05. August 2021, 20:14 Uhr

»Die SPD ist hier tief verwurzelt«

Wenn der Bundestag am 26. September neu gewählt wird, dann ist das besonders für die SPD mit bangen Hoffnungen verbunden. Nach drei historischen Wahlklatschen in Folge ragt seit 2017 fast nur noch eine rote Insel aus dem Meer der verlorenen Wahlkreise heraus: Nordhessen.
05. August 2021, 20:14 Uhr
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Aus der Redaktion
Dr. Edgar Franke sitzt für die in Nordhessen traditionell starke SPD im Bundestag und ist Beauftragter für Opfer terroristischer Straftaten. In Nordhessen sei nach dem Zweiten Weltkrieg eine Generation von Sozialdemokraten am Werk gewesen, die mitgestalten wollte und konnte, sagt er. FOTOS: DPA

In Marburg, Waldeck, Werra-Meißner, Hersfeld-Rotenburg/Bad Hersfeld, Schwalm-Eder und Kassel gingen bei der Bundestagswahl 2017 alle Direktmandate an sozialdemokratische Bewerber. Mit einem von ihnen, Dr. Edgar Franke, sprachen wir: Warum ist die SPD ausgerechnet in Nordhessen so stark?

Herr Dr. Franke, Sie kennen das Wort vom Besenstiel, der in den Bundestag gewählt wird, nur weil er rot angestrichen wurde?

Ja klar. Eine Wahlgarantie gibt es auch für die SPD in Nordhessen nicht mehr.

Doch, sogar bei der für die SPD verlorenen Europawahl von 2017: Nordhessen wählte rot. Einfach aus Tradition?

In meiner Familie sicher. Mein Onkel Fritz war vor dem Krieg der letzte Arbeitersportverein-Vorsitzende. Die Nazis haben ihm beide Arme gebrochen. Mein Vater, der später Landrat im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis war, wurde mit 26 Jahren 1946 Bürgermeister in unserem Heimatort Haldorf. Hier in Nordhessen war eine Generation von Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten am Werk, die nach all dem Elend endlich mitgestalten wollte und konnte.

An wen denken Sie?

Es sind viele, und es sind bedeutende Persönlichkeiten: Die aus Kassel stammende Elisabeth Selbert, die die Gleichberechtigung von Mann und Frau in unser Grundgesetz schrieb. Holger Börner, hessischer Ministerpräsident, Hans Eichel, Oberbürgermeister, hessischer Ministerpräsident und Bundesfinanzminister. Ebenso Lauritz Lauritzen, der zwar nicht aus Kassel stammte, die Stadt aber als Oberbürgermeister prägte, auch als Mitideengeber der ersten documenta. Als Kind und Heranwachsender habe ich sie alle kennengelernt. Vor allem den späteren Ministerpräsidenten Georg August Zinn, der vor dem Krieg in Kassel die von den Nazis bedrängten Sozialdemokraten verteidigt hatte.

Was machte sie so bedeutend?

Zinn hat mit seinem Hessenplan das betrieben, was man damals die »soziale Aufrüstung des Dorfes« nannte. Damit wurden viele SPD-Politiker zu Anwälten des damals sogenannten kleinen Mannes, gerade auch in den Dörfern mit neuen Schulen, Straßen, Dorfgemeinschaftshäusern. All dies brachte zum Ausdruck, was sich hier in Nordhessen viele Menschen wünschten. Das hat sich fortgesetzt in den Sechziger-, Siebzigerjahren: Die SPD ist hier tief verwurzelt, ganz gleich ob im Elternbeirat, im Sportverein oder in der evangelischen Kirche. Überall waren Sozialdemokraten, die auch prägend waren, die Bindungswirkung hatten, weil sie das zum Ausdruck gebracht haben, was viele Leute gedacht haben. Das münzte sich dann nachhaltig in Wahlerfolge um.

Besonders im ländlichen Nordhessen?

Zunehmend ja, obwohl dort in den frühen Jahren nach dem Krieg noch sehr konservativ gedacht und gewählt wurde. Mitte der Sechzigerjahre, mit der Studentenrebellion der 68er und dem Aufbruchsgeist der Zeit setzte sich die SPD auch mehr im ländlichen Nordhessen durch, auch in Waldeck-Frankenberg, das traditionell konservativ-liberal wählte. Die SPD hat heute allein im Schwalm-Eder-Kreis mit etwa 3500 Mitgliedern mehr als in ganz Thüringen.

Welche Rolle spielten die Gewerkschaften für die Nordhessen-SPD?

Eine sehr große. Denken Sie etwa an die Industriestandorte wie VW in Baunatal oder B.Braun in Melsungen mit ihren vielen Gewerkschaftsmitgliedern.

Und der Nachwuchs?

Bei jungen Menschen ist die Bindungswirkung von gesellschaftlichen Milieus am geringsten ausgeprägt. Viele junge Leute, mit denen ich spreche, fremdeln mit den etablierten Parteien. Für sie ist heute der Klimaschutz das Thema schlechthin. Dabei zeigt ein Blick auf die Grünen, dass das lautstarke Postulieren dieses Zieles noch keineswegs eine Garantie für das Gelingen ist. Im Gegenteil: In den Bundesländern mit grüner Regierungsbeteiligung konnten diese bisher wenig umsetzen. Vielmehr wird ein ökologischer Umbau unserer Industriegesellschaft nur dann gelingen, wenn wir die Menschen mitnehmen, wenn wir ihre Ängste vor Veränderung ernst nehmen und die Folgen sozial abfedern. Im Übrigen: Annalena Baerbock hat sich gerade selbst entzaubert. Sie hat Leistungen angegeben, die sich, vorsichtig ausgedrückt, im Lebenslauf nicht haben dokumentieren lassen. So etwas stößt gerade auch junge Wähler ab. Das zeigt: Glaubwürdigkeit der Person ist ebenfalls wichtig.

Passierte so etwas früher nicht auch?

So sicher nicht. Mein Vater war beispielsweise gelernter Maurer, Holger Börner Betonfacharbeiter. Die haben genau gewusst, was es bedeutet, einen Chef zu haben und Kollegen. Das waren ja keine Hilfsintellektuellen, sondern Leute, die sich in sehr lebensnahen Jobs bewährt hatten. Das bescherte ihnen bei Wählern Glaubwürdigkeit.

Viele heutige Politiker können so eine Praxisnähe aber nicht bieten…

Das stimmt, wir brauchen mehr Politikerinnen und Politiker aus der Mitte der Gesellschaft - also Menschen mit eigener Lebens- und Berufserfahrung. Denn es macht einen Riesenunterschied, ob ich die Wirklichkeit der Menschen kenne oder nicht. Mit Gendersternchen allein bekämpfe ich weder die soziale Ungleichheit noch den Klimawandel.

Was bedeutet das für die SPD in Nordhessen?

Dass hier so viele verschiedene Leute unter einem Dach versammelt waren, hat die Partei vor allzu ideologischer Selbstbeschäftigung geschützt und sie zur Volkspartei gemacht. Wer hier gewählt werden will, muss sich in hohem Maß um die Wähler bemühen, muss vor Ort präsent sein und zuhören können. Darum bemühen wir uns alle hier; deshalb sind wir auch noch so tief in Nordhessen verwurzelt. So gedeihen Bodenhaftung, Realitätssinn und Glaubwürdigkeit.



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