07. Juni 2021, 21:08 Uhr

Die endliche Ressource Boden

Auch abseits der Ballungsgebiete steigt die Nachfrage nach Bauland in Hessen. Vor allem in den Städten sind bezahlbare Wohnungen Mangelware und eine eigene Immobilie ist für viele Menschen attraktiv. Die Entwicklung sorgt auch für Interessenkonflikte.
07. Juni 2021, 21:08 Uhr
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Von DPA
Nur eine Straße trennt die Neubausiedlung im Frankfurter Stadtteil Nieder-Erlenbach von den Ackerflächen, während im Hintergrund der Taunus zu erkennen ist. Die Bebauung von Grünland in Hessen wird durch Experten kritisch bewertet. FOTO: DPA

Die Wohnungsnot in den Städten und der Homeoffice-Trend während der Corona-Pandemie dürften den Traum vieler Menschen in Hessen von den eigenen vier Wänden beflügeln. Dabei rückten auch Landkreise in den Fokus, die weiter entfernt vom Rhein-Main-Gebiet liegen, sagte der Verbandsdirektor des Regionalverbandes FrankfurtRheinMain, Thomas Horn, der Deutschen Presse-Agentur. »Das ist eine Riesenchance für den zweiten und dritten Gürtel rund um Frankfurt.« Umweltverbände und Landwirte sehen die Entwicklung allerdings mit Sorge und mahnen mit Blick auf Klimawandel und den wachsenden Nahrungsmittelbedarf einen sparsamen Umgang mit der endlichen Ressource Boden an.

Zu den Aufgaben des Regionalverbands gehört die Landschaftsplanung und die Erstellung des Flächennutzungsplans. Der aktuell gültige trat 2011 in Kraft und umfasst insgesamt 2340 Hektar an Flächen für die städtebauliche Entwicklung. Weil lediglich 740 Hektar davon tatsächlich genutzt wurden, seien nun 1600 Hektar noch aktivierbar, sagte Horn. Sie sollen in den neuen, voraussichtlich ab 2025 geltenden Flächennutzungsplan einfließen. Der Grund: Viele Projekte entstanden auf ehemals militärischen Flächen, die außerplanmäßig frei wurden - so etwa der »Pioneer Park« in Hanau, wo bis zur geplanten Fertigstellung im Jahr 2024 Wohnraum für bis zu 5000 Menschen geschaffen werden soll.

Der Bedarf bleibt auch in den kommenden Jahren groß, ist Horn überzeugt: Mehr als 200 000 Wohnungen dürften nach den aktuellsten Prognosen bis 2030 im Verbandsgebiet benötigt werden, hessenweit ging das Wirtschaftsministerium zuletzt von 367 000 Wohnungen bis 2040 aus. Die nach der Corona-Pandemie wieder erstarkende hessische Wirtschaft brauche auch künftig viele Fachkräfte, die entsprechenden Wohnraum benötigen, aber nicht mehr unbedingt in der Stadt leben möchten und müssen - weil Bauland außerhalb Frankfurts etwas günstiger zu haben ist und viele dank flexiblerer Arbeitsmodelle nicht mehr täglich zum Job pendeln müssen. Großer Profiteur der Entwicklung sei etwa der Wetteraukreis, sagt Horn. »Jedes Grundstück dort geht weg wie geschnitten Brot.« Aber auch in Regionen wie dem Vogelsberg oder dem Odenwald sei Bauland zunehmend gefragt.

Angst um Ackerland

Wo große Neubauprojekte angedacht sind - wie etwa der an der A5 auf Wiesen und Feldern geplante neue Frankfurter Stadtteil oder das Ostfeld am Rande Wiesbadens - gibt es allerdings auch viel Widerstand. Auch andernorts sprießen Neubauten an Ortsrändern aus dem Boden - etwa in Nieder-Erlenbach, wo in einem Baugebiet 44 Doppelhaushälften entstehen. Landwirte fürchten durch solche Projekte um wertvolles Ackerland.

Bereits vor gut drei Jahren hatten der Hessische Bauernverband (HBV) und der Umweltverband BUND deshalb einen gemeinsamen Appell an die hessische Landesregierung gerichtet, den Flächenverlust im Offenland zu stoppen. »Die Forderung aus Sicht der Landwirtschaft ist, möglichst Baulücken zu schließen, Innen- vor Außenentwicklung zu stellen und in die Höhe zu bauen«, erklärte HBV-Präsident Karsten Schmal. Einmal versiegelte Flächen seien für die Produktion regionaler Lebensmittel und damit auch als Einkommensquelle für die heimischen Landwirte sowie für die Biodiversität unwiederbringlich verloren.

Sowohl beim Bauernverband als auch beim BUND fürchtet man, dass das kürzlich vom Bundesrat abgesegnete Baulandmobilisierungsgesetz weiteren Druck für Wohn- und Gewerbebaugebiete in Hessen mit sich bringen wird. Durch das Gesetz sollen mehr Flächen für den Wohnungsbau geschaffen werden, um bezahlbaren Wohnraum zu sichern. Gemeinden können demnach künftig brachliegende Flächen leichter für den Bau von Wohnungen nutzbar machen - vor allem in Gebieten mit angespannten Wohnungsmärkten. So könnte sich der Flächenfraß beschleunigen. »Der Boden ist unser wichtigster Speicher für Kohlenstoff, deshalb ist Bodenschutz auch Klimaschutz«, mahnte der Vorsitzende des BUND Hessen, Jörg Nitsch.

Die hessische Landesregierung hatte sich zum Ziel gesetzt, den Flächenverbrauch in Hessen auf maximal 2,5 Hektar pro Tag zu begrenzen. Aus Sicht des BUND wäre eine Reduktion auf einen Hektar pro Tag bis 2023 nötig und danach eine möglichst rasche weitere Absenkung auf netto null Flächenverbrauch, etwa durch den Vorrang für Projekte innerhalb der Kommunen statt der Inanspruchnahme neuer Flächen.

Auch sollte auf Planungen für Logistikzentren verzichtet werden. Regionalverband-Präsident Horn sieht den zunehmenden Widerstand auch gegen solche Projekte kritisch. Abgesehen vom Arbeitskräftepotenzial müssten die 2,4 Millionen Einwohner im Verbandsgebiet auch reibungslos und schnell versorgt werden, dafür seien solche Standorte unerlässlich. »Wir können doch nicht täglich 1000 Lkw von der polnischen Grenze starten lassen«, sagte Horn. Er sprach sich auch dafür aus, Möglichkeiten wie Bürgerbegehren und Bürgerentscheide gegen Bebauungspläne in Zeiten der Wohnungsnot auszusetzen.



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