so und im Vogelsbergkreis nicht anders. Aber wir verstehen uns. Weil es eben nur Nuancen sind.

Ich war ganz zufrieden mit meiner Sprache und dachte als kleiner Junge, dass ich auch keine andere lernen muss. Bis zu dem Tag, an dem ich in die Schule kam. Das war im Frühjahr 1963. Ich wusste, dass unser Dorfschullehrer Karl Sommer »vornehm« sprach. Also wie die Leute, die in den großen Städten wohnten. Ich weiß nicht, warum ich mich später mit Englisch und Französisch so schwergetan habe. Denn die Sprache meines Lehrers beherrschte ich innerhalb weniger Tage. Und so wuchs ich ab diesem Tag zweisprachig auf.

Es gab mal eine Zeit, da versuchte ich krampfhaft, meine Muttersprache, also Mundart, zu vermeiden. Weil ich mich schon ein bisschen dafür schämte. Man wurde halt schief angeschaut, belächelt, von oben herab behandelt. Oder mit Sprüchen konfrontiert wie diesem: »Wo widde dann deu Haa hie hu.« Mehr konnten diese Leute nicht. Und sie verstanden schon mal gar nicht, dass all die vielen Menschen, die oberhessische Mundart sprachen (und Hochdeutsch dazu) ihnen etwas voraus hatten. Sie alle hüteten einen Schatz, hegten ein Kulturerbe.

Als ich das verstanden hatte, sprach ich wieder Dialekt, wann immer sich die Gelegenheit dazu bot. Und ich schwor mir, nie wieder die Sprache zu verleugnen, die von meinen Eltern, Großeltern, Urgroßeltern und so weiter gesprochen wurde… Ein Kulturgut, ein Geschenk für alle, die diesen Dialekt noch beherrschen, also diejenigen, die von Kindesbeinen »Platt« gesprochen haben. Wenn unsere Töchter sich an der Mundart versuchen, dann klingt das lustig, aber eben auch falsch. Und da sind wir auch schon beim Problem: Wir und viele in unserer Generation haben es versäumt, die Sprache an unsere Kinder weiterzugeben. Jetzt ist es vermutlich zu spät.

Heimische Musiker, Mundartdichter und Mundartexperten haben sich nach Kräften bemüht, zu retten, was noch zu retten ist. Es ist nicht sehr kühn, wenn ich prophezeie, dass unser Dialekt trotzdem eines Tages eine tote Sprache ist, also nicht mehr gesprochen wird. Aber noch lebt sie ja. Und wer weiß…

Starten wir doch mal eine kleine Tour durch die Welt des oberhessischen Dialekts. Es ist schon ein paar Monate her, da schrieb dieser Kutschersch Burkhard (siehe Mundartkolumne rechts) über »Riwwen-« und »Maschinekuche«. Einige Tage danach meldete sich eine sehr freundliche Leserin aus der Wetterau. Sie spreche selbst keine Mundart, aber sie versuche jeden Samstag, die Texte vom Kutschersch Burkhard zu übersetzen. Diesmal allerdings sei sie an dem Wort Riwwen gescheitert. Nun, das war schnell geklärt. Aber es hat dazu geführt, dass ich hier für den Kutschersch Burkhard noch einmal etwas näher auf Riwwen und Kuche eingehe. Ein »Riwwenkuche«, manche sagen auch »Riwwelkuche«, konnte früher auch ein »Maschinekuche« sein, war dann aber meist kein richtiger »Riwwenkuche«, jedenfalls keiner von der Art, von der hier die Rede ist. Ein »Maschinekuche« wurde für die Dreschmaschinenhelfer gereicht. Er wurde »irjendwu higestaalt, wu sich jeder neamme konnt, aach die Flieje«. Wer hart arbeitet, so heißt es heute noch manchmal, sollte auch gut und reichlich essen können. Das war aber oft nicht der Fall. Der »Maschinekuche« wurde meist nicht mit Liebe und schon gar nicht mit erlesenen Zutaten gebacken. Der (Hefe-)Kuchen bestand zu mehr als 50 Prozent »aus Rand« - war also Kuchen ohne Belag. Im Grunde war er damit gesünder, denn der Zucker in den »Riwwen«, das weiß man, ist süßes Gift.

