18. August 2021, 21:57 Uhr

Jung, erfolgreich, nachdenklich

Der Film »The Wolf of Wall Street« spielt in der Welt der Börsenprofis. Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio bringt die Philosophie der von ihm gespielten Figur auf den Punkt: »Es geht ums Geschäft. Lass deine Gefühle an der Tür.« Simon Herber mag den Streifen. Aber die Welt der Börsianer, so, wie sie hier gezeigt wird, mag er nicht. Für Herber ist der Film unterhaltsam, mehr nicht. Für ihn sind andere Dinge wichtiger als Geld - vor allem familiäres Glück.
18. August 2021, 21:57 Uhr
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Von Burkhard Bräuning
Fotos v. l. im Uhrzeigersinn: Familienglück; Simon Herber auf zwei Rädern; im Büro; Herbers Sohn Raphael steht staunend vor dem Denkmal für Ayrton Senna in Imola. FOTOS: PRIVAT/BB (1)

Simon Herber sitzt entspannt hinter seinem aufgeräumten, eher schlichten Schreibtisch. Wie im Büro eines Chefs sieht das nicht gerade aus. An der Wand hinter ihm hängen Bilder, die seine Kinder gemalt haben. Fotos und ein Plakat geben nicht zu übersehende Hinweise auf ein Hobby des 33-Jährigen: Radfahren, aber sicher kein E-Bike. Berge bezwinge er allein mit Muskelkraft. »Meine Persönlichkeitsentwicklung wurde ganz stark vom Sport geprägt«, sagt Herber. Er habe auf zwei und vier Rädern - mit und ohne Motor - Rennen gefahren.

Herber ist zielstrebig, ohne es zu übertreiben, und er ist erfolgreich. Das war schon in der Schule so. Gleichwohl führte sein Weg nicht immer geradeaus. Aufgewachsen ist er im Mücker Ortsteil Ruppertenrod. Erst in Ober-, dann in Nieder-Ohmen ging er zur Schule. An der Theo-Koch-Schule in Grünberg wollte er sein Abitur machen. Kurz vor dem Ziel hat er die Schule »geschmissen«, wie man manchmal so sagt. »Es lag nicht an meinen Noten, ich war ein Einserschüler, aber es gab Differenzen. Mir ging einfach manches gegen den Strich.«

Ausgeruht hat er sich nach dem Ausstieg nicht: Er machte sein Fachabitur, holte sich im dualen Studiengang bei der Wetzlarer Firma Rittal und in der THM in Friedberg, den Abschluss »Bachelor of Business Administration and Engineering«. Freude an wirtschaftlichen Themen hatte er schon in der Schule - und international, mit Menschen aus entfernten Ländern arbeiten, das war sowieso sein Ding. Während er bei Rittal arbeitete, machte er »nebenbei« in einem Präsenzstudiengang seinen Master-Abschluss. Mit Anfang 20 war er bei Rittal Assistent der Geschäftsleitung. Die Türen ganz nach oben standen ihm weit offen. Herber macht eine kleine Pause, dann sagt er: »Aber ich spürte, das war es nicht.« Nicht der berufliche Erfolg sei ihm wichtig gewesen, nicht die Karriere, sondern die Arbeit an sich. In vielen beruflichen Dingen sei ihm sein Vater Armin ein Vorbild gewesen. Der hatte sich in Reiskirchen-Ettingshausen ein mittelständisches Unternehmen aufgebaut: Herber Hydraulik.

»Es stellte sich für mich immer drängender die Frage: Was wird aus dem Familienbetrieb, was wird aus der Lebensleistung meiner Eltern? Für mich stand dann schnell fest: Den familiären Aspekt kann ich nicht einfach so beiseite schieben.« Herber stieg 2013, mit 25, in das Unternehmen der Eltern ein. »Mein Vater hat gesagt: »Mach mal, wie du meinst, ich gebe die Zügel aus der Hand.« Manchmal knirschte es dann doch. Der von mir angestoßene Transformationsprozess wurde von meinen Eltern aber sehr gut mitgemacht. Ich bin froh, dass sie weiter mitarbeiten.« Zehn Beschäftigte habe sein Unternehmen, inklusive der Eltern. Mutter Birgitt sei für die Buchführung zuständig. »Auch meine Frau Sina hilft. Das ist ein eingespieltes Team.« Nun arbeite er daran, das Unternehmen deutlich zu vergrößern.

