27. Oktober 2021, 19:33 Uhr

»Der Distanzunterricht war eine Katastrophe«

27. Oktober 2021, 19:33 Uhr
Avatar_neutral
Aus der Redaktion
Mika Schatz setzt sich für Hessens Schüler ein. FOTO: PRIVAT

Wiesbaden - Seit Montag sitzen Hessens Schüler wieder in den Klassenräumen. Viele von ihnen mit dicken Jacken. Außerdem gelten für die ersten zwei Wochen nach den Herbstferien strengere Hygieneregeln. Über die Auswirkungen der Pandemie haben wir mit dem Landesschulsprecher Mika Schatz gesprochen.

Die Landesschülervertretung wirft dem Kultusministerium seit Beginn der Pandemie Konzeptlosigkeit vor. Gilt das noch immer - trotz Präsenzunterricht?

Dass es wieder Präsenzunterricht gibt, ist wunderbar. Wir haben gesehen: Eine andere Unterrichtsform funktioniert nicht. Distanzunterricht war eine Katastrophe.

Reichen drei Corona-Tests pro Woche und das Maskentragen aus, um das Infektionsrisiko in der Schule einzudämmen?

Ja, wir befürworten die beiden Präventionswochen, um dem höheren Ansteckungsrisiko nach Urlaubsreisen vorzubeugen - gerade auch für die unter Zwölfjährigen, für die es noch kein Impfangebot gibt. Das war tatsächlich mal eine Entscheidung, bei der wir auch nach unserer Meinung gefragt wurden vom Kultusministerium. Das war ganz erfrischend. (schmunzelt)

Wie schätzen Sie denn insgesamt das Infektionsrisiko in der Schule ein?

Für mich persönlich schätze ich das Risiko gering ein. Ich bin ein großer Verfechter der Masken. Sie helfen massiv, das Infektionsrisiko zu reduzieren. Und in meiner Klasse sind auch die meisten geimpft. Insgesamt ist man in der Schule sehr sicher.

Nun hat ja wieder die kältere Jahreszeit begonnen. Müssen die Schüler wieder mit Jacken im Unterricht sitzen, weil häufig gelüftet werden muss?

Ja, ich sehe die Bilder von Schülern mit dicken Jacken und Decken leider wieder auf uns zukommen, da nicht genügend Luftfiltergeräte angeschafft wurden. Natürlich ist das keine gute Lösung. So kann es dauerhaft nicht weitergehen. Mit mehr Luftfiltern könnte man aber sicher die Frequenz des Lüftens reduzieren. Die Mittel dafür hätten unbürokratischer und schneller zur Verfügung gestellt werden müssen.

Die Landesschülervertretung hat auf die hohen psychischen Belastungen hingewiesen. Ist es inzwischen gelungen, die Schüler aufzufangen?

Um den während des Distanzunterrichts entstandenen psychischen Problemen entgegenzuwirken, muss sich der Umgang von Schulen mit dem Thema grundlegend ändern. Die Hilfsangebote sind nicht ausreichend und Schülern zudem oft unbekannt. Es ist also wenig verwunderlich, dass die Aufarbeitung der Pandemie schwerfällt. Um dem entgegenzuwirken, braucht es einen Ausbau von Schulpsychologie und Schulsozialarbeit und eine Entstigmatisierung des Themas durch Aufgreifen im Unterricht. Lehrkräfte sollten schon im Studium lernen, mit psychisch belasteten Schülern umzugehen.

Auch inhaltlich sind bei vielen Schülern große Lücken entstanden.

Das Programm »Löwenstark« wurde toll beworben, den Nutzen sieht man aber noch nicht. Es setzt vorrangig auf außerunterrichtliche Maßnahmen und erreicht oft nicht die Schüler, die es bräuchten. Hilfen werden im Unterricht gebraucht, zum Beispiel durch Lehramtsstudenten, die in den Unterricht geholt werden, um die Lehrer zu unterstützen. An meiner Schule ist das so geschehen, an vielen anderen aber nicht.

Was müsste sich insgesamt in der Bildung im Lande verbessern?

Wir brauchen dringend Fortschritte bei der Digitalisierung und eine Fortbildung der Lehrer, damit sie lernen, wie man mit sozialen Medien umgeht.

Sollte der Unterricht der Zukunft weiterhin digitale Elemente enthalten?

Digitale Geräte sollten unbedingt eingesetzt werden. Wir wünschen uns aber auch mehr selbstständiges Arbeiten in Gruppen unter Anleitung der Lehrkraft. Das wird im Leben gefordert, aber in der Schule nicht vermittelt.

Christiane Warnecke



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos