05. Oktober 2021, 20:01 Uhr

Schicksal gesucht

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges liegt Europa in Trümmern, die Zahl der Toten, Verletzten und Vertriebenen geht in die Millionen - viele Menschen wissen nicht einmal, was mit ihren Liebsten geschehen ist. Es ist die große Stunde des Suchdienstes des DRK, bei dem noch heute Tausende Anfragen eingehen.
05. Oktober 2021, 20:01 Uhr
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Aus der Redaktion
Ein Bild, das es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wohl tausendfach gegeben hat: Eine Helferin des Deutschen Roten Kreuzes zeigt Kriegsheimkehrern aus der Sowjetunion das Foto eines noch vermissten Soldaten zur Identifikation. FOTO: DRK

Eigentlich sollte Ende 2023 Schluss sein, doch die Nachfrage ist weiterhin hoch. So wird die Arbeit des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), bei dem Menschen seit dem Zweiten Weltkrieg das Schicksal ihrer Angehörigen klären lassen können, bis mindestens Ende 2025 fortgesetzt. Diese Institutionalisierung ist das Erbe eines Krieges in bis dahin unbekannter Dimension, in dessen Folge auch die Ausgaben der »Gießener Freien Presse«, der Vorläuferin der »Gießener Allgemeinen Zeitung« voll von Anzeigen waren, in denen nach vermissten Personen gesucht oder um Informationen gebeten wurde.

Im Interview erklärt Dorota Dziwoki, Teamleiterin der DRK-Suchdienst-Leitstelle, warum ihre Arbeit heute noch wichtig ist, wie sie sich in den vergangenen 76 Jahren verändert hat und was all das mit Menschenrechten zu tun hat.

Frau Dziwoki, wen suchen Sie - und wen nicht?

Unser Mandat umfasst Personen, zu denen nahe Angehörige infolge von bewaffneten Konflikten seit dem Zweiten Weltkrieg den Kontakt verloren haben. Auch wenn der Zweite Weltkrieg vor über 76 Jahren zu Ende gegangen ist, ist er auch heute noch eine unserer Hauptaufgaben. Aber wir suchen auch Menschen, die infolge von Flucht nach Europa, insbesondere nach Deutschland, den Kontakt zu ihren Familienangehörigen verloren haben, etwa wenn Flüchtende hier aufgenommen wurden und wissen wollen, was mit ihren Angehörigen passiert ist. Oder wenn Familien in den Herkunftsländern oder auf der Flucht getrennt wurden und ihre Angehörigen hier vermuten. Ist ein Bezug zu Deutschland gegeben, dann arbeiten wir weltweit mit den Nationalen Gesellschaften von Rotem Kreuz und Rotem Halbmond sowie dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Genf zusammen, das in allen Konfliktregionen der Welt präsent ist.

Was hat den Zweiten Weltkrieg für den Suchdienst so besonders gemacht?

Der Zweite Weltkrieg war und ist für uns eine besondere Aufgabe, denn neben den Kriegsgeschehnissen gab es gerade gegen Ende massenhafte Fluchtbewegungen - etwa aus den östlichen Gebieten des Deutschen Reichs, aber auch innerhalb Deutschlands, etwa aus den ausgebombten Städten aufs Land. Bei der Klärung dieser Schicksale haben wir vor allem in Bezug auf die Besatzungszonen der Westalliierten früh große Erfolge gehabt, da sie - wie auch Deutschland - vor dem Krieg die damals zweite Genfer Konvention von 1929 ratifiziert hatten, wonach Informationen über Kriegsgefangene ausgetauscht werden.

Das galt jedoch nicht für die Sowjetunion, wo es aber besonders viele Tote und Gefangene oder Internierte gab. Da zunächst keine diplomatischen Beziehungen existierten und der Kalte Krieg aufkam, war die Situation hier lange sehr schwierig. Obwohl wir mit dem Suchdienst in der ehemaligen UdSSR seit Kriegsende zusammengearbeitet haben, war die Zahl der Suchanfragen, die wir nach Moskau geschickt haben, verhältnismäßig niedrig. Das hatte vor allem mit nicht ausreichenden personellen Kapazitäten dort zu tun. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs haben sich die Möglichkeiten verbessert. Wir bekommen bis heute Unterlagen aus Russland, die es uns möglich machen, Schicksale aufzuklären. Durch all diese Entwicklungen wurde der Suchdienst zu einer dauerhaften Institution.

Für eine solche Klärung benötigt man Akten. Gab es die überhaupt überall?

Gerade die Sowjets haben sehr genau Buch geführt, aber es gibt ein anderes Problem: Sie haben rein phonetisch Namen ins Kyrillische übertragen. Und weil Namen ohnehin schon schwer zu transkribieren sind, gab es viele Übertragungsfehler. Seit den 1990er Jahren wird versucht, diese Daten zurückzuübertragen, was aber eine weitere Fehlerquelle darstellt. Unsere Mitarbeiter benötigen daher viel Erfahrung bei der Zuordnung von Namen zu Suchanfragen.

Wie hoch ist die Erfolgsquote?

1950 gab es beispielsweise noch 2,5 Millionen ungeklärte Schicksale. 1,2 Millionen davon konnten wir bislang klären, 1,3 Millionen sind noch offen - die meisten betreffen Vermisste an der Ostfront. Wir werden mit Sicherheit nicht alle klären können, aber das Interesse ist nach wie vor sehr hoch. Im vergangenen Jahr hatten wir alleine 11 501 weitere Anfragen zu Schicksalen rund um den Zweiten Weltkrieg. Man muss jedoch sagen, dass die Aufklärungsquote leider zurückgeht. Das liegt auch daran, dass es immer noch zu viele Anfragen aus Altbeständen sind, um sie immer wieder systematisch abzuarbeiten und mit neuen Informationen abzugleichen. Das gelingt nur, wenn Menschen ihre Suchanfrage erneuern.