Ohne Zweifel: Simon Herber ist ein sehr gut ausgebildeter, beruflich äußerst erfolgreicher junger Mann. Aber er ist mehr als das. Er ist ein liebevoller Vater. Er mag kein Macho-Verhalten, setzt sich vielmehr für die Gleichstellung der Frauen ein. Simon verteidigt die Meinungsfreiheit, lehnt aber alles ab, was sich Rechtsextreme auf die Fahnen geschrieben haben: Er wendet sich entschieden gegen Rassismus und Antisemitismus. Und er ist der Meinung, dass die Welt zu wenig tut, um den Klimawandel zu stoppen. »Manche sagen, Überschwemmungen und andere Naturkatastrophen habe es schon früher gegeben. Da sage ich: Ja, aber sie waren nicht so verheerend, kamen nicht in so kurzen Abständen.«

Herber engagiert sich für die in Deutschland lebenden Wölfe. »Da eckt man dann schon mal an, besonders bei Jägern«, sagt er und schmunzelt. »Egal, Wölfe sollten hier leben können.« Er verweist auf einen Spruch, der neben ihm an der Wand hängt: »Tiger und Löwen sind vielleicht mächtiger und stärker … doch der Wolf würde niemals in einem Zirkus auftreten.«

Der 33-Jährige ist aufgrund seines Alters eigentlich nicht der typische Tageszeitungsleser. Aber er ist schon seit einigen Jahren Abonnent. Es sei wichtig, sich stets seriös zu informieren, sagt er. In seiner Familie habe Zeitung lesen Tradition. »Meine Frau und ich haben nun seit einigen Jahren die »Alsfelder Allgemeine« abonniert. Wir wissen viel von dem, was in der Welt geschieht, aber zu wenig von dem, was hier vor Ort passiert. Wir leben hier, wir arbeiten hier, unsere Söhne Raphael und Lean gehen hier in den Kindergarten und werden hier zur Schule gehen. Da muss man wissen, was gut läuft und wo es Probleme gibt.« Wenn man älter werde, wechselten auch die Themen, für die man sich interessiere. »Und wenn man Kinder hat, schaut man anders auf die Welt. So ist Familienpolitik jetzt auch für uns richtig spannend.«

Herber ist auch bei Instagram unterwegs, nutzt die Plattform für berufliche Posts. Häufig schaut er sich bei YouTube und bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern Dokumentationen an, vor allem, um sich aktuellen Themen zu nähern. »Und beim Gassigehen mit den Hunden höre ich mir Podcasts an.« Sein Credo: Im Internet sollte man nicht alles glauben, aber den Printmedien vertraue er. »Was aber die Aluhut-Träger erzählen, darüber muss man nicht diskutieren. Was die verbreiten, das ist gefährlich.«

Fehlt noch das Thema Sport: Herber fährt alles, was zwei Räder hat. Er nahm an Rennen teil und war auch hier ganz weit vorn, hat zahlreiche Pokale gewonnen. »Als wir das erste Mal auf der Kartbahn in Oppenrod waren, sagte mein Vater zu mir: ›Du bist ja viel schneller als ich, dabei hast du nicht mal einen Führerschein.‹ Und ich antwortete: ›Joo, macht halt Spaß.‹« Sein großes Vorbild sei Ayrton Senna, der 1994 bei einem Rennen in Imola tödlich verunglückte. »Ich weiß nicht alles, aber ganz viel über ihn, habe mir Bücher gekauft, sie alle verschlungen.« Senna sei ultrahart in der Sache gewesen. »Da kannte er weder Freund noch Feind. Aber er war auch extrem wohltätig, ohne das an die große Glocke zu hängen. In seiner Heimat Brasilien haben sie ihn vergöttert. Ein großer Wunsch ist es, einmal an seinem Grab zu stehen.«

Einige weitere Sportler sind seine Vorbilder, aber die wahren Helden sind für ihn die, die sich um andere kümmern, die zum Beispiel in Altenheimen und Krankenhäusern arbeiten. »Die Welt lebt an diesen Menschen vorbei. Wer weiß denn schon, wie es in einem Altenheim abgeht?«

Geld sei ihm nicht wirklich wichtig. »Als Raphael das erste Mal auf meiner Brust einschlief, hatte ich Tränen in den Augen. Das ist für mich der Sinn des Lebens: Für andere Menschen da sein.«



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