28. April 2021, 10:00 Uhr

75 Jahre GAZ

Ein ständiger Kampf: Wie um die Zukunft der mittelhessischen Wälder gekämpft wird

Zwei Weltkriege, saurer Regen, Jahrhundertstürme, Dürrejahre, Borkenkäfer - unser Wald hat in den vergangenen 75 Jahren gelitten. Der Kampf um die Zukunft der Wälder hat aber erst begonnen.
28. April 2021, 10:00 Uhr
Der Wald bedeckt rund 40 Prozent der Fläche Hessens und ist ein wichtiger Faktor für Erholung, Freizeit, Gewässerschutz und Artenvielfalt. (Foto: Jaux)

Seit Anbeginn der Zeit nimmt der Wald eine zentrale Bedeutung im Leben des Menschen ein. Er liefert Baumaterial für Behausungen, Brennmaterial für Wärme, ernährt Tiere, die auf dem Teller landen, filtert Wasser, das jeden Tag getrunken wird, beschützt die Landschaft vor Stürmen, Überflutungen und Bodenerosion - und er ist ein CO2-Speicher, ohne den das Leben auf unserem Planeten vermutlich kaum in dieser Form möglich wäre.

Gerade in Hessen, dem waldreichsten Bundesland Deutschlands, nimmt der Wald aber auch mehr und mehr eine Funktion als Ort für Freizeitgestaltung, als Oase der Ruhe ein, in der man dem stressigen Alltag einer digitalisierten Gesellschaft zumindest für einen Augenblick entfliehen kann. Doch - und das ist das große Aber heutzutage: Dem Wald geht es schlecht. Der Kampf um seinen Erhalt tobt zwar nicht erst seit gestern, doch er dürfte mit Blick auf den Klimawandel in der Zukunft immer zentraler werden.

Einer, der diesen Kampf führt, ist Ralf Jäkel, Leiter des Forstamtes Wettenberg, das für rund 14 000 Hektar Wald in Mittelhessen verantwortlich ist. »Ich gehe davon aus, dass wir auch in den kommenden 75 Jahren Wald auf den aktuellen Flächen haben werden, aber er wird sich verändern - die Bäume werden weniger schnell wachsen und auch weniger hoch sein - und damit auch weniger CO2 speichern«, sagt er. »Wir versuchen aber nicht erst seit gestern einen klimastabilen Wald, möglichst aus heimischen Baumarten, aufzubauen.«

Diesen Gedanken gibt es jedoch erst seit einigen Jahren. Nach dem Krieg sah das ganz anders aus, denn in Notzeiten leidet der Wald besonders. Die Menschen holten sich vermehrt Brennstoffe und Baumaterialien, hinzukamen sogenannte Reparationsschläge für die Siegermächte. Was folgte waren Jahre der Aufforstung, in denen vor allem mit schnell wachsenden, vermeintlich robusten und gut als Baumaterial nutzbaren Nadelhölzern wie der Fichte gearbeitet wurde.

Saurer Regen als kurze Krise

Die erste große Krise lässt jedoch nicht lange auf sich warten: Saurer Regen bedroht die Wälder in den 1970er und 1980er Jahren. Das »Waldsterben« wird zum Schlagwort einer Generation. Doch die Katastrophe kann vergleichsweise schnell durch ein Bündel an Maßnahmen abgewendet werden: Abgase aus Industrieanlagen und Kraftwerken sowie Kraftstoffe werden fortan entschwefelt, zudem wird bis heute versucht, weniger Stickoxide freizusetzen und gleichzeitig den Wald und seine Böden mit der Verteilung von Kalk, der Säuren bindet, zu schützen. »Damals hat man gesehen, dass die Kronen lichter werden und an bestimmten Standorten der Wald sogar verschwindet, aber man hat relativ schnell reagiert und überprüft dieses Thema auch heute noch alle zehn Jahre«, erklärt Jäkel.

Doch auch danach kehrt keine Ruhe ein: Die Zahl der »Jahrhundertstürme« häuft sich. Vivian, Wiebke (beide 1990), Lothar (1997) bis zu Kyrill (2007) sorgen für immer mehr Windwurf, vor allem bereits angegriffene Bestände fallen bis heute solchen Extremwetterereignissen zum Opfer. Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug für den Wald, folgen zwischen 2018 und 2020 drei extrem trockene Sommer, die in Kombination mit sich ausbreitenden Schädlingen wie Borkenkäfern vielen Bäumen den Rest geben. »Heute fehlt uns an den meisten Standorten ein ganzer Jahrgang an Regen«, sagt Jäkel, der durch die vergleichsweise guten Niederschlagswerte des vergangenen Winters nur geringfügig aufatmet.

Die Folge sind inzwischen große Kahlflächen. Alleine in Hessen sind in den vergangenen drei Jahren rund 30 000 Hektar Wald verloren gegangen, vor allem Fichtenbestände. Letzteres »ist aber nicht das ganz große Problem«, sagt Jäkel. »Natürlich ist es ein Schaden, aber die Fichte gehört eigentlich nicht hierher.« Deutlich mehr Sorgen mache er sich vor allem um die Buche, die eigentlich - ohne Eingriff des Menschen - mehr als 90 Prozent unseres Bundeslandes bedecken würde, aber inzwischen ebenfalls zunehmend unter den sich verschärfenden Bedingungen leidet.

Suche nach dem »Wald der Zukunft«

»Wir versuchen aktuell, die Zukunft einzuleiten, etwa indem wir Eichen in Buchenwäldern einstreuen und die Freiflächen aktiv mit klimastabileren Bäumen bepflanzen«, sagt Jäkel. Dazu gehören etwa Douglasien, aber auchTannen und Edelhölzer wie Esskastanien. Wichtig: Im Wald der Zukunft sollen mindestens vier Arten nebeneinander vertreten sein, um etwaige Ausfälle besser kompensieren zu können. Dank dem Fortschritt der Wissenschaft seien die dafür nötigen Erfolgsfaktoren wie Standortbedingungen und genetische Faktoren der Bäume viel besser erforscht. Jäkels klares Ziel ist »der Erhalt des Ökosystems Wald«.

Das will auch Mark Harthun, Sprecher beim Naturschutzbund (NABU) Hessen mit Sitz in Wetzlar. Seine Organisation fordert vor dem Hintergrund des Klimawandels und der zunehmenden Wichtigkeit von nicht wirtschaftlichen Faktoren wie Erholung, Natur- und Gewässerschutz eine »zurückhaltende Bewirtschaftung« des Waldes und ein Umdenken in der Politik - weg vom Profit, hin zum Schutz der Umwelt. »Der Wald an sich hat einen Wert für die Bevölkerung«, sagt der Leiter Naturschutz und stellvertretende NABU-Landesgeschäftsführer. »Zudem gehört der Staatswald eigentlich dem Bürger und hat daher eine andere Aufgabe als Privatwald.« Er fordert eine »natürliche Waldentwicklung«, in der die Natur entscheiden kann, was wächst - etwa durch die Einrichtung sogenannter Naturwälder, in denen der Mensch nicht mehr eingreift. Diese »Stilllegung« von Wäldern ist in der Forstwirtschaft umstritten und wird wohl einer der »Kämpfe der Zukunft« werden.

In einem Punkt sind die beiden Experten sich aber einig: Das Thema Wald hat in den vergangenen Jahren (wieder) massiv an Bedeutung gewonnen - und das dürfte auch so bleiben.

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