15. Oktober 2021, 21:02 Uhr

»Ich glaube, dass diese Welt kein Zufall ist«

Er war 44 Jahre Pfarrer im unteren Seenbachtal. Jedes Kind kannte ihn - und er kannte alle Kinder. Weil er sie getauft hatte. Und viele der Erwachsenen auch. Werner Kalbhenn war eine Institution. Er war ein Intellektueller, ein überzeugender Prediger, aber der Welt entrückt war er nicht. Kalbhenn war ein freundlicher, ein humorvoller, den Menschen zugewandter Mann. Mit seiner Frau Marta und den sieben Kindern lebte er im Pfarrhaus in Merlau. Das Ehepaar ruht nun seit über 30 Jahren auf dem Friedhof des Dorfes. Die Kinder sind weggezogen. Aber die Familie ist unvergessen.
15. Oktober 2021, 21:02 Uhr
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Von Burkhard Bräuning

Die evangelische Kirche hat sich nach dem Krieg stark verändert, so wie alles andere auch. Die Kalbhenns stehen beispielhaft für diesen Wandel. Schon seit dem 19. Jahrhundert gab es in jeder Generation mindestens einen Pfarrer in der Familie. Werner Kalbhenns Sohn Friedhelm, der mit seiner Frau in Alsfeld lebt und im Vogelsberg viele Jahre Gemeindepfarrer war, setzte bis zu seiner Pensionierung diese Tradition fort. Und heute wirkt Werner Kalbhenns Enkelin Carolin als Gemeindepfarrerin in Gießen-Wieseck. Auch ihr Mann ist Pfarrer. Und weil das Paar drei Kinder hat, besteht zumindest theoretisch die Möglichkeit, dass diese Tradition auch in den nächsten Jahrzehnten im Mittelhessischen fortgesetzt wird.

Friedhelm Kalbhenn hat uns am Telefon erzählt, wie es war, damals mit seinen sechs Geschwistern im Pfarrhaus. Und mit seiner Tochter Carolin Kalbhenn haben wir uns in Merlau auf Spurensuche begeben. Im Gemeindehaus treffen wir auf Verena Reeh, die seit einigen Monaten die Pfarrstelle innehat. Schon vor dem Gebäude wird klar, was sie mit ihrem Vorvorvorvorgänger verbindet: das Fahrrad. Werner Kalbhenn war über Jahrzehnte bekannt als der Pfarrer auf dem Rad. Bei Wind und Wetter war er unterwegs. Morgens schon vor acht Uhr sah man ihn nach Ilsdorf oder Stockhausen radeln, weil er dort Religionsunterricht gab. Immer in der ersten Stunde. Auch Verena Reeh setzt bei ihren Hausbesuchen und Terminen im näheren Umkreis auf das Rad. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten. Das Pfarrhaus, einst das Zentrum der Kirchengemeinde, wurde nach einer gründlichen Renovierung an eine Familie vermietet. Pfarrerin Reeh hat sich eine Wohnung im Dorf gesucht. Und ihr Vorgänger, Pfarrer Holger Becker, wohnte nicht im Ort. Das ist noch nicht die Regel, aber es ist auch nicht mehr die Ausnahme.

Es ist ruhig geworden auf dem Grundstück, auf dem Kirche, Gemeinde- und das Pfarrhaus stehen. Carolin Kalbhenn ist 47 Jahre alt. Als ihr Großvater 1977 nach 44 Jahren seinen Dienst in Merlau beendete, war sie noch ein kleines Mädchen, hat also keine eigenen Erinnerungen an das Leben im Merlauer Pfarrhaus, an Kirche und Gemeindehaus. Aber sie kennt das Ensemble. Als ihr Vater in Stumpertenrod Gemeindepfarrer war, besuchte sie einige Jahre die Gesamtschule in Mücke-Nieder-Ohmen, nur wenige Hundert Meter vom kirchlichen Gemeindezentrum in Merlau entfernt. Ihr Vater Friedhelm Kalbhenn allerdings kann sich gut an seine Kindheit und Jugend in Merlau erinnern. Er erzählt von einer »wunderbaren Zeit« in einem Pfarrhaus, in dem nicht nur das Pfarrerehepaar mit seinen sieben Kindern lebte. Da war auch noch die Gemeindeschwester, und nach dem Krieg kamen Vertriebene ins Haus, die fast ihr ganzes Hab und Gut verloren hatten. »Abgewiesen wurde niemand, es war stets ein offenes Haus. Wir Kinder brachten oft Freunde mit, manchmal kamen Kollegen meines Vaters, da wurde dann über Gott und die Welt diskutiert. Aber nie nur bierernst und immer sachlich.« Die zwei kleineren Zimmer im Erdgeschoss musste die Familie für die Vertriebenen räumen. Aber das große Wohnzimmer blieb den Kalbhenns als Raum für die Großfamilie. »Wir haderten nicht damit. An dem riesigen Tisch wurde gegessen, gelacht, debattiert. Mein Vater hatte einen langen Stock, mit dem er, wenn es zu turbulent wurde, die Lautesten antippte. Dann wurde es schnell leiser. Hier nähte meine Mutter. Wir Kinder machten unsere Hausaufgaben, lernten für die Schule, und wir spielten auch in dem Zimmer«, erzählt Kalbhenn, um schnell noch hinzuzufügen: »Aber wenn es irgendwie ging, spielten wir draußen, waren im Dorf unterwegs. Wir schauten im Herbst bei den Hausschlachtungen zu, waren dabei, wenn die Dreschmaschine kam.

Wir sprachen, wie alle anderen Kinder im Dorf, Mundart. Nur im Pfarrhaus, da waren die Eltern eisern, war Hochdeutsch Pflicht.« Das Gemeindeleben sei freilich nie Thema am Tisch gewesen. »Mein Vater war, was das anbelangt, sehr verschwiegen.«

Es war damals in vielen Pfarrersfamilien üblich und wurde im Dorf auch erwartet, dass die Ehefrau in die Gemeindearbeit eingebunden war, Frauenkreise leitete, oder Kindergottesdienste veranstaltete. »Meine Mutter wirkte in Merlau allerdings nur im Hintergrund, im Stillen, wenn sie etwas Zeit fand. Mit uns sieben Kindern und dem Haushalt war sie gut ausgelastet.«

Das Bild von der Pfarrersfamilie, die in der Gemeindearbeit aufgeht, das manche Menschen heute noch nicht aufgegeben haben, kam schon in Friedhelm Kalbhenns Generation ins Wanken. Und Tochter Carolin erzählt: »Meine Mutter ging arbeiten. Und wir sind auch vier Kinder, da blieb einfach kaum Zeit für die Gemeinde.« Vater und Tochter sind sich einig: Das Bild vom Pfarrhaus als Zentrum und Herz des Dorfes mag für Außenstehende noch immer die Idealvorstellung sein, aber eben nicht mehr für die Betroffenen. Die Ehepartner von Pfarrerinnen und Pfarrern führen heute fast alle ihr eigenes (Berufs-)Leben. Und die Trennlinie zwischen Dienst und Privatleben, die es früher kaum gab, wird immer häufiger gezogen. Da gehen dann allerdings die Meinungen von Tochter und Vater leicht auseinander. Während Carolin da schon etwas strikter agiert, sagt Vater Friedhelm: »Nur Pfarrer zu sein, wenn Sprechstunde ist, das war nicht meins. Aber so konsequent wie mein Vater Werner, der 24 Stunden am Tag im Dienst war, bin ich nie gewesen. Ich habe schon als Kind gesehen, dass es für die Familie nicht gut ist, wenn der Vater sagt: Ich kann nicht mit zum Geburtstag, ich habe eine Beerdigung. Irgendwas war ja immer.« Gleichwohl habe man sich auf den Kuchen gefreut, den der Vater dann meist mit nach Hause brachte.

Tochter Carolin sieht das ähnlich, aber sie möchte schon auch Zeiten haben, in denen sie Abstand zur Gemeindearbeit haben kann. Es sei ein stetes Ringen um die Grenze, wie weit das Dienstliche das Private einschränken dürfe. »Wenn es ganz wichtig ist, bin ich ja da«, sagt sie.

Zurück zur Tradition. »Mein Ururgroßvater Friedrich Kalbhenn hat 1854 die evangelische Kirchengemeinde Hirschhorn (Neckar) zu neuem Leben erweckt.« Die Gemeinde war nach Reformation und Gegenreformation wieder überwiegend katholisch geworden. Später zog Friedrich Kalbhenn weiter in die Wetterau und von dort aus kamen Nachfahren in den Kreis Gießen und den Vogelsbergkreis. Heute leben Nachkommen, also auch Friedhelm Kalbhenns sechs Geschwister und ihre Familien, über ganz Deutschland verstreut.