Was bedeutet Ihre Arbeit den Menschen, die einen Angehörigen suchen?

Um im Beispiel zu bleiben: Die Sowjets haben wahnsinnig viele Daten über ihre Kriegsgefangenen gesammelt, sodass Angehörige heute noch ihre Wege nachvollziehen können. Sie können teilweise sogar noch die Unterschriften ihrer Liebsten auf den Akten sehen. Das alles bewegt die Menschen sehr und gibt ihnen oft eine Gewissheit in Punkten, die sie so nur hatten vermuten können. Abschließen zu können, ist besonders für Menschen in hohem Alter wichtig, die sich eher damit beschäftigen und daran erinnern.

Sie suchen auch Menschen im Zusammenhang mit jüngeren Konflikten. Wie kam es dazu?

Angefangen hat das mit dem Vietnamkrieg, als Deutschland Flüchtlinge aufgenommen hat. Hier hatte der Suchdienst mit seinem internationalen Netzwerk ein Alleinstellungsmerkmal. Auch heute haben wir Anfragen von Flüchtlingen, bei denen wir teilweise schöne Erfolge haben, aber auch wieder viele ungelöste Fälle - etwa in Syrien, wenn Menschen vom IS getötet wurden oder in Gefängnissen umgekommen sind. Auch diese Suche wird noch Jahrzehnte dauern - ähnlich wie bei den Balkankriegen in den 1990er Jahren. Aber die Zahl der Anfragen liegt im Vergleich zum Zweiten Weltkrieg deutlich niedriger, 2020 hatten wir rund 1600 Anfragen in der internationalen Suche, vor allem aus Afghanistan, Somalia, Irak und Syrien.

Womit hängt das zusammen, schließlich ist die Zahl der Flüchtlinge weltweit so hoch wie nie?

Das hängt damit zusammen, dass die Menschen heutzutage vor allem ihre Communitys im Internet nutzen - und das ist auch richtig so. Erst wenn sie dort nicht weiterkommen, wenden sie sich an uns. Das ist kein Vergleich zu der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als Kriegsheimkehrern Bildbände mit Fotos von Vermissten vorgelegt wurden, um Kameraden zu identifizieren. Aber auch dadurch konnten wir gerade mit Blick auf die Sowjetunion einen Teil der offenen Schicksale schon klären.

Und in moderner Form ist diese Methode ja auch heute noch im Einsatz.

Genau. Denn wie damals beim Kyrillischen gibt es auch beim Arabischen heute Probleme mit Transkriptionen. Deshalb haben sich die europäischen Suchdienste entschieden, eine Website mit den Fotos der Suchenden - aus Datenschutzgründen nicht der Gesuchten - aufzubauen, wo seit 2013 lediglich ein Foto gezeigt und der Verwandtschaftsgrad zum Gesuchten genannt wird.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung sonst für Sie?

Die Digitalisierung hat vor mehr als zehn Jahren schon eine große Bedeutung eingenommen. Wir haben etwa alle unsere 50 Millionen Karteikarten digitalisiert und bekommen etwa auch Daten aus russischen Archiven seit Mitte der 1990er Jahre in digitaler Form. Unsere Arbeit hat sich dadurch schon verändert, auch wenn die Instrumente teilweise identisch geblieben sind. Interessanterweise hat sich die Trefferquote durch die Digitalisierung aber nicht signifikant verbessert. Die Mitarbeiter müssen die personenbezogenen Daten weiter sehr genau analysieren. Die Kommunikation mit Menschen, unseren Schwestergesellschaften oder auch in Sachen Datenschutz haben wir aber selbstverständlich an heutige Gegebenheiten angepasst.

Krieg, Flucht und Vertreibung sind immer auch politisch aufgeladen. Wie gehen Sie damit um?

Als Suchdienst des Roten Kreuzes sind wir neutral und unparteiisch und arbeiten immer einzelfallbezogen. Unsere Grundlage ist das humanitäre Recht, zu erfahren, was mit einem Angehörigen passiert ist. Anders könnten wir unsere Arbeit gar nicht machen, weil wir sonst etwa nicht in Gefängnisse wie Guantanamo oder Bagram in Afghanistan hineingelassen würden. Das ist nach wie vor ein Alleinstellungsmerkmal und hat uns schon oft geholfen. Natürlich kommen auch immer wieder Wissenschaftler zu uns, um sich aus unseren Daten ein Bild von Kriegen und Begleitumständen zu machen.

Ihre Finanzierung ist bis Ende 2025 gesichert. Wie blicken Sie auf ein mögliches Ende der Arbeit zum Zweiten Weltkrieg?

Unsere Aufgabe wird auch 2025 nicht abgeschlossen sein, aber dann ist der Zweite Weltkrieg 80 Jahre her. Der Bund, der uns über das Bundesinnenministerium institutionell fördert, sagt, es muss ein Schlussstrich gezogen werden. Uns freut es aber schon, dass unser Auftrag um zwei Jahre verlängert worden ist. Dadurch können wir weitere Daten aus sowjetischen Beständen auswerten. Fest steht: Der internationale Suchdienst wird eine dauerhafte Institution bleiben, denn Flucht und bewaffnete Konflikte werden weiterhin bestehen - und damit auch Bedarf an unserer Arbeit.

Was passiert dann mit Ihren Unterlagen?

Unsere Kartei wird Teil des Bundesarchivs in Koblenz werden, sodass die Menschen dort selbst recherchieren können, was allerdings aus den genannten Gründen nicht einfach ist.



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