19. August 2021, 20:37 Uhr

»Draußen« ist schwer

Wenn Straftäter nach verbüßter Haft vor dem Gefängnistor stehen, haben sie oft mit ähnlichen Problemen zu kämpfen: Job weg, Wohnung weg, Freunde und Familie wenden sich ab. Erste Anlaufstelle kann die Haftentlassenenhilfe sein.
19. August 2021, 20:37 Uhr
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Aus der Redaktion
Für viele Häftlinge ist der Start in ein Leben in Freiheit nach der Entlassung schwierig. Die Haftentlassenenhilfe fordert mehr Unterstützung durch die Politik. FOTO: DPA

Als Michael Kunz (Name geändert) Ende Januar 2014 von einer Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen wird, steht er vor dem Nichts. »Ich war obdachlos, kein Mensch war da, ich bin echt ganz unten gewesen«, erzählt der 34-Jährige. Er hatte seine Ausbildung abgebrochen, seine damalige Freundin hatte sich getrennt, die Wohnung war weg. Er geht zur Haftentlassenenhilfe in Frankfurt - und bekommt Unterstützung. Heute ist Kunz verheiratet und hat einen guten Job.

»Es sind die Klassiker, die vielen fehlen in dem Moment, wo sie vor dem Tor der JVA stehen«, sagt Ralf Pretz, Geschäftsführer der Haftentlassenenhilfe in Frankfurt. »Viele haben keine Wohnung, keine Arbeit und Schulden.« Oft seien soziale Kontakte während der Haft verloren gegangen, weil Freunde und Verwandte sich zurückgezogen haben, gibt Pretz zu Bedenken. Hinzukämen Drogen- und Alkoholprobleme.

Aber wie soll’s weitergehen, im neuen Leben in Freiheit? Bei der Frage müssten in Hessen die Systeme Gesundheit, Soziales und Justiz stärker ineinandergreifen, fordert Pretz. Positive Beispiele gebe es oft regional, wo beispielsweise die Krankenkasse AOK automatisch die Krankenversicherung von entlassenen Häftlingen übernehme, die aus dem Ort stammen.

»In Hessen ist es beispielsweise relativ schwer, schon vor der Entlassung aus der Haft heraus einen Antrag beim Jobcenter auf Sozialleistungen zu stellen«, kritisiert Pretz. Dies könne dazu führen, dass sich die Auszahlung des Geldes verzögere. Beim Übergang von der Haft in die Freiheit könnte nach der Meinung des Beraters ein Resozialisierungsgesetz helfen, wie es in anderen Bundesländern schon verabschiedet wurde.

Damit könnten womöglich schon vor der Entlassung wichtige Pflöcke besser gesetzt, Wohnraum und Arbeitsplatz frühzeitig organisiert werden, sagt Pretz. Viele Menschen, die wegen Bagatellkriminalität in Haft waren, zeigten psychische Auffälligkeiten, etwa eine depressive Grundstruktur. »Auch hier birgt die Haftentlassung Probleme, da manchmal die Medikamentenversorgung abbricht«, gibt der Experte zu Bedenken.

Während in der JVA der Gefängnisarzt für alles zuständig ist, seien es vor dem Tor wieder Hausarzt und Krankenversicherung - die es aber oft nicht (mehr) gebe. Gerade bei Psychopharmaka sei das aber ein großes Problem, wenn die Mittel von heute auf morgen abgesetzt werden.

In der Beratungsstelle arbeiteten er, seine Kollegen und Kolleginnen mit »konstruktivem Druck«, wie Pretz sagt. Natürlich müssten die Berater Rückschläge verkraften - etwa wenn ein Klient rückfällig wird und zurück ins Gefängnis muss. »Unsere Arbeit schuldet den Versuch, nicht den Erfolg«, betont Pretz. »Wir können zufrieden sein, wenn wir alles versucht haben.«

Nach Angaben des Justizministeriums in Wiesbaden sind die Vorbereitung der Haftentlassung und Resozialisierung in den hessischen Vollzugsgesetzen geregelt. Das Land habe seit 2008 für mittlerweile jeden Strafgefangenen, der nach der Haftentlassung unter Bewährungs- und/oder Führungsaufsicht gestellt wird, den Übergang zwischen Strafvollzug und dem Leben in Freiheit geregelt. Eingebunden seien unter anderem der Sozialdienst der Justizvollzugsanstalt und die Bewährungshilfe, teilte das Ministerium mit. Alle übrigen Gefangenen, die ohne Führungsaufsicht entlassen oder nicht der staatlichen Bewährungshilfe unterstellt werden, würden durch die freie Straffälligenhilfe betreut, mit denen die Justizvollzugsanstalten Kooperationen vereinbart hätten.

Der ehemalige Häftling Kunz begann seine kriminelle Karriere nach eigenen Worten schon früh - er war knapp 16 Jahre alt, als er mit einem frisierten Moped erwischt und angezeigt wurde. Es folgen viele Jahre, in denen er immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt kommt. Er habe »die falschen Freunde« gehabt, früh angefangen zu kiffen und mit Drogenhandel sein Geld verdient. Kunz steht regelmäßig vor Gericht, die Anklage lautet meist auf Körperverletzung.

Nach seiner Haftstrafe sei er 2014 in der Beratungsstelle herzlich aufgenommen worden, »es war total unbürokratisch«, berichtet er. Er bekam ein paar Euro für Essen und bald die Schlüssel für eine Wohnung. »Ich wurde in allen Belangen von der Haftentlassenenhilfe unterstützt, es gab immer ein offenes Ohr«, sagt er. Die Berater wollten aber auch sehen, dass ihre Klienten Fortschritte machen. »Ich habe gewusst, dass ich irgendwann mal die Kurve bekommen würde, aber dass es so schön wird, hätte ich nicht gedacht«, sagt Kunz. »Und daran hat die Haftentlassenenhilfe einen großen Beitrag geleistet.«

Beruflich hat er sich bis heute hochgearbeitet, sagt der 34-Jährige. Vom 450-Euro-Jobber habe er es zu einer leitenden Funktion im Vertrieb geschafft, alle Schulden bezahlt. Zwischendurch musste Kunz einen Rückschlag verkraften, als er 2017 - nur wenige Wochen nach seiner Hochzeit - für eine länger zurückliegende Straftat für zwei Jahre erneut in Haft musste.

Diesmal sind allerdings die sozialen Bedingungen günstiger - er hat den Rückhalt seiner Frau und seiner Schwiegereltern. Er bekommt oft Besuch und jeden Tag einen Brief. »Mein gutes Leben hat durch diese Haftstrafe nicht geendet«, sagt er. »Ich wusste, sobald ich durch die Gefängnispforte gehe, geht mein normales Leben weiter.« Tatsächlich gelingt es Kunz, in einer neuen Firma Fuß zu fassen. Der 34-Jährige blickt nach vorn: Gemeinsam mit seiner Frau hat er gerade eine Wohnung gekauft.



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