Kalbhenn sagt: »Die Rolle eines Pfarrers im Dorf ist längst nicht mehr die, die sie einmal war. Früher, und das war auch noch bei meinem Vater so, war der Pfarrer Bezugs- und Respektperson. Das war bei mir schon nicht mehr ganz so, bei meiner Tochter Carolin noch weniger.« Der Gottesdienst sei früher sonntägliche Pflicht für Gemeindemitglieder gewesen, heute spiele der Kirchgang nicht mehr so eine bedeutende Rolle für die Menschen. »Mein Vater erwartete noch, dass auch wir Kinder jeden Sonntag in der Kirche saßen. Dieser Zwang ist vorbei, aber man nimmt aus Interesse teil. Meine Frau und ich haben viele Gottesdienste unserer Tochter Carolin besucht, und sie und ihre Geschwister saßen als Kinder und Jugendliche auch oft unter der Empore, wenn ich predigte.« Dass seine Tochter Carolin (und ihre Schwester auch) Pfarrerin werden würde, war nicht selbstverständlich. Carolin Kalbhenn erzählt: »In meiner Schulzeit schwankte ich lange zwischen einem naturwissenschaftlichen Studium - oder eben Theologie. Nach dem Abitur aber stand mein Entschluss dann fest: Ich entschied mich sozusagen für die Kirche und sagte zu meinen Eltern, dass ich in Heidelberg Theologie studieren möchte. Da waren sie dann doch ziemlich überrascht.« Über die weiteren Stationen Jerusalem (»die hebräische Sprache hat es mir angetan«), Berlin und nach dem Vikariat in der Nähe von Limburg fand sie eine Anstellung als Pfarrerin in Wieseck. »Man kann sich die erste Stelle nicht aussuchen, die wird einem zugewiesen.«

In Wieseck sei sie schnell heimisch geworden. Auch ihr Mann sei Pfarrer, allerdings habe er andere Aufgaben. Sie selbst sei Teil eines Teams, das für Wieseck und die Gießener Nordstadt zuständig sei. »Wir verstehen uns gut, die Zusammenarbeit macht Spaß.« Was für sie ein wichtiger Punkt sei, wenn es um Veränderungen in der Kirche gehe: »Wäre vor 50 Jahren nicht die Gleichstellung von Männern und Frauen in der Kirche beschlossen worden, wäre ich keine Pfarrerin mehr. Wenn eine Frau heiratete, konnte sie nicht mehr Gemeindepfarrerin bleiben. Weil sie sich, so das (Männer-)Bild von damals, nach der Hochzeit um die eigene Familie zu kümmern habe.«

Mit viel Wärme in der Stimme spricht Carolin über ihre Großeltern, erzählt von ihrer Oma, die zwar resolut gewesen, aber nie laut geworden sei. »Sie hatte alles im Griff. Aus Erzählungen weiß ich, dass Gäste bei ihr immer herzlich willkommen waren. Sie handelte nach der Devise: Wo neun satt werden, da werden auch zwölf, 13 oder 14 satt.« Sie erinnere sich noch daran, dass ihr Großvater Werner immer schwarzen Kaffee getrunken habe. Manchmal habe er angerufen und gesagt: Kommt rüber. Der Kaffee ist gekocht. »Dann fuhren wir von Stumpertenrod runter zu den Großeltern.« In ihrer Erinnerung sei ihr Großvater ein oft verschmitzt lächelnder älterer Herr gewesen. »Er hat uns alle immer genau beobachtet, auf eine liebevolle Weise. Noch im Alter von 80 Jahren hat er sich wie ein Junge auf eine Schaukel gesetzt und ordentlich Schwung geholt.« Von sportlicher Betätigung berichtet auch Friedhelm Kalbhenn: »Mein Vater fuhr oft mit den Jungs im Dorf Radrennen, dabei hat er auch mal seinen Hut verloren, der ihm dann - mit Schlüsselblumen gefüllt - von den Kindern nach Hause gebracht wurde.« Auch Fußball habe er gespielt. Sein Vater sei ganz nah an seiner Gemeinde gewesen. »Auf der Kanzel war er dann der Prediger, der aber nie intellektuell abgehoben gesprochen habe. »Klar, er hatte eine lutherische Prägung, predigte nüchtern, zugleich aber realitätsnah. Oft spielten Geschehnisse aus dem Dorf eine Rolle. Und: Frömmeleien waren nichts für ihn.«

»Leben«, sagt Carolin Kalbhenn, »bedeutet eingebunden sein in ein Beziehungsgeflecht. Nicht nur für Pfarrer, für alle Menschen. Leben bedeute aber auch, zu gestalten, »Das muss nichts Großes sein. Die Aufgabe von uns Pfarrern ist es unter anderem, den Menschen die Botschaft Gottes in einer verständlichen Sprache nahezubringen.« Nicht elitär abgehoben zu sein. Das habe schon ihr Großvater gut hinbekommen. Und dann, am Ende des Gesprächs, zeichnet Carolin ein wunderbares Bild ihres Glaubens: »Pfarrerin zu werden, war für mich die richtige Wahl. Als Kinder mussten wir im Religionsunterricht Gott malen. Ich hatte keine Vorstellung von ihm. Heute denke ich: Wenn ich irgendwann sterbe, dann ist da jemand, der seine Arme ausbreitet und mich erwartet. Ich glaube, dass diese schöne Welt kein Zufall ist. Weil jemand da ist, der das alles gestaltet. Und wenn mein Großvater da oben ist, dann weiß ich: Der Kaffee ist gekocht.«



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