01. Juli 2021, 20:17 Uhr

Zocken ohne Grenzen

Seit gestern ist das OnlineGlücksspiel legal. Für Experten kommt dieser Schritt allerdings zu früh. Sie warnen vor mangelhaftem Schutz von Spielsüchtigen und fordern mehr Geld für die Beratungsstellen.
01. Juli 2021, 20:17 Uhr
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Aus der Redaktion
Die Lobby der Glücksspielindustrie hat sich durchgesetzt. Seit 1. Juli kann man in Spielhallen und online legal zocken. FOTO: DPA

Gestern trat bundesweit der Glückspielstaatsvertrag in Kraft. Ergänzt wird er in Hessen durch ein geändertes Glücksspielgesetz, das Mitte Juni vom Landtag verabschiedet wurde. Ein neues Spielhallengesetz wird ebenfalls erwartet, liegt aber noch nicht vor. Für die Expertinnen von der Landesstelle für Suchtberatung kommt die Legalisierung des Online-Glücksspiels zum 1. Juli zu früh. Weder gebe es Hinweise darauf, dass sie mit zusätzlichen finanziellen Mitteln ausgestattet würden, um sich der neuen Herausforderung zu stellen. Noch sei die von ihnen geforderte unabhängige Begleitforschung initiiert. Auch fragen sie sich, wer kontrollieren solle, ob die angekündigten Schutzmechanismen tatsächlich eingehalten würden, da die Bundesglücksspielbehörde erst in zwei Jahren arbeitsfähig sei.

Eine dieser Vorkehrungen ist das Limit von 1000 Euro pro Monat. Für einen normalen Haushalt sei die Summe ohnehin viel zu hoch, sagt Daniela Senger-Hoffmann, Landeskoordinatorin für Glücksspielsucht. Ein anderer Schutzmechanismus soll das Früherkennungssystem sein. Davon sei bislang nicht mehr bekannt als der Name, ergänzt Geschäftsführerin Susanne Schmitt. »Es fehlt an Konkretisierung und zeitnaher Umsetzung.« Ihre vernichtende Bilanz: »Das Land Hessen hätte deutlich mehr verankern können und hat diese Chance verpasst.«

Die beiden Frauen kämpfen seit Jahren dagegen, dass der Staat den Anbietern das Geschäft mit kranken Menschen noch leichter macht. Sie sind enttäuscht. Ihre auch in der Anhörung des Landtags geäußerten Vorschläge und Kritik seien zu wenig gehört worden, sagt Schmitt. »Wieder mal zeigt sich, dass die Industrie mehr gehört wird als Forschung, Wissenschaft und Praxis.«

Spielsüchtige werden nach Auffassung der Expertinnen an viel zu vielen Stellen geködert: im Internet, im TV, durch Bandenreklame im Fußballstadion. Dabei habe gerade die Beratung während der Corona-Pandemie gezeigt, welche starke Rolle äußere Anreize spielten. Wegen der Kontaktbeschränkungen waren die Spielhallen über Monate zu. »Viele Betroffenen haben die Zeit als Erholung empfunden, haben aufgeatmet, weil der Suchtdruck raus war«, sagt Senger-Hoffmann, die die 15 hessischen Fachberatungen für Glücksspiel koordiniert. Deren Klientel ist mit 80 Prozent überwiegend vom Automatenspiel abhängig. Bislang. Das, befürchten Schmitt und Senger-Hoffmann, könnte sich bald ändern, wenn diejenigen zur Besinnung kämen, die sich während des Lockdowns komplett in der Welt des Online-Zockens verloren hätten.

Was bisher noch illegal war, ist seit 1. Juli legal. Welche Auswirkungen das haben wird, ist noch nicht vorhersehbar. »Die Zahl der krankhaft Süchtigen wird sich dramatisch erhöhen«, mutmaßt Schmitt.

Fest stehe jedenfalls, dass die Beratungsstellen ihr Angebot ausweiten müssten. Auch um online präventiv tätig werden zu können, sagt Schmitt. »Dazu brauchen wir mehr Geld.« Hessen hat zwar angekündigt, künftig pro Jahr eine Million Euro für das Netz von Beratungsstellen gegen Glücksspielsucht zur Verfügung zu stellen. Doch diese Summe, sagt Schmitt, erhalte die Landesstelle seit Beginn des Projekts Fachberatung für Glücksspiel im Jahr 2008. »Das ist jetzt nur offiziell im Gesetz festgeschrieben.«



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