08. April 2021, 20:23 Uhr

»Karstadt lockt nicht mehr«

Die Tage sind gezählt: Bis Anfang 2025 wird Karstadt auf der Zeil noch Waren verkaufen. Anschließend will Immobilieneigentümer Albert Sahle den Bau abreißen und neu bauen. Was er plant und wie er die Zukunft der Zeil sieht, erklärt er im Interview.
08. April 2021, 20:23 Uhr
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Aus der Redaktion
Karstadt auf der Zeil - das ist spätestens im Jahr 2025 Geschichte. FOTO: PETER JÜLICH

Mit einer Gnadenfrist läuft der Betrieb von Karstadt auf der Zeil weiter. Möglich macht das vor allem ein millionenschwerer Miet-Verzicht von Immobilieneigentümer Albert Sahle. Doch wie das Kaufhaus wird sich auch die Einkaufsstraße wandeln. An den Plänen dafür arbeitet Sahle, einer der größten Grundstücksmagnaten der Republik. Im Interview erklärt er seine Pläne und wie er die Zukunft des Karstadt-Hauses und der Zeil sieht.

Welche Perspektiven gibt es konkret für das Karstadt-Gebäude und die umliegenden Areale, Herr Sahle?

Im originären Karstadt-Gebäude wollen wir über drei Etagen vom Untergeschoss bis zum ersten Obergeschoss Einzelhandel verwirklicht sehen. Im Untergeschoss wird es einen Nahversorger geben. Daran sind mehrere hochgradig interessiert. Im Erdgeschoss und ersten Obergeschoss stehen noch keine konkreten Interessenten fest. Aber dort wird es Einzelhandel sein, drei bis vier Läden, jeweils über zwei Etagen. Ab dem zweiten Obergeschoss stehen mehrere Interessenten für eine Hotelentwicklung Gewehr bei Fuß.

Hat sich durch Corona etwas an den Plänen geändert?

Nein. Wobei das frühestens in drei bis vier Jahren realisiert werden könnte. Die drei Interessenten für den Hotelbetrieb sind weiterhin sehr stark interessiert, auch trotz Corona. Sie wollen weiterhin an diesem Standort festhalten. Der Nahversorger sowieso, die sind ja ohnehin Corona-Gewinner. Die klassischen Einzelhandelsflächen haben wir noch gar nicht angeboten. Wir sind aber überzeugt, dass dort weiter Einzelhandel sehr gut situiert ist.

Geht es um einen Abriss des Karstadt-Gebäudes oder kann es umgebaut werden?

Auf jeden Fall kann es nur die Perspektive kompletter Neubau geben. Die Immobilie gibt diese Umnutzungen nicht her, von der Gebäudesubstanz und den Deckenhöhen her.

Bleibt es beim direkten Zugang vom Untergeschoss in die S-Bahn-Station?

Das ist nicht unbedingt erforderlich und für die Umnutzung des Gebäudes von keiner Bedeutung. Die Nahversorger stehen dem neutral gegenüber. Es ist noch nicht final entschieden.

Wie sieht Ihr Zeitplan aus? Karstadt soll ja bis Anfang 2025 noch offen bleiben.

Auf diesen Termin sind wir fokussiert. Die Zwischenzeit wollen wir nutzen, um die Planungen so weit voranzubringen, damit wir mit dem Auszug von Karstadt sofort mit dem Abbruch und Neubau beginnen können.

Die Stadt möchte ja den gesamten Straßenblock in den Blick nehmen. Wie lange sind Ihre Pläne noch flexibel?

Wir hatten gerade ein Gespräch mit der Stadt und einem unserer Nachbarn, der Signa-Gruppe. Die hat das Parkhaus erworben. Die sind in ihrer Konzeptionsfindung noch nicht so weit wie wir, wollen aber in den nächsten Wochen auch ein Konzept erarbeitet haben. Wir wollen dann alles gemeinsam mit der Stadt besprechen.

Bis wann brauchen Sie finale Klarheit, damit Sie Anfang 2025 loslegen können?

