24. August 2021, 20:27 Uhr

Rohrreinigung als Betrugsmasche?

24. August 2021, 20:27 Uhr
Jonas_Wissner
Von Jonas Wissner

- Es ist eine leidige Situation, die jeden Mieter oder Hausbesitzer treffen kann und dann schnelles Handeln erfordert: Wenn Abflussrohre, Toiletten und Co. verstopft sind und man selbst nicht weiterkommt, sind fachkundige Handwerker die richtige Anlaufstelle. Umso ärgerlicher, wenn die vermeintlichen Experten sich als Betrüger entpuppen, völlig überteuerte Summen für teils nicht erbrachte Leistungen in Rechnung stellen - und der Schaden dann womöglich noch immer nicht behoben ist. Für eben solches Vorgehen sollen vier Geschwister aus dem Kreis Gießen als Drahtzieher verantwortlich gewesen sein.

Der aufsehenerregende Fall von vermeintlich bandenmäßigem Betrug in großem Stil beschäftigt seit Dienstag die Siebte Große Strafkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Richterin Dr. Kathrin Exler. Auf der Anklagebank im externen Sitzungssaal im Stolzenmorgen sitzen drei Männer und eine Frau im Alter von 34 bis 42 Jahren, die in verschiedenen Kreiskommunen leben.

45 Verdachtsfälle

Die Anklageschrift benennt 45 Fälle aus den Jahren 2014 bis 2016. Die Opfer der Betrugsmasche sind laut Anklage »unter Vorspiegelung falscher Tatsachen« getäuscht worden. Der Betrieb habe unter zahlreichen Namen firmiert, die Geschädigten sollen etwa über Telefonbucheinträge auf deren Kontakte gestoßen sein. »Das Ziel war rücksichtslose Profitmaximierung«, sagte die Staatsanwältin. Nicht geleistete Arbeiten seien vorgetäuscht, Abrechnungen verschleiert worden. Auch von Einschüchterung der vielfach hochbetagten Kunden war die Rede, viele habe man zur Barzahlung gedrängt. »Verwirren, Beschimpfen und Abwimmeln am Telefon« - auch dies gehörte laut Anklage zur Betrugsmasche.

Die Staatsanwaltschaft legte jeweils dar, wie die Betrugsfälle abgelaufen sein sollen. Laut Anklage stand am Anfang stets eine Verstopfung, etwa von Abwasserrohren, Toiletten oder Badewannen. Die Geschädigten - vor allem Senioren - kontaktierten dann Unternehmen, die die Staatsanwaltschaft allesamt den Angeklagten zurechnet.

Von Bad Nauheim bis Braunfels, von Würzburg bis in den Schwarzwald wurden demnach Menschen in vielen Teilen Deutschlands geprellt. In etlichen Fällen hätten die Monteure »bewusst wahrheitswidrige« Behauptungen gemacht - etwa gesagt, dass komplette Rohrsysteme ausgetauscht werden müssten oder unnötige »Sanierungsverträge« aufgeschwatzt. Ferner wurden laut Anklage mehrfach zu viele Arbeitsstunden berechnet. Ein weiteres Muster: Reinigungen sollen für Strecken berechnet worden sein, die länger als die Rohre sind.

Die angenommenen Betrugssummen reichen von einigen Hundert bis zu mehreren Tausend Euro. Ein Beispiel: Ein Senior aus Bietigheim soll den Monteuren 1355 Euro bar gezahlt haben. Eine ortsansässige Firma habe für die Behebung des Schadens dann gerade einmal 312 Euro berechnet. 2016 fühlte sich dann eine Kundin übervorteilt und kontaktierte ein Verbrauchermagazin, heißt es in der Anklage - und allmählich weitete sich der Betrugsverdacht aus.

Keine Aussage

Keiner der Angeklagten wollte sich zu Prozessbeginn äußern. Die insgesamt acht Anwälte wollen sich mit ihren Mandanten beraten, ob und inwiefern diese sich demnächst einlassen. Für den Nachweis der Taten dürfte auch das Erinnerungsvermögen der Geschädigten im Zeugenstand eine gewichtige Rolle spielen. »Einige sind krankheitsbedingt nicht in der Lage, zu erscheinen«, sagte Vorsitzende Richterin Exler. »Ich will jeden Zeugen hören - persönlich, oder wir fahren hin«, erwiderte Verteidiger Dr. Ulrich Endres. Er monierte eine »manipulative Auswahl der Ermittlungsbehörden in Bezug auf das Alter der Zeugen«. jwr



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