22. September 2021, 21:07 Uhr

Kleine Häuser mit großer Zukunft?

Leben auf kleiner Fläche mit wenig Mobiliar - diese Idee der »Tiny House«- Bewegung findet immer mehr Anhänger. Auch in Hessen könnte sich daraus eine Wohnform der Zukunft entwickeln. Probleme bereitet den Pionieren bisweilen aber noch das Baurecht.
22. September 2021, 21:07 Uhr
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Von DPA
Fließendes Wasser, Strom und Gas gibt es noch nicht in dem Tiny House von Uwe Christof in Südhessen. FOTO: DPA

Den Traum von den eigenen vier Wänden haben viele Menschen - aber muss es wirklich ein massives Haus mit mehr als 100 Quadratmetern Wohnfläche, eingezäuntem Garten und Garage für Hunderttausende von Euro sein? Uwe Christof wirbt dafür, kleiner und gemeinschaftlicher zu denken: Seit Jahren macht sich der IT-Spezialist im Vorruhestand für sogenannte Tiny Houses stark - kleine, zumeist transportable Häuser, die trotz geringer Grundfläche ihren Bewohnern alles bieten sollen, was sie zum Leben brauchen. Gerade in Zeiten von Wohnungsmangel und steigenden Grundstückspreisen wächst das Interesse.

Vor Jahren kam Christof auf die Idee, sein eigenes Tiny House zu entwerfen. Damals war der Schönecker beruflich häufig in München, wo er in Kontakt mit dem Verein »Einfach gemeinsam leben« kam. Dessen Vorsitzender, der Regisseur und TV-Produzent Thorsten Thane, ist einer der Protagonisten der Tiny-House-Bewegung in Süddeutschland. Gemeinsam gingen sie ihren Traum vom Klein-Haus an - Thane mit einem alten Zirkuswagen, den er neu aufbaute und Christof mit einem komplett neuen Tiny House: Mit viel Holz, großen Fenstern und in skandinavisch-modernem Stil hat er sein Häuschen umgesetzt. Es wirkt einladend und luftig - auch an warmen Tagen. Auf den 17 Quadratmetern Grundfläche findet sich bisher ein größerer Raum mit Sitzplatz und ein kleines Bad mit Trocken-Trenn-Toilette. Später sollen noch ein Hochbett und eine Küchenecke folgen. Fließendes Wasser, Strom und Gas oder eine andere Wärmequelle gibt es in Christofs Mini-Haus derzeit noch nicht.

Generell müssten immer die örtlichen Gegebenheiten und Regelungen beachtet werden, sagt der 62-Jährige. Auf Freizeitgrundstücken beispielsweise ist das Übernachten, etwa in Gartenlauben, vielerorts allenfalls vereinzelt möglich - festen Wohncharakter sollen die Häuschen dagegen nicht haben und auch nicht dafür ausgestattet sein.

Problematisch zudem: Viele der Häuschen können die Vorgaben des Gebäudeenergiegesetzes nicht erfüllen und dürfen deshalb nicht als fester Wohnsitz genutzt werden - falls doch, ist eine Baugenehmigung wie für ein großes Haus oder eine entsprechende Anzeige nötig.

Flexibel auch in Corona-Zeiten

Wie flexibel die Tiny Houses sind, durfte Christof während der Corona-Pandemie erleben: Für einige Monate fungierte sein Häuschen als Erweiterung für den Salon einer im nahe gelegenen Nidderau ansässige Friseurin, um so für mehr Abstand und Entzerrung in dem Betrieb zu sorgen.

Die Tiny Houses haben derweil auch bundesweit eine wachsende Anhängerschaft: Die Facebook-Gruppe »Tiny House Deutschland« zählt schon mehr als 63 000 Mitglieder. Und dass die kleinen Häuser bereits als Ferien- und Naherholungsdomizile im Trend liegen, zeigen beispielsweise Freizeitparks am Kinzigsee bei Langenselbold sowie in Rodenbach (beide Main-Kinzig-Kreis).

Auch beim Hessischen Städte- und Gemeindebund geht man davon aus, dass das Thema in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnt. Zum Mangel an bezahlbarem Wohnraum kämen gesellschaftliche Strömungen hin zu Nachhaltigkeit und Minimalismus, sagt Verwaltungsdirektor Florian Weber. Wer sich das Leben in einem der kleinen Häuser vorstellen kann, müsse sich aber klarmachen: »Man braucht bestehende Baurechte oder muss eine Genehmigung bekommen, und das ist außerhalb bebauter Ortsteile so gut wie ausgeschlossen.«

Das mussten auch die Bewohner mehrerer Bauwagen-Plätze in Witzenhausen im Werra-Meißner-Kreis erfahren: Ihr Traum von einem möglichst autarken Leben verträgt sich bisher teils nicht mit den örtlichen Bebauungsplänen, so dass zwischenzeitlich auch eine Räumung der Plätze durch die Bauaufsicht im Raum stand. Um eine Lösung zu finden, hatte die Stadt Witzenhausen eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse demnächst in der Stadtverordnetenversammlung beraten werden sollen. Die Ergebnisse könnten in die künftige Bebauungsplanung der Stadt einfließen. Letztlich liege die Entscheidung allerdings beim Landkreis sowie beim Regierungspräsidium Kassel, wie Witzenhausens Bürgermeister Daniel Herz sagt. Dann wird sich zeigen, ob der Traum vom eigenen Tiny House hier weitergelebt werden kann.



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