02. Dezember 2020, 20:48 Uhr

Vakzin von Marburger Forschern vor Phase II

02. Dezember 2020, 20:48 Uhr
Grundlage für die Forschungen an dem Corona-Impfstoff der Marburger Wissenschaftler ist die Vorarbeit für einen Impfstoff gegen Mers, berichtet Prof. Stephan Becker, Direktor des Instituts für Virologie an der Philipps-Universität. FOTO: DPA

- Bei den sich überschlagenden Meldungen über den beginnenden Aufbau von Impfzentren und die ersten Zulassungsanträge für die Impfstoffe der Pharmaunternehmen Biontech/Pfizer und Moderna geht fast unter, dass sich noch andere Vakzine gegen das SARS-Coronavirus-2 in der Pipeline befinden. An einem solchen Impfstoff arbeitet auch eine Forschungsgruppe der Philipps-Universität Marburg in einer Kooperation mit der Ludwig-Maximilians-Universität München, dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung.

Frühere Forschung als Grundlage

Das Vakzin wird seit Oktober an 30 Frauen und Männern getestet. Wie Prof. Stephan Becker, Leiter des Instituts für Virologie an der Universität Marburg, in der vergangenen Woche bei einem Gespräch sagte, sollen klinische Phase-II-Studien mit mehreren Tausend Freiwilligen Ende Dezember beginnen; es ist die vorletzte Studienphase vor einer möglichen Zulassung.

Die Wissenschaftler setzen auf eine andere, komplexere Technologie als Biontech/Pfizer und Moderna mit ihren mRNA-Impfstoffen. Der Ansatz der Forschungsgruppe ist ein Vektorvirus-Vakzin, ein ebenfalls neues und genbasiertes Prinzip. Dabei könne das Team auf die Vorarbeit für einen Impfstoff gegen Mers zurückgreifen, sagt Stephan Becker. Mers ist eine Infektionskrankheit, die ebenfalls von einem Virus aus der Corona-Familie verursacht wird. Becker unterbrach die Arbeit daran 2014, weil er in die Entwicklung eines Ebola-Impfstoffs eingebunden war, und setzte sie 2017 fort. Auch der Mers-Impfstoff ist noch nicht zugelassen, wird aber seit 2018 klinisch geprüft.

Wie dieses Vakzin nutzt der Marburger Impfstoffkandidat gegen SARS-CoV-2 ein ungefährliches Virus als Vektor, um Erbmaterial des eigentlichen Erregers in den Körper zu schleusen. Bei diesem Miniaturshuttleservice handelt es sich um ein Pockenvirus mit Namen »Modifiziertes Vacciniavirus Ankara«. Becker und seine Kollegen haben es in mehreren Hundert Schritten entschärft.

In diesen Vektor wurden Teile des Erbguts von SARS-CoV-2 in Form von Boten-Ribonukleinsäure (mRNA) eingebaut - konkret: jene Genabschnitte, die den »Bauplan« für das Spike-Protein auf der Oberfläche des Virus enthalten. Wie bei den mRNA-Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna auch sollen die Zellen rund um die Einstichstelle der Impfung dann das Virusprotein selbst herstellen. Die Schutzwirkung entsteht dadurch, dass das Immunsystem anschließend Abwehrstoffe gegen das als fremd erkannte Protein bildet und diese bei einem späteren Kontakt mit dem Erreger abrufen kann.

Bei Einschränkung des Immunsystems

Ein Vorteil dieses Impfstoffs besteht laut Stephan Becker unter anderem darin, dass er auch bei jenen Menschen die erwünschte Schutzwirkung hervorrufen könne, deren Immunsystem nicht richtig arbeitet.

Gleichwohl werden zumindest am Anfang aber nur die kurz vor der Zulassung stehenden mRNA-Vakzine in Europa verfügbar sein. »Welcher Impfstoff sich für welche Bevölkerungsgruppe eignet«, sagt Becker, »werden wir erst in der Anwendungsbeobachtung sehen.« Pamela Dörhöfer

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