15. April 2021, 21:31 Uhr

Skelett gibt Rätsel auf

15. April 2021, 21:31 Uhr
Mit diesem Fund hatte niemand gerechnet: Auf der Burg Tannenberg sind zufällig menschliche Knochen entdeckt worden, die mindestens 600 Jahre alt sind. Archäologe Thomas Becker sortiert die Einzelteile des Skeletts, dem Becken und Oberschenkelknochen fehlen. FOTO: MONIKA MÜLLER

Darmstadt/Seeheim-Jugenheim - Der Fund eines menschlichen Skeletts auf der Ruine der Burg Tannenberg bei Seeheim-Jugenheim beschäftigt derzeit Archäologen in Darmstadt. Seit mindestens 600 bis 700 Jahren sollen die Knochen in der Erde gelegen haben, sagt der für Südhessen zuständige Bezirksarchäologe Thomas Becker. Denn so alt sei die darübergelegene Schuttschicht, die aus Zeiten der Belagerung und Zerstörung der Burg 1388 stamme. Es sei ein »ungewöhnlicher Fund«. Nicht nur die Stelle, an der das Skelett gefunden wurde, sondern auch das Fehlen von Becken und beiden Oberschenkelknochen gibt den Forschenden Rätsel auf. Derzeit befinden sich die menschlichen Überreste in der Außenstelle des Landesamts für Denkmalpflege in Darmstadt.

Gefunden wurde das Skelett bereits im Dezember von Peter Künzel vom Arbeitskreis Burgruine Tannenberg des Heimat- und Verschönerungsvereins Seeheim und seinem Kollegen und Hobbyarchäologen Jörg Lotter. Künzel wollte eigentlich mit Hacke und Schaufel nur eine Erderhebung neben einer ausgegrabenen Mauer abtragen, um dort besser mähen zu können, als er auf die Knochen stieß. »Zuerst hielt ich sie für die Knochen eines größeren Tieres wie Schaf oder Ziege«, sagt er der »Frankfurter Rundschau«. Doch dann stellte sich heraus, dass es menschliche Knochen waren. Die zudem »eindeutig gebettet waren«, so Künzel.

Mitte März wurde der Fund dann vom Landesamt für Denkmalpflege geborgen. Allerdings konnten die fehlenden Knochen nicht gefunden werden, obwohl man den gesamten Erdhaufen durchsiebte. »Diese Knochen sind so groß, die verschwinden nicht einfach«, wundert sich Becker. Zudem habe das Skelett »im anatomischen Verbund gelegen«. Es gebe auch keine Hinweise darauf, dass der Beckenknochen vor dem Begräbnis abgetrennt worden sei. Dies hätte man anhand des Steißbeins sehen müssen, ist Becker überzeugt. Also müssten die Knochen im Nachhineinabhandengekommen sein.

Nun soll das Skelett mit der C14-Methode datiert werden. Dies könne zwei bis drei Monate dauern, so Becker. Durchgeführt wird die Altersbestimmung vom Reiss-Engelhorn-Museum in Mannheim. Die Methode sei auf plus minus 50 Jahre genau, so Becker. Da der Beckenknochen fehlt, kann laut dem Bezirksarchäologen bedauerlicherweise keine Aussage über das Geschlecht getroffen werden. Allerdings handele es sich um ein »zierliches Individuum«, was eher für eine Frau spreche.

Die Person sei vermutlich zwischen 30 und 40 Jahre alt geworden. Über die Umstände ihres Todes kann Becker derzeit ebenfalls nichts sagen. Er wolle sich mit den Kollegen aus der Anthropologie austauschen. Anhand des Gebisses - ein Zahn fehlt, einer ist kariös - ist laut Becker zu erkennen, dass sich die Person von sehr weicher und damit guter Nahrung ernährt habe. Denn die Zähne zeigten für die damalige Zeit wenig Abrieb. Dieser entstand sonst häufig dadurch, dass früher das Mehl vom Mahlen Steinabrieb enthielt. Dies deute darauf hin, dass es sich um jemanden aus dem Adelsstand oder eine Angehörige einer reichen Kaufmannsfamilie handeln könnte. »Es gibt entsprechende historische Überlieferungen«, sagt der Archäologe.

Von der 1210 erbauten Burg Tannenberg, auch als Burg Seeheim bekannt, gingen bis Ende des 14. Jahrhunderts unter Raubritter Hartmut von Kronberg Überfälle auf die Kaufmannszüge an der Bergstraße aus. Es sei also denkbar, dass es sich bei dem Skelett um ein Entführungsopfer handeln könnte, meint Hobbyarchäologe Lotter. Becker zieht es allerdings vor, zuerst den Fund zu untersuchen, bevor er sich von Quellen beeinflussen lasse. »Ich möchte lieber mit tatsächlichen Erkenntnissen Rückschlüsse ziehen.«

Auch der Fundort »neben der früheren Eselspforte, einem Durchgang in der Vorburg, der zum Wasserholen genutzt wurde«, wie Künzel erklärt, ist ungewöhnlich. Denn Begräbnisse fanden normalerweise nicht in ungeweihter Erde statt, sondern auf Friedhöfen und Begräbnisstellen, so Becker. Es sei denn, derjenige war aus der Gesellschaft ausgeschlossen worden, wie etwa ein Hingerichteter.

Künzel und Lotter haben eine weitere Idee zur Herkunft: Es könnte sich um einen von acht dokumentierten Toten handeln, die bei der Belagerung der Burg starben. Treffe dies zu, würden noch weitere sieben Skelette auf ihre Entdeckung warten. Claudia Kabel

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