27. September 2021, 20:43 Uhr

Mutter weist Vorwürfe von sich

27. September 2021, 20:43 Uhr
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Aus der Redaktion
Ihre Verteidigerin hält der angeklagten 60-jährigen Frau im Gerichtssaal einen Aktenordner vor das Gesicht. FOTO: DPA

- Sie sah ihren vierjährigen Sohn in einer »schwierigen Phase«: Über Stunden schildert eine wegen Mordes angeklagte Mutter am Montag vor dem Landgericht Hanau, wie es zu der Verbindung mit einer mutmaßlichen Sekten-führerin kam, in deren Haus das Kind vor mehr als drei Jahrzehnten qualvoll zu Tode kam. Laut Anklage soll die Mutter ihren Sohn in die Obhut der Frau gegeben haben - eingeschnürt in einen Sack, in dem der Junge später ohnmächtig geworden und an seinem Erbrochenen erstickt sein soll. »Was mir vorgeworfen wird, ist grauenvoll«, erklärt die Frau in einem vorbereiteten Manuskript, das sie selbst vor Gericht vorliest. Gelegentlich stockt sie, schluchzt kurz. Die Vorwürfe weist die schmale Frau mit Kurzhaarfrisur und Brille von sich.

Die Staatsanwaltschaft wirft der promovierten Biologin vor, ihren Sohn am 17. August 1988 aus niedrigen Beweggründen ermordet zu haben. Die mittlerweile 74 Jahre alte mutmaßliche Sektenanführerin soll der Mutter eingeredet haben, dass ihr Sohn die »Reinkarnation Hitlers, ein Machtsadist und von den Dunklen besessen« sei, und zudem prophezeit haben, dass der Junge bald »vom Alten« geholt werde - eine Bezeichnung für Gott in der Gemeinschaft.

Als »eiskalt« beschrieben

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft soll die Mutter gewusst haben, dass die mutmaßliche Sekten-Chefin ihrem Kind nach dem Leben getrachtet habe. Auch sei der Angeklagten bewusst gewesen, dass die heute 74-Jährige den Jungen sterben lassen würde, um ihre Voraussage zu bestätigen und so ihre Machtposition zu stärken. Damit habe die Mutter den Tod des kleinen Jungen billigend in Kauf genommen.

In ihrer Erklärung schildert die Mutter, wie sehr ihr die Vorwürfe zusetzen. Man habe sie als »eiskalt« beschrieben, als Frau, die eine Mörderin decke, sagt die Angeklagte. »All meine Selbstzweifel werden mir so ausgelegt, als hätte ich mein Kind nicht geliebt.« Sie schließe völlig aus, dass sie ihren Sohn mit Gewalt in einen Sack gesteckt und diesen verschnürt habe. Sie sei sich auch immer sicher gewesen, dass die mutmaßliche Sektenanführerin die besten Absichten gehabt habe.

Im Haus der heute 74-Jährigen, die neben zwei leiblichen mehrere Pflege- und Adoptivkinder hatte, seien die Kinder nach Streitigkeiten zwar gelegentlich eingeschlossen worden. Auch Ohrfeigen oder mal einen »Klaps auf den Po« habe sie mitbekommen, sagte die Angeklagte, betont aber: »Brutalität habe ich nicht erlebt.«

Als Mutter sei sie »manchmal verzweifelt und überfordert« gewesen, räumt die 60-Jährige ein - auch wenn ihr Sohn ein Wunschkind gewesen sei, das sie geliebt habe. Der Junge habe häufig »Wutanfälle« gehabt, sei unruhig und fordernd gewesen, »aus heutiger Sicht würde man vielleicht sagen, er hatte frühkindliche autistische Züge«. Heute würde sie sich wohl kinderpsychologischen Rat holen, so die Angeklagte.

Die 74-jährige mutmaßliche Sekten-Chefin war vor rund einem Jahr wegen Mordes an dem Kind vom Landgericht Hanau zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Da sie gegen das Urteil in Revision gegangen ist, über die noch nicht entschieden wurde, ist es nicht rechtskräftig. Die Mutter wurde einen Tag nach dem Urteil in Leipzig festgenommen, seither sitzt sie in Untersuchungshaft.

Ermittler hatten den Tod des Jungen viele Jahre für einen Unfall gehalten, erst 2015 war der Fall nach Hinweisen von Sektenaussteigern wiederaufgerollt worden. dpa



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