24. August 2021, 20:21 Uhr

Und abends mit dem Traktor aufs Feld

Mark Faust ist Bauer aus Leidenschaft. Er sitzt gerne auf dem Traktor, er düngt und pflügt, sät und erntet. Sein Betrieb ist einer von rund 260 000 Höfen, die es aktuell in Deutschland noch gibt. Nach dem Krieg gab es mehr als zwei Millionen. Die Bauern (nicht nur) in Deutschland haben einiges hinter sich. Und der Strukturwandel ist noch nicht vorbei.
24. August 2021, 20:21 Uhr
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Von Burkhard Bräuning

Wenn andere nach einem langen Tag die Füße hochlegen, fängt für Mark Faust die zweite Schicht an. Hauptberuflich arbeitet der gelernte Industriemechaniker bei der Firma Weiß in Reiskirchen-Lindenstruth. Wenn er spätnachmittags nach Hause kommt, warten nicht nur Frau und Kinder auf ihn. Es gibt auch viel zu tun. Zumindest von Frühjahr bis Herbst. Faust ist das, was man manchmal etwas respektlos einen Flutlichtbauer nennt, weil er eben oft im Scheinwerferlicht arbeitet.

Oft wird Faust gefragt, wieso er ich das »antue«. Und er antwortet meist kurz und bündig: »Weil es mir Spaß macht.« Doch das ist es nicht alleine. Faust möchte auch die Tradition hochhalten. »Ich kenne das seit meiner Kindheit. Früher, als Opa und Oma noch da waren, hatten wir hier Milchkühe.« Doch das habe sich nicht mehr rentiert. Der Betrieb wurde umgestellt auf Schweinehaltung. Auch diese Zeit ist vorbei. »Heute halten wir noch 90 Hühner und verkaufen die Eier im Hofladen.« Man habe, so weit das möglich war, fast komplett auf Ackerbau umgestellt und baue hauptsächlich Getreide an, liefere, wenn die Werte stimmen, Winterbraugerste. Dazu Hafer und Weizen. »Und wir setzen auf den Kartoffelanbau. Regionales ist ja Gott sei Dank gefragt. Wir bauen die frühen Sorten Princess und Annabelle unter Vlies an, können also schon im Sommer ernten.« Im Spätsommer komme dann die Haupternte. »Fünf Sorten haben wir im Angebot: Belana, Linda, Laura (rot), Goldmarie und Agria verkaufen wir im Hofladen. Außerdem im Dorfladen in Freienseen, im Rewe-Markt in Mücke und seit diesem Jahr auch im Edeka-Markt Horst in Grünberg.«

Faust ist 47, steht also mitten im Leben. »Ich bin gerne draußen in der Natur, schaue manchmal hoch zum Himmel, erlebe viele Sonnenuntergänge, und manchmal sehe ich sie vom Traktor aus auch aufgehen. Das motiviert mich, aber manchmal stelle ich mir dann doch schon mal die Frage: ›Für was mache ich das eigentlich?‹« Faust arbeitet ja auch noch als Lohnunternehmer für andere Betriebe. Sein Tag ist also ziemlich ausgereizt. Klar sei, dass es nicht um einen großen Zusatzverdienst gehe. Wenn er seine Arbeitszeit in einen Stundenlohn umrechne, sei das nicht lukrativ. »Und dann noch der ganze Bürokram. Was noch an Arbeit dranhängt, das nimmt immer mehr zu. Man braucht viel Idealismus, sonst gibt man auf.« Andererseits sei es spannend, immer wieder den ewigen Zyklus vom Säen bis zum Ernten zu erleben. Mit all den Risiken, die man eingehe, aber auch mit all der Hoffnung auf eine gute Ernte. Die Familie arbeite mit. »Sonst geht es auch nicht.« Seine Eltern Gerlinde und Otmar seien mit ganzer Kraft dabei. Die Kinder Ben und Olivia helfen mit, so gut es neben der Ausbildung und der Schule geht. »Und meine Frau, die Teilzeit in der Grundschule in Freienseen arbeitet, bringt sich auch ein.« Das Teamwork funktioniere gut. »Jeder weiß, was er zu tun hat und macht das dann auch.« Eher selten gebe es auch mal einen Streit. »Aber das legt sich dann schnell.«

Was allen in der Familie gut gefällt: Vieles, was man esse, komme aus dem eigenen Garten oder vom Feld frisch auf den Tisch. Bis in den Herbst hinein ernte man Salat und Gemüse - und Kartoffeln natürlich. »Wir haben viele Obstbäume, alle Früchte werden verarbeitet.« Ein Onkel halte Schweine. »Da schlachten wir dann auch noch. Wir wissen also genau, wo die Lebensmittel herkommen, die wir verzehren.« Es gibt den alten Spruch »Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht.« Soll heißen: Landwirte sind Neuem gegenüber nicht aufgeschlossen. Heute hat dieser Satz laut Faust also einen ganz anderen, einen erfreulichen Sinn. Und man könnte ihn so ergänzen: »Würde der Städter kennen, was er isst, er würde umgehend Bauer werden.«

Faust ist realistisch, er weiß, dass die Zukunft für die Bauern in Deutschland nicht gerade rosig aussieht. Viele Vollerwerbsbetriebe kämpfen ums Überleben - und Jahr für Jahr verlieren einige den Kampf. Das Land liegt dann aber nicht brach. Die Betriebe, die bleiben, satteln drauf. Der Trend: Immer weniger Betriebe bearbeiten immer größere Flächen.

Diese Zahlen sprechen für sich: Vor 60 Jahren war ein Hof im Schnitt 7,5 Hektar groß, heute sind es etwas mehr als 60 Hektar. Dennoch halten sich auch noch viele kleine Höfe. Gleichwohl ist bei ihnen, wie auch bei Familie Faust, der Idealismus meist größer als das Einkommen.

In der Werbung für landwirtschaftliche Erzeugnisse wird das Bild des Bauern oft romantisch verklärt: Warmes Sonnenlicht flutet die Landschaft, frohe Menschen sitzen um einen massiven Holztisch und beißen lustvoll ihn das dunkle Brot, das dick mit Marmelade bestrichen ist. Oder mit Wurst. Mag sein, dass es bei manchen Bauern vielleicht sonntags so ist. Aber der Alltag sieht anders aus. Auch wenn die körperliche Arbeit heute durch den Einsatz von Maschinen deutlich reduziert wurde: Der Tag ist lang und hart. Für die, die Vieh halten, gibt es kein Wochenende, keinen Feiertag. Faust hat es gesagt, was viele Bauern zusätzlich bedrückt: Die Bürokratie nimmt Überhand. Auch haben nicht alle die gleichen Wettbewerbsbedingungen. Das Wetter und auf lange Frist gesehen das Klima sind ein wichtiger Faktor. Und Ackerboden ist nicht gleich Ackerboden. Wenn man den Lössboden der Wetterau mit den steinigen Feldern des Vogelsbergs vergleicht, wird auch dem Laien schnell klar, wer hier die bessere Ausgangsposition hat.

Die Familie Faust hadert nicht damit. Hilft ja auch nichts. Sie schaut nach vorne und hofft auf eine gute Ernte. So, wie viele Generationen vor ihnen. Das ist viel mehr als Familientradition. Das ist eine Existenzfrage.



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