21. Juni 2021, 21:00 Uhr

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21. Juni 2021, 21:00 Uhr
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Aus der Redaktion
Suizid ist bei Kindern und Jugendlichen die zweithäufigste Todesursache. FOTO: DPA

Frankfurt - Es ist ein Jahr her. Am 21. Juni 2020 starb Emil, 16 Jahre alt. Ein Suizid. Tagelang hatte die Polizei den Jungen gesucht, die Familie mit Plakaten in der ganzen Stadt um Hinweise auf seinen Aufenthalt gebeten. Da hatte Emil sich schon das Leben genommen.

Für das Umfeld ist der Suizid eines Menschen nur schwer zu ertragen. Oft genug wird gar nicht darüber gesprochen. Aus Hilflosigkeit, aus Scham. »Es ist falsch, es nicht zu sagen«, sagt Emils Mutter Alix Puhl. »Wenn alle nichts sagen, lernt niemand, damit umzugehen.« Puhl möchte daher nicht über den Suizid ihres Sohnes schweigen. Sie hat nun gemeinsam mit Judith Junk, Lehrerin an der Max-Planck-Schule in Rüsselsheim, ein Projekt entwickelt, dass sie im Juli dem hessischen Kultusminister Alexander Lorz vorstellen werden: Depression und Suizidprävention sollen in allen hessischen Schulen und in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften zum Thema gemacht werden. Suizid sei nach Unfällen die zweithäufigste Todesursache bei Kindern und Jugendlichen, schreiben Puhl und Junk in ihrer Projektskizze. »Seelische Erkrankungen - auch etwa Essstörungen und Selbstverletzungen - muss man aber erkennen können«, sagt Puhl. Damit seien Lehrkräfte jedoch überfordert.

Emil ist das zweite von vier Kindern. In seinem letzten Schuljahr ging er in Japan auf ein Internat, das war sein eigener Wunsch. Doch dort hat niemand Emils Veränderung rechtzeitig wahrgenommen. Erst spät entdeckte die Schule suizidale Absichten und schickte ihn zurück nach Frankfurt. Hier wurde eine Depression diagnostiziert.

Etwa 90 Prozent aller Suizide erfolgten vor dem Hintergrund einer psychiatrischen Erkrankung, schreiben Puhl und Junk. Doch suizidale Absichten und Depressionen sind gerade bei Jugendlichen nicht leicht zu erkennen, verschließen sie sich doch ohnehin in der Pubertät Erwachsenen gegenüber. »Um das zu erkennen, braucht man eine Gemeinschaft«, sagt Puhl. Und zu der gehört die Schulgemeinde. Würden seelische Erkrankungen, die Themen Depression und Suizidprävention in die Ausbildung der Lehrkräfte integriert, gebe es eine Chance, »rechtzeitig und kompetent reagieren zu können«, sagte Puhl. Auch andere Mitglieder der Schulgemeinde müssten wissen, wo sie Hilfe bekommen könnten. »Die Freundinnen und Freunde sind die Ersten, die etwas bemerken«; sagt Puhl.

Puhl und Junk schlagen eine hessenweite Koodinierungsstelle vor. Innerhalb von drei Jahren sollte eine Strategie zur Suizidprävention konzipiert und nach und nach an den Schulen implementiert werden. Es könnte etwa Prophylaxetage an den Schulen geben, AGs, Elternabende.

Emil half keine psychologische Unterstützung in Frankfurt mehr. Er nahm sich einige Wochen nach seiner Rückkehr aus Japan das Leben. S. Busch



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