27. August 2021, 22:37 Uhr

Ein Mann, der sich kümmert

Im Dezember wird er 88. Ein hohes Alter, das man ihm aber wirklich nicht ansieht. »Er hat sich gut gehalten«, sagt man in so einem Fall manchmal in Mittelhessen. Aber geschont hat er sich nicht im Leben, hat vielmehr jahrzehntelang hart gearbeitet und war ehrenamtlich äußerst aktiv. Die Rede ist von Rudi Velten aus Mücke-Ilsdorf. Er gehört zu den Menschen, die man umgangssprachlich als »Kümmerer« bezeichnet.
27. August 2021, 22:37 Uhr
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Von Burkhard Bräuning
Bilderreigen: Die Veltens feiern ihre diamantene Hochzeit (l.). Mitte oben: Landwirtschaft war für Velten in jungen Jahren auch eine Berufung. Mitte unten: Velten sitzt stolz auf seiner NSU. Oben: Am Schreibtisch seines Büros im Amtsgericht Alsfeld. FOTOS: SF, PRIVAT

Nach Ilsdorf im westlichen Vogelsbergkreis kommt man nicht mal eher zufällig. Die Fernstraßen der Region führen daran vorbei. Wer nach Ilsdorf fährt, der hat dort auch etwas zu erledigen - oder möchte weiter über eine der beschaulichen Nebenstrecken, die in den hohen Vogelsberg führen. Oder will rüber nach Klein-Eichen, das dann schon wieder im Kreis Gießen liegt. Ilsdorf ist klein, hat aber trotzdem einiges zu bieten, vor allem eine wunderschöne alte Fachwerkkirche, die nicht immer an ihrem jetzigen Platz stand. Sie wurde 1983/84 aus dem Mücker Ortsteil Bernsfeld »transloziert«, wie die Fachleute sagen. Heißt: Das Gebäude wurde dokumentiert, abgebaut und anschließend so gut wie originalgetreu in Ilsdorf wiederaufgebaut.

Im Dorf gibt es viele geschmackvoll renovierte Häuser und Stallungen, viel Fachwerk, aber auch verschindelte Gebäude und wunderschöne, schlichte Holzzäune vor blumengeschmückten Gärten. Es gibt Spazierwege, viel Ruhe und Beschaulichkeit.

Auch Ilsdorf ist ein Ortsteil von Mücke. Und wer im Dorf wohnt, der kennt ganz sicher Rudi Velten. Er hat sein ganzes Leben dort verbracht. Hart arbeiten musste er schon als Kind. Die Eltern betrieben eine kleine Landwirtschaft, der Vater arbeitete zudem in den Eisenerzgruben, die es rings um Ilsdorf gab.

Bald nach seiner Schulzeit übernahm Velten den Hof der Eltern, war außerdem Kanzleiangestellter und begann recht spät, er war schon 31, eine Ausbildung für den mittleren Justizdienst. Nach bestandener Prüfung war er an den Amtsgerichten in Friedberg, Frankfurt/Main, Butzbach, Grünberg und Alsfeld beschäftigt.

1996 ging Velten in den Ruhestand. Aber nur, was das Berufliche betrifft. Velten ist keiner, der die Hände in den Schoß legt. Auch im hohen Alter ist er der Kümmerer geblieben, der er immer war. Konkret: Velten engagiert sich - für die Bürger, eine Sache, ein Projekt, das Dorf, die Großgemeinde, die Kirche und die Vereine. Wer Hilfe braucht, geht zu Rudolf Velten. So heißt er eigentlich, besteht aber darauf, dass man ihn Rudi nennt. Als Bürgermeister des Ortes, als Ortsvorsteher und als Mitglied des Mücker Gemeindevorstands habe er nie aus parteipolischem Kalkül heraus entschieden oder gehandelt. »Es ging immer um die Sache«, sagt er.

Die Liste seiner »Nebenjobs« ist lang: Er war Gemeindevertreter und ehrenamtlicher Bürgermeister in Ilsdorf, außerdem Ortsgerichtsvorsteher und Schiedsmann seiner Heimatgemeinde. Nach der Gebietsreform war er Beigeordneter der Großgemeinde Mücke, Ortsgerichtsvorsteher des Bezirks Mücke I; acht (!) Wahlperioden lang Ortsvorsteher von Ilsdorf, dazu Jagdvorsteher, Vorsitzender der Gefriergemeinschaft und Kirchenvorstandsmitglied.

Über die Gemeindegrenzen hinaus war er Kreistagsabgeordneter und Aufsichtsratsmitglied bei der Volksbank Gießen. Er hat sich aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen. Sein Interesse an Politik ist aber unverändert groß. Nicht schlecht für jemanden, der zusammen mit seiner Ehefrau Christel auch noch drei Kinder aufgezogen hat.

Als Velten 80 wurde, machte ihm die Ilsdorfer Dorfgemeinschaft das schönste Geschenk. Nichts Materielles. Es war etwas, das den Empfänger sehr bewegte und ihn auch heute noch anrührt. Weil das Geschenk ein ehrliches Dankeschön war. Es hängt an der Wand in Veltens Büro. Es ist eine von den Bürgern selbst gestaltete Urkunde, auf der unter anderem steht: »Wenn jemand eine Frage hat, der geht zu Rudi - der weiß Rat. Braucht man Hilfe bei verzwickten Sachen, geht man zu Rudi - der wird’s schon machen … Adventszeit - Lichterglanz und Kerzenschein - auch dafür setzt sich Rudi ein.« Daneben ein Blatt mit Dutzenden Unterschriften von Ilsdorfer Bürgern. Ein verdienter Dank!

Gleichwohl, so betont er, sei es auch ein Dank an seine Frau, die ihm zu Hause stets den Rücken freigehalten habe. »Sie hatte Verständnis und unterstützte mein Engagement.« 2019 feierte das Paar diamantene Hochzeit. Im Februar 1954 hatten sich die beiden bei einer Faschings- und Tanzveranstaltung in Weitershain kennengelernt, 1959 dann geheiratet. Die Ehe mit seiner Frau Christel zählt Velten zu den »uneingeschränkt schönen Seiten« seines Lebens.

Velten ist ein mit sich und der Welt zufriedener Mann, der sich in seinem Heimatdorf wohlfühlt. Hier sieht man ihn oft, wenn er mit dem Fahrrad oder auch zu Fuß unterwegs ist. Richtig wehgetan habe nur wenig in seinem Leben. So habe er um Familienangehörige und enge Freunde getrauert. »Die Aufgabe der Landwirtschaft und später der Verkauf des Anwesens im alten Dorfkern waren auch sehr schmerzhaft.« Heute wohnt Velten am Ortsrand und hat vom Balkon aus einen schönen Blick zur Mittagssonne hin. Mit fast 88 Jahren denkt man auch schon mal über das Ende des Lebens nach. Velten hat keine Angst vor dem Tod. Er ist ein gläubiger Mensch, hat allerdings seine Zweifel daran, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, schließt es aber auch nicht aus. »Es gibt ja keine Erfahrungswerte«, sagt er - und schmunzelt.



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