Was damals oft auf den Kuchen lag, waren - passend zur frühherbstlichen Jahreszeit - »Quetsche«, auf hochdeutsch Zwetschgen. Nichts gegen einen guten Zwetschgenkuchen, aber wenn auf einem Rundblech (Durchmesser 80 Zentimeter) etwa 20 Früchte liegen, wenn die Sahne fehlt, dann ist das keine Delikatesse, sondern etwas, das bestenfalls den Magen füllt. Will sagen: Ein guter Riwwenkuche ist eine Sünde (wert). Ein »Maschinekuche« ist das meist nicht.

Wenn es um Mundart geht, richte ich den Blick gerne auf das Dorf Ruppertenrod, denn da lebten einst meine Vorfahren mütterlicherseits. Und meine Mutter hat die besondere mundartliche Färbung mit nach Stockhausen gebracht. In ihrem Heimatdorf sind es zwei Männer, die sich intensiv mit dem Dialekt beschäftigt haben: Dr. Wolfgang Strack, Spross einer Ruppertenröder Lehrerfamilie, und Herbert Loch, ein waschechter »Rubbeträrer«, der Märchen ins »Platt« übersetzte und mit seinen Mundartstücken beim »Julius offem Soal« Erfolge feierte. Dr. Strack schreibt im Vorwort seines Ruppertenröder Wörterbuchs: »Wer nichts anderes spricht als die Schriftsprache, der neigt zu der Annahme, die Dialekte seien ländlich-bäurische Abweichungen vom Hochdeutschen, von der Sprache der Städter und Gebildeten. In Wirklichkeit sind sie die einzigen natürlichen Originalsprachen, während die Schriftsprache etwas ist, was künstlich geschaffen wurde, um eine überregionale Verständigung zu ermöglichen und eine gemeinsame Basis für die Schulen und Universitäten, für den Schriftverkehr und für das gedruckte Wort zu besitzen.«

Nachfolgend einige sprachliche Feinheiten aus dem Wörterbuch - de Vuulsbärjer deet soah: »E poar besonnersch schiene Sprich.« So sind sowohl ein »Neuschuur« als auch ein »Debbegigger« (Topfgucker) neugierige Menschen. Wer die »Dennlädden ennoff gitt«, der steigt die senkrecht stehende Leiter in der Scheune hinauf. Ein »Bolleschdorz« ist ein Purzelbaum und ein »Schorche« ist Kautabak. Wenn einer »kean scheass bolwer daucht«, dann will er nichts und kann er nichts, aber sonst ist er zu allem zu gebrauchen und bereit. Kennen Sie, liebe Leser, eine »Eller«? Nein? Doch, kennen Sie. Eine »Eller« ist eine Großmutter, eine Oma. Bleibt die »Kroan«, die noch gesteigert werden kann, dann ist es die »aalt Kroan«. Das Wort hat zwei Bedeutungen: Einmal Astgabel - und, so schreibt Buchautor Strack dezent: »Der Raum zwischen den Beinen.« Das ist eine vage Beschreibung, denn eigentlich ist der Raum zwischen ... Nein, das schickt sich nicht für eine seriöse Zeitung. »Platt« ist also auch eine Sprache, die kein Blatt vor den Mund nimmt. »Platt« ist oft derb, schonungslos, bringt die Dinge auf den Punkt, kann aber auch schlüpfrig und obszön sein - wie die Hochsprache auch. So gibt es eine Reihe Schimpfwörter wie den »Hannebambel« (Angsthase oder Weichei). In Stockhausen heißt so einer »Hoasseschesser«. Bleibt noch der Hinweis für junge Leser: »Platt« ist kuhl, äh cool. Und »geluust« bedeutet nicht, dass man verloren, sondern ein Los gezogen hat. »Ausgeluust wurde übrigens die Reihenfolge beim Backen im Backhaus. Wer als Erster ranmusste, der brauchte mehr Holz, weil der Ofen ausgekühlt war. Ean ihr weast jo all: Wann de Owe aus es, dann eas das nitt schie. Deas Feuer muss bean!



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