Wir brauchen Planrecht. Es liegt im Wesentlichen am Fleiß der Stadt, wann wir das bekommen. Die Stadt hat ja nun ein Büro beauftragt, um einen Rahmenplan zu machen. Der soll nach Aussage von Stadtbaurat Josef bis zur Sommerpause vorliegen. Wenn alle Beteiligten diesen Rahmenplan akzeptieren, könnte darauf dann ein Bebauungsplan relativ rasch aufgesetzt werden. Der Bebauungsplan als solcher ist hier bei Weitem nicht so kompliziert wie normale B-Pläne. Verträglichkeitsgutachten zu Fauna und Flora gibt es dort nicht, denn es ist ja schon alles überbaut. Diese ganzen Prüfschritte, auch zum Beispiel für Schallschutz, werden dort nicht erforderlich.

Bis wann muss das erledigt sein, damit Ihr Zeitplan aufgeht?

Von heute an gerechnet in zwei bis zweieinhalb Jahren. Das ist kein einfaches Gebäude. Für die konkrete Bauplanung und Baugenehmigung würde ich 18 Monate als Minimumzeit ansehen - ab dem Zeitpunkt, an dem Planrecht vorliegt.

Wie kann der Rahmenplan der Stadt helfen, den Einkaufsstandort Zeil attraktiver zu machen?

Der Rahmenplan richtet sich mehr auf das hintere Gelände. Deshalb wird er wenig Auswirkungen haben direkt auf die Attraktivität der Zeil. Aber ich finde es immer gut, wenn sich eine Stadt Gedanken darüber macht, wie die Innenstadt auch in der Zukunft attraktiv gestaltet werden kann und dass es ein lebendiger, städtischer Raum wird. Ich kann es nur unterstützen, wenn es das Ziel des Rahmenplans ist, die Innenstadt für die dort wohnenden Menschen und die Menschen aus dem Umland noch attraktiver zu machen.

Wie schätzen Sie die Zukunft der Zeil ein?

Die Zeil wird dauerhaft Frankfurts konsumige Einkaufsmeile bleiben - Corona hin, Corona her. Vielleicht nicht in der Voluminösität, dass man über viele Geschosse Einzelhandel anbietet. In den oberen Geschossen wird man wohl eher andere Nutzungen bekommen, so wie wir es auch vordenken.

Wenn künftig Magnete wie Karstadt fehlen: Was soll die Menschen weiterhin auf die Zeil locken?

Ich bestreite, dass Karstadt die Leute auf die Zeil lockt. Das ist ein großes Kaufhaus, einverstanden. Aber ich sehe seine Magnetwirkung nicht. Nur wegen Karstadt kommt kein Frankfurter auf die Zeil. Er kommt, weil er dort gut einkaufen kann in guten Geschäften.

Dennoch werden ständig Klagelieder über den Niedergang der Einkaufsstraßen angestimmt. Warum sind die nicht attraktiv genug und Menschen kaufen online?

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass die Einkaufsstraßen nicht attraktiv genug sind. Zum Einkaufen gehört natürlich zum Beispiel auch gutes arrondierendes gastronomisches Angebot. All das ist in Frankfurt in der Innenstadt vorhanden. Der Online-Handel hat zwar dem stationären Handel Umsätze weggenommen, er wird aber nie den stationären Handel verdrängen können. Ohne stationären Handel wird es gar keinen Handel mehr geben. Ich glaube eher, dass der stationäre Handel eine wesentlich stärkere Chance hat, sich gegen einen reinen Onlinehändler durchzusetzen, wenn er sich zum Multi-Channel-Handel fortentwickelt. Die Kombination ist die Zukunft. Und der stationäre Handel hat die besseren Chancen in diesem Wettlauf: Es ist einfacher für einen stationären Händler, sich ein Online-Bein zuzulegen, als umgekehrt.

Genügt es wirklich, zum Einkaufserlebnis einfach noch ein paar Restaurants zu haben? Muss da eine Zeil der Zukunft nicht mehr bieten?

Ob man Kinos, Events oder Ähnliches haben muss, dafür bin ich nicht der Experte. Aber Frankfurt bietet das ja alles.

Experte ist Sahle seit Jahrzehnten beim Wohnungsbau. Was ist denn wirtschaftlich attraktiver: Wohnungsbau oder Gewerbeimmobilien?

Der Wohnungsbau ist wesentlich stabiler, dafür in seinen Renditeperspektiven bescheidener. Der Einzelhandel ist natürlich wesentlich konjunkturabhängiger und schwankender, volatiler. Er kann in guten Zeiten natürlich eine deutlich bessere Rendite erwirtschaften als der Wohnungsbau. Das eine ist sicher und konservativ, das andere ist etwas risikoreicher und im wirtschaftlichen Ergebnis schwankender.



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