17. September 2021, 21:58 Uhr

»Es ist wie Krieg«

Die Corona-Pandemie hat die Situation im Frankfurter Bahnhofsviertel verschärft. In der Drogen-Szene steigt Aggression und Verzweiflung. Die neue Stadtregierung braucht eine Genehmigung aus Berlin, um gegensteuern zu können.
17. September 2021, 21:58 Uhr
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Von DPA
Kein seltener Anblick im Bahnhofsviertel von Frankfurt: Eine Frau zündet sich eine Crackpfeife an. Die Stadt will jetzt neue Modellprojekte in Angriff nehmen, um den Süchtigen zu helfen. FOTO: DPA

Müll liegt auf der Straße, es stinkt nach Urin. Drogenabhängige stehen, sitzen oder liegen auf dem Bürgersteig an der Niddastraße nahe des Frankfurter Hauptbahnhofes. Einige ziehen Spritzen auf. Es ist abends an einem Wochentag. Zwei Frauen sitzen zwischen gepackten Taschen und Kleidungstücken in der Nähe. Auf die Frage, wie es ihnen geht, berichten sie von ihrem Leben mit der Sucht. Seit Jahren sei sie auf der Straße, sagt eine von ihnen. »Es ist wie Krieg«, sagt die dünne kleine Frau.

In der Szene gebe es Gewalt und Aggression - insbesondere, weil mehr ausländische Abhängige und Dealer dazugekommen seien. Sie habe Angst, sagt die 49-Jährige unter Tränen. Sie sei in einem Methadonprogramm - bekommt also ein Ersatzmittel für Heroin -, nehme aber auch Crack. »Ich bin mit den Nerven am Ende«, sagt sie. Duschen könne sie in einer Drogenhilfe-Einrichtung in der Nähe. Eine Übernachtungsmöglichkeit gebe es dort nicht für sie. In den Straßen sind offene Drogendeals zu beobachten. Auch der in dem Viertel verbotene Straßenstrich dauert an.

Aggression in der Szene nimmt zu

Die steigende Aggression in der Szene ist der Polizei bekannt, wie ein Sprecher des Frankfurter Präsidiums sagt. Es sei zu teils gewalttätigen Auseinandersetzungen bis hin zum versuchten Totschlag gekommen. Grund sei unter anderem die Corona-Pandemie. Durch die Situation seien viele Möglichkeiten, um an Geld zu kommen, weggefallen - Betteln etwa. Denn es seien weniger Passanten im Viertel unterwegs.

Der Drogenhandel werde weiter entschieden bekämpft und es gebe fast täglich Festnahmen. Gleichzeitig habe er sich professionalisiert: »Die Drogenszene stellt sich sehr schnell auf polizeiliche Maßnahmen und Vorgehensweisen ein und passt ihr ohnehin konspiratives Verhalten stetig an.« So forderten Crackdealer ihre Abnehmer auf, gleich zu konsumieren, damit die Polizei kein Rauschgift auffinden und auch dem Dealer nichts nachweisen kann.

Geschäftsleute aus dem Viertel hatten sich in der Vergangenheit immer wieder hilfesuchend an die Stadt gewandt. Derzeit gebe es Gespräche nicht wegen der Abhängigen, aber wegen betrunkener Männer, die auch Passantinnen und Gäste belästigten, sagt Kanwar Gill, Inhaber eines indischen Restaurants auf der Kaiserstraße. Einen Sicherheitsdienst zu engagieren habe er ausprobiert, aber die Kosten seien zu hoch. Die Situation sei bekannt, es gebe täglich Streifen, erklärt dazu das Ordnungsamt.

Der Frankfurter Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) spricht von einer Verschärfung infolge der Corona-Pandemie: »Es sind Aggression und Probleme da, mit denen wir uns beschäftigen müssen.« Dies sei nicht auf Crack-User und Heroinabhängige beschränkt. Er wolle sich möglichst bald dazu mit den anderen zuständigen Dezernentinnen der neuen Stadtregierung austauschen.

5000 Abhängige in Frankfurt

Majer verweist auf die Ausweitung des Angebots der Drogenhilfe wie verlängerte Öffnungszeiten und Substitution mit Ersatzmitteln - auch für Heroinabhängige ohne Krankenversicherung. Insgesamt geht die Stadt von bis zu 5000 Abhängigen aus, die sie mit ihren Angeboten erreicht, darunter zwischen 100 und 200 Schwerstabhängige, die sich im Bahnhofsviertel aufhielten.

Frankfurt, wo Anfang der 90er Jahre der bundesweit erste Raum zum legalen und überwachten Drogenkonsum entstand, wolle weitere Modellprojekte starten - beispielsweise für Crack-Abhängige. Dazu brauche es auf Bundesebene die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Das gelte auch für Tolerierung des sogenannten Kleinhandels unter Abhängigen in Einrichtungen der Drogenhilfe. Das bisherige Verbot dränge sie auf die Straße - und so entstehe die auch für Anwohner und Geschäftsleute belastende Situation.

Es hänge enorm viel an der anstehenden Bundestagswahl: »Diese drogenpolitische Blockade muss aufgelöst werden, sonst kommen wir in den Städten nicht weiter«, sagt Majer. Der Weg der Prohibition, bei dem man meine, alles durch Verbote zu lösen, sei gescheitert.

Angela Grünzel, die im Konsumraum der Integrativen Drogenhilfe in der Niddastraße arbeitet, sagt, viele der Abhängigen hätten Gewalterfahrungen gemacht oder seien auf andere Weise traumatisiert worden. Sie bräuchten Wohnraum. Zudem seien sie gezwungen, Straftaten zu begehen, solange ihr Konsum und der Besitz von Drogen illegal seien.

Die 49-jährige Drogenabhängige, die mit ihren Taschen auf dem Bürgersteig sitzt, berichtet, dass sie versuche, in ein Entgiftungsprogramm zu gelangen - außerhalb der Stadt, um von den Drogen und vom Bahnhofsviertel wegzukommen.



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