04. Juli 2021, 18:50 Uhr

Früh den Notstand ausrufen

Der Streit ist alt, doch er wird angesichts des Klimawandels immer schärfer. Umweltengagierte aus dem Vogelsberg und dem Burgwald mahnen einen sparsamen Trinkwasserverbrauch an. Schließlich wird von hier aus das Rhein-Main-Gebiet mitversorgt.
04. Juli 2021, 18:50 Uhr
Avatar_neutral
Aus der Redaktion
Ein Pool im Garten verspricht an heißen Tagen Abkühlung. Doch um ihn zu füllen, wird viel Wasser benötigt. Und das wird immer knapper. FOTO: DPA

Königstein im Taunus ruft den Wassernotstand aus, Hessenwasser vermeldet bereits wieder Spitzenwerte beim Wasserverbrauch. Das vergleichsweise feuchte Frühjahr hat offenbar kaum Entlastung gebracht nach den trockenheißen Sommern und niederschlagsarmen Wintern der vergangenen Jahre. Die Ankündigungen aus Frankfurt indes, nun endlich sorgsamer mit dem kostbaren Nass umgehen zu wollen, stoßen im Vogelsberg und dem Burgwald, von wo große Mengen des Frankfurter Wassers kommen, auf Unglauben.

Das Ärgernis ist gut 100 Kilometer lang und transportiert Grundwasser aus dem Vogelsberg gen Frankfurt. Und zwar jede Menge. Rund 45 Millionen Kubikmeter fließen jährlich in das Leitungsnetz der Metropole, ein Drittel des Gesamtbedarfs. Die Pipeline geht auf Beschlüsse des Frankfurter Magistrats von 1872 zurück, und fast ebenso alt ist der Streit ums Wasser.

»Der vergangene Winter war ja der erste seit 2003, der ordentlich Schnee gebracht hat. Insofern sind zumindest die oberflächennahen Vorkommen wieder einigermaßen aufgefüllt«, berichtet Hans-Otto Wack. Wack ist Ökologe und Mitglied der Schutzgemeinschaft Vogelsberg. Was er sagt, ist allerdings keine Entwarnung. Denn: »Das tiefe Grundwasser hat noch nicht genügend abbekommen.«

Ähnliches berichtet Anne Archinal, die sich für den Schutz der Grundwasservorkommen im Burgwald bei Marburg engagiert. Auch von dort fließt Wasser nach Frankfurt. »Aktuell sieht es oberflächlich etwas besser aus, aber die Vorräte im Boden sind längst nicht aufgefüllt«, sagt sie.

Beide blicken mit Skepsis auf die Äußerungen von Frankfurts Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne), die die vermehrte Nutzung von Mainwasser angekündigt und den Aufschlag von einem Cent auf den Kubikmeter vorgeschlagen hat, um das Vorhaben zu finanzieren. »So ein Cent wäre eine gute Sache, 13 von 16 Bundesländern haben so etwas«, sagt Archinal. Allerdings habe Heilig bereits vor fünf Jahren bei einer Podiumsrunde im Frankfurter DGB-Haus Verbesserungen versprochen. »Passiert ist seitdem fast nichts«, sagt Archinal.

Verschwendung im Taunus

Die Idee eines Trinkwasser-Cents sei gut, urteilt auch Wack. Ein »Kardinalfehler« aber wäre es, wenn man mit hohem Aufwand Mainwasser zu Trinkwasser aufbereiten würde, um es dann in die WC-Spülung zu schütten. »Das kann man auch mit weniger aufwendig aufbereitetem Wasser machen.« In Frankfurt gebe es sehr viele Möglichkeiten, Brauchwasser zu nutzen.

Für das neue Hochhaus an der Senckenberganlage habe die Schutzgemeinschaft Vogelsberg das durchgerechnet. 20 000 Kubikmeter Trinkwasser im Jahr könnten dort allein für die Toilettenspülung eingespart werden. »Man könnte bei größeren Bauvorhaben anordnen, eine zweite Wasserleitung ins Haus zu legen, das würde bei Neubauten gerade einmal 20 Euro je Meter Leitung kosten«, sagt Wack. Auch die vier neuesten Hochhäuser, sagt Archinal, würden wieder ohne Brauchwasserleitungen errichtet. Offenbar fehle der politische Wille, so etwas durchzusetzen.

Dass Wasser knapp werden könnte, zeigt auch eine andere Nachricht. So meldet Hessenwasser vor zwei Wochen, die jüngste Hitzewelle habe den Trinkwasserbedarf in der Rhein-Main-Region erstmals im laufenden Jahr auf mehr als 400 000 Kubikmeter pro Tag ansteigen lassen. 404 152 Kubikmeter waren es am 18. Juni - der Spitzenwert liegt bei 426 312 Kubikmeter und wurde am 26. Juni 2019 erreicht.

Angesichts dieser Zahlen ärgert Wack noch etwas anderes. Gerade im Taunus habe die Wasserverschwendung große Ausmaße angenommen. Gegenüber einem Normalwert von 120 Litern pro Person und Tag sei dort - wie auch in Frankfurt - der Spitzenverbrauch im Sommer auf 250 Liter hochgeschnellt. Appelle wie von Heilig, zu duschen statt zu baden und auf das Bewässern des Rasens zu verzichten, hält Wack für nutzlos. »Das sind Tipps aus den 90er Jahren.« Diese Appelle gingen ins Leere. Das sehe man ja, wenn überall die Swimmingpools befüllt würden.

In Königstein haben die Stadtwerke bereits die Trinkwasserknappheit ausgerufen. Damit sind verschiedene Einschränkungen verbunden. So dürfen keine Wege, Rasen- und Grünflächen über 200 Quadratmeter aus dem öffentlichen Netz bewässert werden. Verboten ist es, Pools mit mehr als 25 Kubikmetern aus der Wasserleitung zu befüllen.

Wack hält das für den richtigen Weg. »Frühzeitig den Wassernotstand ausrufen, dann hat man eine juristische Handhabe, den Wasserverbrauch einzuschränken. Sonst darf man sich nicht über die Spitzenverbräuche in den heißen Sommern wundern.«

Seit 2003 fielen die Grundwasserpegel. Für die nächsten 50 Jahre sagten Klimaforscher noch viel längere Heißzeiten voraus. Auch wenn es derzeit nahezu unbegrenzt aus den Hähnen fließe: »Wasser ist nicht genug da«, sagt Wack. Nicht solange Frankfurt so große Mengen aus dem Umland beziehe wie heute.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos