07. März 2021, 18:34 Uhr

Letzter Ausweg Babyklappe

Vor fast 20 Jahren eröffnete die erste Babyklappe in Hessen. Mütter und Eltern in Not können dort Neugeborene anonym abgeben. Doch an dem Konzept gibt es auch Kritik.
07. März 2021, 18:34 Uhr
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Von DPA
In einer Babyklappe können Mütter seit 20 Jahren ihre Neugeborenen abgeben ohne dafür mit den Behörden in Kontakt zu kommen. Für das Foto wurde eine solche Szene mit einer Puppe nachgestellt. FOTO: DPA

Ein Fenster in der Wand, dahinter ein Wärmebettchen, temperiert auf 37 Grad. »Daneben haben wir noch Informationsmaterial gelegt - und ein Stempelkissen, damit man beispielsweise noch einen Fußabdruck von dem Neugeborenen machen kann«, erklärt Jutta Berg vom St. Vinzenz-Krankenhaus in Hanau. Im September 2001 öffnete in der Klinik die erste Babyklappe Hessens. Seit gut 20 Jahren können hier Neugeborene anonym abgegeben werden.

Inzwischen betreibt der Träger, der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in Fulda, landesweit drei Babyklappen, neben Hanau noch in Fulda und Kassel. »Insgesamt wurden uns über die Jahre 43 Kinder anvertraut«, sagt Sarah Muth vom SkF.

Vertrauliche Geburt, anonyme Beratung

Wie genau funktioniert eine Babyklappe? Nachdem ein Kind abgelegt wird, geht ein Alarm an, das Kind wird kurz darauf in Empfang genommen und von Ärzten und Hebammen erstversorgt, wie Berg in Hanau berichtet. Die 60-Jährige hat die erste Babyklappe Hessens von Beginn an begleitet. »Wir nehmen die Verantwortung sehr ernst.« Es sei wichtig, Wärme und Nähe zu geben - und von Anfang an so viel Normalität wie möglich zu vermitteln. Über den SkF werde schnell nach Pflege- oder Adoptiveltern gesucht.

Die bundesweit erste Babyklappe wurde im Jahr 2000 in Hamburg eröffnet. In Hessen gibt es neben den drei Klappen des SkF Fulda etwa auch eine an den Hochtaunus-Kliniken in Bad Homburg, wo allerdings laut den dortigen Angaben seit drei Jahren kein Kind mehr abgelegt wurde.

Das Konzept ist nach wie vor umstritten. Einige Experten argumentieren, die Babyklappe rette kein Leben, sondern produziere Findelkinder, die es ohne sie gar nicht geben würde. Auch das Ziel, Kindstötungen zu verhindern, sei nicht erreicht worden. Zudem sind Babyklappen juristisch schwierig, weil die Kinder nicht erfahren, wer ihre Eltern sind, wie Michael Heuer, Pressereferent von Terre des Hommes, sagt. »Es gibt laut Gesetz ein Recht des Kindes auf Identität und das wird damit verweigert.« Terre des Hommes favorisiert bei ungewollten Schwangerschaften Adoptionen und die »vertrauliche Geburt«, die es seit 2014 in Deutschland gibt.

»Die Babyklappen sind nur der absolut letzte Ausweg. Es gibt ganz viele andere Formen, sich im Vorfeld Hilfe zu holen«, sagt auch Muth vom SkF in Fulda. Dazu gehören anonyme Beratungen oder die Möglichkeiten von vertraulichen Geburten in Krankenhäusern.

Suche nach eigenen Wurzeln erschwert

Natürlich hätten Babyklappen den Vorteil, dass darüber Frauen in absoluten Krisensituationen erreicht und das Leben des Babys gesichert werde. Aber gerade für die Neugeborenen könne es später - anders als bei der Adoption - Schwierigkeiten geben: »Ein Kind aus der Babyklappe hat nie die Möglichkeit, nach seinen Wurzeln zu forschen.«

In einigen Fällen werde den Kindern noch etwas mitgegeben, etwa ein Spielzeug oder ein Kuscheltier. »Manchmal hinterlassen die Mütter oder die Eltern auch persönliche Briefe - natürlich anonym. Aber leider viel zu selten«, sagt Berg aus dem Vinzenz-Krankenhaus. Zu einigen Kindern und ihren Adoptiveltern bestehe glücklicherweise nach wie vor Kontakt, berichtet Berg. Manche kämen später zu Besuch, auch um sich die Babyklappe anzuschauen. »Die Existenz der Kinder fängt hier an, deshalb ist es wichtig diese Verbindung zu knüpfen.«



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